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Lokalstudie über die Reichserntedankfeste ist Teil eines Forschungsprojektes an vier Universitäten

Historikerin rollt Thema Bückeberg neu auf

Emmerthal (wer/cb). Die Lüneburger Historikerin Anette Blaschke arbeitet an einem Forschungsprojekt über die „Reichserntedankfeste“. Sie untersucht, wie die propagandistischen Masseninszenierungen auf dem Bückeberg in der unmittelbaren Umgebung wahrgenommen wurden, welche Rolle sie im Alltag der benachbarten Bevölkerung spielten. Blaschke will eine lokale Gesellschaftsgeschichte in den Dörfern und Gemeinden Hameln-Pyrmonts schreiben, die den Stellenwert der ideologischen Überhöhung des Bauernstandes im Nationalsozialismus neu vermisst.

Wilhelm Hölscher zeigt einen Klappstuhl, der zu den Reichsernted

Die Lokalstudie soll den Titel „Niedersächsische Provinzbevölkerung zwischen ,Blut-und-Boden-Inszenierungen und Alltag in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft’“ tragen und ist Teil eines größeren Forschungsprojektes an vier niedersächsischen Universitäten, in dem in elf Teilstudien die vermeintlich existierende NS-„Volksgemeinschaft“, deren Konstruktion, Wirkungsmacht und Erinnerung, im Mittelpunkt steht.

Für ihre Studie sucht Anette Blaschke historische Quellen auch außerhalb der Archive. Von besonderem Interesse sind für sie Devotionalien oder private Aufzeichnungen, die im Zusammenhang mit den „Reichserntedankfesten“ stehen, wie zum Beispiel Ernteplaketten, Postkarten, Bildbände, Fotos, persönliche Briefe oder Tagebücher.

Aufbauen kann sie dabei auf den Studien des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom, der zu dem Thema bereits eine Broschüre erarbeitet und eine Ausstellung konzipiert hat. „Wir stehen in gutem Kontakt“, verweist er beispielsweise auf einen Besuch der jungen Historikerkollegin in Emmerthal in der Vorwoche. Einen ganzen Tag Zeit für den Bückeberg nahm sich jüngst auch Prof. Mats Bur-ström, Lehrstuhlinhaber in Stockholm für Archäologie der modernen Zeit, der sich von Gelderblom das Areal der NS-Massenveranstaltungen zeigen ließ. Er habe sich überrascht gezeigt, dass die Erschließung des Bückeberges als historischer Ort fehle, so Gelderblom.

Zwar wartet er weiterhin auf Signale der Politik, wie es mit dem geplanten Denkmalschutz für den Ort der Reichserntedankfeste weitergeht, doch bleibt der Historiker nicht untätig. Gelderblom arbeitet derzeit an einem Entwurf für einen sogenannten Geschichtspfad, was deutlich macht, dass von einem Dokumentationszentrum, das von einigen befürchtet wird, keine Rede ist. In einer Art Rundgang sollen bei dem Geschichtspfad Schautafeln über die entsprechenden geschichtsträchtigen Stellen – einige Relikte aus den dreißiger Jahren sind nach wie vor erkennbar – informieren. Am 2. Juli will Gelderblom den Entwurf der Fachkommission der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten vorstellen, im Herbst soll das Konzept von einem Wissenschaftsgremium diskutiert werden.

Außerdem befasst er sich zusammen mit anderen Historikern mit einem Inhaltskonzept für eine Ausstellung zum Bückeberg, die die Ereignisse in die Landwirtschaftspolitik des Dritten Reiches einordnet. Noch seien die Pläne vorläufig. „Ich warte auf den Tag X, wenn die Sache mit dem Denkmalschutz klar ist“, sagt Gelderblom.

Abwartend zeigt sich derweil auch Bürgermeister Andreas Grossmann. Seit dem Besuch des für den Denkmalschutz zuständigen früheren Ministers Lutz Stratmann Ende vergangenen Jahres in Emmerthal habe die Gemeinde nichts mehr vom Land gehört. Grossmann: „Wir warten darauf, dass man uns konzeptionell etwas vorlegt.“

Für das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege sind die Fragen hingegen bereits grundlegend geklärt. Das Symposium zum Bückeberg mit Experten in Hannover im vergangenen Jahr habe deutlich gemacht, dass das Gelände aus historischer Sicht eindeutig ein Denkmal sei. „Daran besteht für mich kein Zweifel“, betonte gestern erneut der Präsident des Landesamtes, Dr. Stefan Winghart. Es werde vorbereitet, den Bückeberg in das Denkmalverzeichnis mit aufzunehmen – „als Kür sozusagen“. Weitere Verfahrensschritte sind nicht vorgesehen. Zwar könne das Landesamt sich auf Nachfrage beispielsweise mit der Gemeinde Emmerthal beratend zusammensetzen, aber „dazu werden wir nicht die Initiative ergreifen“, sagte Dr. Winghart.

Wer das Forschungsprojekt über die Reichserntedankfeste unterstützen möchte, kann seine Materialien an folgende Adresse schicken: Anette Blaschke, Lauen-steinstraße 13, 21339 Lüneburg. Mail: blaschke@foko-ns.de.

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