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Immer mehr Rauchern bleibt die Luft weg

Die kalten Tage haben sie fast ganz von den Straßen und Plätzen vertrieben: Die Rauchergrüppchen vor Lokalen und Restaurants, vor Geschäftshäusern und öffentlichen Einrichtungen. Drinnen dürfen sie nicht rauchen, draußen ist es ungemütlich. Viele bleiben deswegen lieber gleich zu Hause, rauchen eine Zigarette und diskutieren mit der Familie oder Freunden und Bekannten mehr oder minder kritisch über die Folgen des Nichtraucherschutzgesetzes – ganz subjektiv natürlich. Unterdessen laufen Zigarettenindustrie und das Gastronomiegewerbe auf nationalem und internationalem Parkett Sturm gegen ein Gesetz, dessen offizieller Name „Niedersächsisches Gesetz zum Schutz vor den Gefahren des Passivrauchens“ lautet, weil Arbeitsplätze und die gesamte Wirtschaftslage in Gefahr seien.

Was hat das Nichtraucherschutzgesetz gebracht? Noch gibt es in D

Autor:

Matthias Rohde

Diesem Ängste schürenden Krisengespenst widerspricht jedoch Dr. med. Martina Pötschke-Langer mit Vehemenz. Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) Heidelberg meint: „Selbstverständlich leidet die Zigarettenindustrie unter den zum Teil drastischen Umsatzeinbrüchen, aber das Gesetz soll Nichtraucher schützen und diesen Zweck erfüllt es nachweislich.“ Der Wirtschaft insgesamt schaden die weniger verkauften Zigaretten nicht, behauptet sie.

Dem DKFZ liegen seit kurzem Daten aus einigen europäischen Ländern, wie Irland, das bereits 2004 ein entsprechendes Gesetz verabschiedet hat, sowie Norwegen (2005) und England (2007) vor, die laut Pötschke-Langer eines belegen: „Im ersten Jahr nach Einführung der jeweiligen Gesetze hat der Tabakkonsum abgenommen und die Zahl der Herzkreislauferkrankungen ist messbar zurückgegangen.“ In Deutschland gebe es zur Zeit noch keine Erhebung über die gesundheitlichen Auswirkungen des Nichtraucherschutzes, so die Medizinerin weiter, jedoch sei sie sich sicher, dass der seit zehn Jahren deutlich werdende Abwärtstrend bei der Anzahl an Herzinfakten durch das Nichtraucherschutzgesetz zusätzlich begünstigt werde.

Im Hamelner Krankenhaus spürt man von diesem Rückgang allerdings noch nichts. Der Notarzt und Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin Oliver Kersting sagt: „Ein Rückgang der Herzkreislauferkrankungen in Hameln ist derzeit noch nicht feststellbar.“ Innerhalb der nächsten Jahre aber rechne er damit, dass die positiven Auswirkungen des Nichtraucherschutzes messbar werden, so der Facharzt weiter.

Es sind aber nicht nur die vielen unterschiedlichen Herz-Kreislauferkrankungen, vor denen das DKFZ warnt. Pötschke-Langer: „Vom Lungenkrebs bis zur Leukämie werden rund zehn unterschiedliche Krebsarten durch das Rauchen ausgelöst und rauchende Diabetiker sterben wesentlich früher als nicht rauchende.“ Neben weiteren Stoffwechselerkrankungen ließen sich zudem einige Krankheiten im Mund, sowie Impotenz und Unfruchtbarkeit auf die Folgen von Tabakkonsum zurückführen, so die DKFZ-Stabsstellenleiterin.

Von einer neuen Volkskrankheit gar spricht Dr. med. Michael Hamm: „Neun von zehn COPD-Patienten sind Raucher oder waren es einmal.“ COPD, das steht für Chronic Obstructive Pulmonary Disease, übersetzt: Chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Als Chefarzt der Lungenklinik Diekholzen, in der jedes Jahr auch Schaumburger behandelt werden, sieht Hamm jeden Tag die Auswirkungen des Rauchens.

„Der Leidensdruck der Menschen ist im Endstadium der Erkrankung enorm hoch. Eine dauerhafte Atemnot ist für gesunde Menschen nur schwer nachzuvollziehen“, sagt er und führt aus, dass sowohl COPD-, als auch Lungenkrebspatienten in den allermeisten Fällen erst dann medizinische Hilfe in Anspruch nähmen, wenn es schon fast zu spät sei. „Die Lunge selbst ist nicht schmerzempfindlich und erst wenn der Krebs auf andere Strukturen übergreift, kommen die Menschen mit Schmerzen zum Arzt.“

Rund 90 Prozent aller Lungenkarzinome sind für Fachmann Hamm dem Rauchen zuzuschreiben und 80 Prozent davon unheilbar. Nur schwer und sehr vage ließe sich sagen, wie viel Zeit für einem Raucher von der ersten Tumorzelle bis zur Diagnose „unheilbarer Lungenkrebs“ vergehe, aber abhängig von der körperlichen Konstitution, dem Alter, der Schwere der Erkrankung und dem Rauchverhalten vergingen im Durchschnitt rund zwei Jahre, so Hamm. Die durchschnittliche Lebenserwartung nach Diagnosestellung läge bei circa eineinhalb bis zwei Jahren.

