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"Ich habe Angst" - Hamelnerin flüchtet aus Japan

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Die Hamelnerin Janina Scharenberg (23) studiert Asienwissenschaften in Bonn und hält sich derzeit in Yokohama auf. Eigentlich wollte die junge Frau bis 9. April in Japan bleiben. Doch nun will sie das Land so schnell wie möglich verlassen: Wie viele Deutsche flüchtet sie aus Angst vor der radioaktiven Strahlung. Chefreporter Ulrich Behmann hat mit der Studentin ein Interview geführt.  

  • Frau Scharenberg, Sie studieren Asienwissenschaften in Bonn, haben ein Jahr an der Keio-Universität in Tokio Vorlesungen besucht und halten sich derzeit zu Studienzwecken für zwei Monate in Yokohama auf. Wie haben Sie das verheerende Erdbeben und den Tsunami erlebt? Was haben Sie davon gespürt?
    Ich war gerade mit Freunden in einem Buchladen, als es in Tokio zu wackeln angefangen hat. Erst fühlte es sich wie ein ganz normales Erdbeben an, wie es sie hier öfter gibt. Aber dann hörte es gar nicht mehr auf, es dauerte bestimmt über zwei Minuten lang und das Rütteln wurde immer stärker. Wie auf einem Schiff. Als dann die ersten Bücher aus den Regalen fielen und die Menschen nach draußen liefen, wusste ich, dass das kein normales Erdbeben mehr sein konnte. Das konnte man an den Gesichtern der Japaner sehen, die ja eigentlich an Erdbeben gewöhnt sind. Strommasten haben sich bewegt wie Gräser im Wind und vom Haus gegenüber stürzte irgendwas auf die Straße. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich habe versucht, wie alle anderen auch, zu Hause anzurufen, um zu fragen, ob alles okay ist, aber ich bin einfach nicht durchgekommen. Selbst als es vorbei war, haben meine Beine so gezittert, dass ich dachte, das Beben hält immer noch an. In dem Moment wusste ja noch keiner von uns, wie stark das Beben wirklich war. Erst später im Radio habe ich erfahren, dass das Epizentrum in der Präfektur Miyagi lag, über 400 Kilometer weit weg und dass es einen Tsunami gab. Es war ein unglaubliches Verkehrschaos, weil alle Bahnen aufgehört haben, zu fahren. Wir haben sieben Stunden mit dem Auto nach Hause gebraucht.
  • Uns erreichen Nachrichten, wonach in Japan das Benzin rationiert wurde. Auch sollen die Supermärkte mittlerweile leergekauft sein. Wie erleben Sie die Situation in Yokohama und in Tokio? Was bekommen Sie davon mit?
    Bis gestern gab es hier gar kein Benzin. Erst heute haben die Tankstellen wieder geöffnet. Für ein paar Liter muss man Schlange stehen. Es dauert bestimmt 45 Minuten, bis man dran ist. Ich lebe bei einer Gastfamilie. Wir haben sehr viele Lebensmittel eingekauft und uns größere Vorräte angelegt. Wer nach 11 Uhr einkaufen geht, bekommt häufig kein Brot, Wasser und Milch mehr. Dann sind die Regale wieder leer. Da muss man schon früher aufstehen.
  • Japans Ministerpräsident Naoto Kan hat heute erstmals bestätigt, dass radioaktive Strahlung in der Umgebung des Atomkraftwerks Fukushima 1 stark zugenommen hat. Nun hat der Wind gedreht, er weht in Richtung Süden, wo auch Tokio liegt. Radioaktive Partikel könnten in einen Ballungsraum mit 35 Millionen Menschen geweht werden. Sie wollten ursprünglich bis zum 9. April bleiben - werden Sie wegen der Explosionen im Atomkraftwerk Fukushima und der damit verbundenen radioaktiven Strahlung früher als geplant nach Hause zurückkehren?
    Ja. Ich wollte zunächst nicht weg, weil ich meine Gastfamilie nicht alleine lassen wollte. Wir haben selber Verwandte oben in Miyagi, die wir letztes Jahr noch besucht haben. Kontakt gibt es mittlerweile nicht mehr. Es ist schlimm. Aber nachdem die ganzen Schreckensmeldungen zugenommen haben, habe ich mich entschlossen, früher abzureisen. Das ist besser für mich und besser für meine Eltern daheim in Hameln. Erst habe ich einen Flug am 21. März bekommen. Dann aber hat die Fluggesellschaft angerufen und mir mitgeteilt, ich könnte schon am 18. März über Dubai nach Deutschland fliegen. Da habe ich sofort zugegriffen. Ich weiß nicht wie ich die Zeit bis dahin noch aushalten soll. Körperlich geht es mir zwar gut, aber psychisch nicht. Die schrecklichen Bilder, die Nachrichten über die radioaktive Strahlung und das Wissen um die vielen armen Menschen, die jetzt in großer Not sind - das alles setzt mir sehr zu. Außerdem gibt es ständig noch Nachbeben, erst heute Morgen wieder. Jedes Mal hoffe ich, es bebt in Nagano oder in Westjapan, bloß nicht in Fukushima. Ich liebe dieses Land sehr. Es ist furchtbar, mit ansehen zu müssen, wie die Menschen, die Opfer dieser schlimmen Katastrophen geworden sind, leiden müssen und keiner weiß, wie sich die Lage in den Atomkraftwerken noch weiter entwickelt.
  • Nach Angaben des Kernforschungszentrums in Karlsruhe soll die Strahlung in Tokio bereits jetzt sieben Mal höher sein, als normal. Was erfahren Sie vor Ort über die Situation? Haben Sie Angst?
    Ja, ich habe mittlerweile Angst. Bestimmt stündlich gibt es eine neue Pressekonferenz, die vom Fernsehen übertragen wird. Und stündlich scheint die Lage schlimmer zu werden. Meine Gasteltern bleiben ganz ruhig. Sie versuchen mich zu beruhigen, sagen, Fukushima sei doch weit weg. Überhaupt reagieren die Japaner hier ziemlich ruhig. Zahlen über Strahlungswerte in Tokio gibt es hier im Fernsehen noch nicht. Ich glaube, sonst würde eine Panik ausbrechen. Über Facebook und StudiVZ bin ich mit Freunden verbunden. Die meisten haben Tokio bereits verlassen, nach Westjapan oder ins Ausland.
  • Wie werden Sie sich bis zu Ihrem Abflug vor radioaktiver Strahlung schützen?
    Wir bleiben im Haus, gehen so selten wie möglich auf die Straße. Eigentlich sitzen wir aus Angst vor Nachbeben bereits seit Sonnabend die meiste Zeit nur in der Wohnung und schauen Fernsehen. Wir haben Atemmasken und auch Jodlösung zum Gurgeln. Es soll ja auch Jodtabletten geben, so was haben wir aber noch nicht genommen. Ich hoffe, dass ich es schaffe, gesund nach Hause zu kommen und dass es auch meiner Gastfamilie und meinen Freunden weiterhin gut geht.
Janina
  • Janina Scharenberg lebt zur Zeit in Yokohama. Das Tor im Hintergrund gehört zum Itsukushima Schrein in der Nähe von Hiroshima. Es ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten in Japan.
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