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Rat und Hilfe aus dem Internet: Niedrigschwelliges Angebot mit wachsender Reichweite

Im Seelsorge-Chat um Gott und die Welt

Rinteln (ur). In diesen Tagen kann die evangelische Chat-Seelsorge auf ihr fünfjähriges Bestehen zurückblicken und da mit Pastor Stephan Lorenz auch ein Rintelner zum Leitungsgremium der Einrichtung gehört, nehmen wir dies zum Anlass, diese Internet-Institution einmal vorzustellen.

Pastor Stephan Lorenz an seinem Arbeitsplatz. Foto: tol

Zweimal wöchentlich ist die Chat-Seelsorge online, jeweils nur für zwei Stunden: "Der Chat ist als ein niedrigschwelliges Seelsorge- und Beratungsangebot zu Glaubens- und Lebensfragen konzipiert. Dadurch kann zum einen erreicht werden, dass das Angebot sehr gezielt aufgesucht wird - zum anderen aber kann dadurch auch abgesichert werden, dass der Chat von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern moderiert wird", erläutert Lorenz, der hauptberuflich in der Krankenhausseelsorge tätig ist. (Der Chat ist jeweils am Montag und Mittwoch ab 20 Uhr online unter der Adresse www.chatseelsorge.de). Das Seelsorge-Team besteht grundsätzlich aus Menschen mit abgeschlossener Ausbildung und Erfahrung in sozialen und kirchlichen Berufsfeldern. Die Mitglieder sind selbstverständlich zu seelsorgerlicher Verschwiegenheit verpflichtet, unterstehen dem Beichtgeheimnis und qualifizieren sich in Supervisionen und Fortbildungen weiter. "Wir kooperieren dabei mit der Telefonseelsorge, verschiedenen Beratungsstellen und bei Bedarf auch mit den Gemeinden, denen die Ratsuchenden angehören", verweist Lorenz auf die Einbindung der vergleichsweise neuen Institution, die vor allem von den Landeskirchen Hannover und Rheinland getragen wird, aber auch Persönlichkeiten aus anderen Landeskirchen wie Oldenburg und Bremen einschließt. Der Kreis der Hilfesuchenden beschränkt sich allerdings nicht auf diesen Raum: "Wir hatten und haben auch immer wieder Anfragen von deutschsprachigen Nutzern aus dem Ausland, die eben über Lebensfragen lieber mit Menschen in ihrer Muttersprache kommunizieren." Darunter befinden sich Auswanderer, aber auch Aussteiger und Pensionäre, die sich etwa auf Mallorca oder in Italien niedergelassen haben. "Im Chat sind zwar alle Altersgruppen vertreten,überwiegend aber fühlen sich Menschen zwischen 20 und 30 angesprochen, die schon mit dem Internet aufgewachsen sind", analysiert der Rintelner Seelsorger. Erkennbar ist allerdings auch bei vielen älteren Chat-Besuchern, dass für sie die Kommunikation im Internet längst alltägliche Realität geworden ist - oft wohl auch, um einer tief empfundenen persönlichen Isolation zu entgehen. Zunächst werden die Teilnehmer mit den Seelsorgern konfrontiert, die gerade als Moderatoren tätig sind. Darüber hinaus gibt es aber im offenen Chat auch Gespräche der Teilnehmer untereinander - und in etlichen Fällen suchen die "User" auch gezielt eine Fortsetzung oder Wiederaufnahme mit dem Mitarbeiter, der ihnen schon aus früheren Dialogen bekannt ist. Bei allem Selbstvertrauen und trotz aller Erfahrung ist den Chat-Seelsorgern eines bewusst: "Wir bieten Alltagsseelsorge, aber keine psychologische Beratung". Und selbstverständlich gilt darüber hinaus: Psychische Krankheiten sind über das Internet nicht therapierbar." Helfen können die Chat-Seelsorger aber bei der Klärung, wie jemand zu einer geeigneten Therapie kommen kann - und auch als Möglichkeit, die mitunter lange Wartezeit bis zu einer qualifizierten persönlichen Beratung zu begleiten, kann die Chat-Seelsorge hilfreichsein. Durch das strukturierte und zeitlich limitierte Angebot gibt es so gut wie nie reine "Juxmeldungen", sondern nahezu ausschließlich ernsthafte Anfragen und Diskussionen. "Bei Bedarf können diese aus dem offenen Chat auch in "private Räume" verlegt werden, wobei dann auch Gespräche über die Öffnungszeiten hinaus möglich sind oder auch zu anderen Zeitpunkten terminiert werden können. Ein besonderer Bedarf für dieses Beratungsangebot hat sich inzwischen aus der Gruppe der sogenannten Russlanddeutschen artikuliert: "Immerhin ist dies in Niedersachsen die stärkste Migrationsgruppe." Viele Spätaussiedler hätten einen christlich-evangelischen Hintergrund: "Und wo diese Menschen aus der ersten Zuwanderungsgeneration noch ein Mutterland Russland und ein Vaterland Deutschland haben, so haben die Angehörigen der 2. und 3. Generation ihre spezifischen Probleme und Strategien bei der Integration." Deshalb arbeiten Lorenz und seine Kollegen inzwischen an einem Projekt für ein zusätzliches Chatseelsorge-Angebot, das sich an den Bedürfnissen dieser Zielgruppe orientiert. Mit dem in Russland bereits für die Telefonseelsorge geläufigen Begriff "Doweria" hat man dafür bereits eine Art "Markenzeichen" gefunden, wobei für dieses Angebot ausreichend Berater mit deutschen und zugleich russischen Sprachkenntnissen zu qualifizieren sind.

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