Wie Hamm behandelt auch der Hamelner Facharzt für Lungenheilkunde Dr. med. Klaus-Peter Gehrig tagtäglich COPD-Patienten in seiner Praxis. Er meint: „Schon jetzt gehört COPD zu den fünf häufigsten Todesursachen weltweit und die Zahl der COPD-Patienten steigt seit Jahren unaufhörlich.“ Gehrig vermutet, dass in absehbarer Zeit die Atemwegserkrankungen die Herzkreislauferkrankungen als häufigste Todesursache ablösen könnten. Rund 200 Patienten mit schwerem COPD oder Lungenkrebs überweist Gehrig jedes Jahr in die beiden nahegelegenen Spezialkliniken in Diekholzen und Hannover. Als besonders schlimm bewertet Gehrig die durch rauchende Eltern verursachten Atemwegserkrankungen von Kleinkindern und noch eines fällt dem Hamelner Mediziner auf: „Die Erkrankungen bei Frauen nehmen zu.“ Und obwohl die Menschen immer älter werden, sagt Gehrig, sinke das Durchschnittsalter, gerade bei COPD- und Lungenkrebspatienten.

Jung oder alt, Mann oder Frau: Hamm und seinen Kollegen in den Lungenkliniken stehen für die Behandlung von unheilbaren Patienten einige Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Jedoch: „Gerade bei COPD-Patienten ist die medikamentöse Behandlung sehr schwierig“, sagt der Chefarzt und fügt an: „Um messbare Ergebnisse bei der Lebenserwartung zu erzielen, müssen Patienten mit schweren Lungenfunktionsstörungen oft 14 bis 16 Stunden pro Tag mit einer Langzeitsauerstofftherapie behandelt werden.“ Der medizinische Leiter der 90-Betten-Klinik betont dabei, dass diese aufwendige Behandlung für viele Patienten enorme Veränderungen bedeute: Soziale Kontakte, Freizeitaktivitäten, nicht zuletzt der Beruf, alles müsse sich an der zeitaufwendigen Behandlung orientieren.

Und gerade weil der Chefarzt täglich die Auswirkungen von Nikotinkonsum vor Augen hat, hält er große Stücke auf das Nichtraucherschutzgesetz, spricht auch von Ethik und Anstand, wenn Raucher in Restaurants und Gaststätten auf ihre Zigarette „danach“ verzichten müssen. „Die Zeiten, in denen das Rauchen lediglich als Belästigung gesehen worden ist, sind passé. Das Rauchen ist eine wissenschaftlich messbare, Gesundheitsgefährdung.“

Und das eben nicht nur für die Raucher selbst, sondern auch für Nichtraucher, die den Rauch ungewollt einatmen. Anita Krause, für das Weserbergland zuständige Präventionsberaterin der AOK, betont: „Unabhängig davon wie stark sich ein Nichtraucher vom Zigarettenqualm belästigt fühlt, ist es für ihn eine Gesundheitsgefährdung und das Bewusstsein für diese Gefährdung wächst.“

Das Nichtraucherschutzgesetz zeige erste Erfolge bei einer besonders betroffenen Risikogruppe: den Jugendlichen. Pötschke-Langer erklärt, dass die Zahl der jugendlichen Raucher deutlich zurückgegangen sei. „Das Rauchen hat bei den Jugendlichen nicht mehr den Stellenwert, den es einmal gehabt hat. Die Akzeptanz gegenüber dem Rauchen ist deutlich gesunken.“ Chefarzt Hamm bestätigt, denn: „Zwar ist unser Haus eine ausschließlich für Erwachsene vorgesehene Klinik, aber aus den Gesprächen mit Patienten, Angehörigen und Besuchern ergeben sich immer häufiger Anhaltspunkte dafür, dass jugendliche Verwandte dem Zigarettenkonsum abschwören oder gar nicht erst anfangen zu rauchen.“

Der Wirkstoff, der das Rauchen so tückisch macht, ist Nikotin. Nikotin sei vor allem deswegen so gefährlich, weil es einerseits das Belohnungszentrum im Gehirn stimuliere und die damit einhergehende Dopaminausschüttung ein stetig steigendes Verlangen nach Nikotin erzeuge und gleichzeitig Teile des Gehirns beeinträchtigt werden, die für das Lernen zuständig seien, klärt Pötschke-Langer auf. „Nach relativ kurzer Zeit lernen Raucher dann ‚die Zigarette nach dem Essen‘, ‚die Kippe vor dem Schlafen‘, und so weiter als etwas ihnen gut tuendes wahrzunehmen.“, sagt sie. Ein Teufelskreis, eine Sucht, die zu besiegen den einen oder anderen Raucher vor ein unlösbares Problem stellt.

Den Wunsch, mit dem Rauchen aufzuhören, haben viele Raucher mehrmals in ihrer Qualmkarriere; den Wunsch auch in die Tat umzusetzen, das schaffen jedoch nur die wenigsten. Präventionsberaterin Krause erinnert sich an die Zeit, als sie selber Kurse geleitet hat, und schätzt, dass rund 40 Prozent der Versuche, mit dem Rauchen aufzuhören, erfolgreich sind.

Von den Hilfsangeboten, wie Pflaster, Kaugummi und Schockfotos auf Zigarettenschachteln, halten die Mediziner Gehrig und Hamm wenig. Krause hingegen meint: „Zwar treten nur bei rund 50 Prozent der Raucher, die aufhören wollen, gravierende Entzugserscheinungen auf, aber gerade für diese Gruppe können Nikotinpflaster und -kaugummis eine Unterstützung sein.“ Die Krankenkassen haben unterschiedliche Kursprogramme aufgelegt und machen Rauchern einige Angebote. Zahlreiche Studien belegten immer wieder, so Hamm und Gehrig unisono: „Die Hauptsäule der Behandlung von Lungenkrebs und COPD ist das Nichtrauchen.“

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