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In Hachmühlen profitieren jüngere Schüler von den älteren / Positive Erfahrungen nach anfänglicher Skepsis

Immer weniger Erstklässler – Kombi-Klassen als Lösung?

Hachmühlen. Die Kombiklasse ist auf dem Vormarsch. Seit Beginn des Schuljahres ist diese Unterrichtsform auch an der Grundschule Hachmühlen angekommen. Notgedrungen, denn die Zahl der Erstklässler reichte für eine eigenständige erste Klasse nicht mehr aus. Ein Problem, vor das sich in den kommenden Jahren voraussichtlich auch andere Grundschulen im Stadtgebiet gestellt sehen werden – der viel zitierte demografische Wandel ist da. Ein Unterrichtsbesuch:

Individuelle Unterstützung: Silke Kleuker gibt den Zweitklässler
Jens

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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

Grundschullehrerin Silke Kleuker sitzt mit sieben Erstklässlern in einem Kreis in einer abgetrennten Ecke des Klassenzimmers – der Ecke, in der sie zuvor zum Morgenkreis mit den Zweitklässlern zusammengekommen waren. Die Lehrerin bespricht mit ihnen die nächsten Aufgaben. Immer zu zweit sollen sie arbeiten, aus einem Stapel Karten mit Symbolbildern die Gegenstände heraussuchen, in denen das „n“ vorkommt. Der Mond wandert auf den rechten Stapel, das Auto nach links. Ganz leise sind die Kleinen dabei – vielleicht deshalb, weil ein paar Meter weiter die elf Zweitklässler konzentriert in ihrem Übungsheft weiterarbeiten. Dann bekommen die Erstklässler ein Arbeitsblatt zu ihrem Thema und setzen sich wieder auf ihre Plätze – an die Tische zwischen ihre größeren Mitschüler. Die einzige, die permanent im Klassenzimmer unterwegs ist, ist Silke Kleuker. Sie erklärt, hilft, lobt, ermahnt, gibt Tipps.

Als sich abzeichnete, dass sie eine Kombiklasse übernehmen sollte, hielt sich ihre Begeisterung zunächst in engen Grenzen. „Wir haben uns dieses Modell nicht ausgesucht. Andere Lehrer haben ein bis zwei Jahre zur Vorbereitung Zeit, ich hatte die Sommerferien“, sagt sie – und im Vorfeld des Schuljahres waren sie und ihre Schulleiterin Ursula Börns zudem kräftig damit beschäftigt, die Befürchtungen und Sorgen der Eltern zu zerstreuen. Mit jedem neuen Schultag fanden sich jedoch neue positive Erfahrungen und Momente, sodass das Modell in Hachmühlen keineswegs nur als Notlösung gesehen wird. Börns erinnert an die Erfahrungen in anderen Bundesländern wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen, Bayern und Schleswig-Holstein, in denen die Kombiklasse für Klasse 1 und 2 auch da Regelfall ist, wo ausreichend Schüler zur Verfügung stehen. „Und das aus gutem und pädagogisch durchdachtem Grund“, so die Schulleiterin.

In den vergangenen 15 Jahren haben zahlreiche Bundesländer das Konzept in Modellversuchen erprobt, zumeist mit den Klassen eins und zwei. Ergebnis: Die Leistungen der Schüler unterschieden sich nicht von denen in regulären Klassen, das soziale Lernen war allerdings deutlich ausgeprägter.

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  • Die Erstklässlerinnen Fiona und Lea arbeiten mit Buchstaben – aus Knetmasse.

Eine Feststellung, die auch Silke Kleuker gemacht hat. „Die Großen zeigen den Kleinen, wie es geht. Sie festigen durch das Erklären selbst ihr Wissen – und merken sehr schnell, wenn ihre Erklärung vielleicht noch nicht gelungen ist.“ Die älteren Schüler nehmen Rücksicht auf die Erstklässler, erkennen, wenn jemand Unterstützung benötigt. Das zeige sich im täglichen Umgang. Gute Schüler kämen schnell vorwärts, schwächere Schüler könne sie besser fördern, weil die Kinder sich gegenseitig helfen und sie so für den Einzelnen mehr Zeit habe. Nachteile in diesem Modell sehen Kritiker dennoch für Kinder, die sich nicht gut konzentrieren können und starke Lehrerführung brauchen, weil sie mit dem selbst gesteuerten Lernen überfordert sind.

Deutlich mehr Arbeit bedeutet die Kombi-Klasse für die Lehrerin: Sie muss die Inhalte für den Unterricht in zwei Klassenstufen vorbereiten. „Das Modell erfordert vom Lehrer eine sehr gute Organisation, sehr gute Vorbereitung, damit jeder Schüler dort abgeholt werden kann, wo er gerade steht“, sagt Silke Kleuker. Und auch die Gespräche mit den Eltern seien häufiger: „Die wollen natürlich wissen, wie es läuft.“

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