weather-image
19°

Hirnanhangdrüse springt immer früher an

Der Lebensabschnitt der Pubertät beginnt biologisch, wenn die Hirnanhangdrüse ein hormonelles Signal an den Körper sendet, in bestimmten Organen verstärkt Geschlechtshormone herzustellen. Für viele Eltern wird ihr Kind dann zum Rätsel. Wann nun eigentlich genau die Verhaltensphase der Pubertät beginnt, das ließe sich pauschal und allgemeingültig nicht sagen, so die Wissenschaft. „Pubertät ist, wenn die Eltern komisch werden“, lautet einer der Sätze, die zwar einerseits einer Bauernweisheit gleichkommen, andererseits aber auch dem individuellen Zeitpunkt über den Beginn der Pubertät Rechnung tragen. Eines jedoch, da ist man sich in Expertenkreisen einig, habe sich im Vergleich zu vorherigen Generationen maßgeblich geändert: Die Pubertät beginnt früher und verläuft diffuser, wie der in Hameln praktizierende Psychologische Psychotherapeut Dr. Michael Heilemann feststellt.

270_008_4474285_hin104_0303.jpg

Autor:

Matthias Rohde

„Es gibt unterschiedliche Faktoren, die den Beginn und den Verlauf der Pubertät beeinflussen“, so Heilemann. Ernährungsgewohnheiten hätten sich beispielsweise massiv geändert, in deren Folge auch hormonelle Veränderungen zu verzeichnen seien, aber auch spezielle gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussten die Pubertät.

Die Sozialwissenschaftlerin Gabriele Fischwasser-von Proeck: „Das System Familie hat sich in den letzten Jahrzehnten in unserem Kulturkreis massiv geändert, und die neuen Medien haben immer mehr an Bedeutung gewonnen.“ In einem Fernsehinterview hat der Direktor des Zentrums Frauen-, Kinder- und Jugendpsychosomatik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, erklärt, dass die Pubertät für Jugendliche vor allem eine Zeit der Neuorientierung sei. Die Pubertierenden nähmen dabei die eigenen Veränderungen nur sehr eingeschränkt wahr. Vielmehr entstehe bei den Jugendlichen der Eindruck, das Umfeld würde sich ändern, zum Beispiel die Eltern strenger werden.

Dass er strenger geworden sei, kann er nicht behaupten, meint Walter Kreisbehm (Name von der Redaktion geändert). Er erinnert sich noch gut an die Pubertät seiner mittlerweile 20 Jahre alten Tochter: „Damals hatte unsere Tochter in kurzen Abständen immer neue Ideen, was sie mit ihrer Freizeit anfangen wollte, war ständig auf der Suche nach der richtigen Clique und dabei oftmals auch unzufrieden.“ Familieninterne Streitereien seien die Folge gewesen, die mitunter einen für den Familienvater heftigen Verlauf nahmen.

Zickig, trotzig und beratungsresistent: In der Pubertät wissen die Jugendlichen meist selbst nicht, was mit ihnen passiert und g
  • Zickig, trotzig und beratungsresistent: In der Pubertät wissen die Jugendlichen meist selbst nicht, was mit ihnen passiert und geben ihrer Umwelt Rätsel auf. Foto: dpa

Aber nicht nur durch das Verhalten seiner Tochter sei diese Lebensphase schwer gewesen: „Die Aufmerksamkeit, die man kleinen Kindern schenkt, schon allein, um ihnen ein Schutzgefühl zu vermitteln, hat in der Pubertät nachgelassen.“ Einerseits hätte seine Tochter mehr Selbstständigkeit eingefordert, andererseits habe er als Vater weniger Zeit mit seiner Tochter verbracht.

Marco, Schüler aus Coppenbrügge, ist 14 Jahre alt und steckt, so sagt er selber, mittendrin in der Pubertät. „Mir ist aufgefallen, dass ich in letzter Zeit bestimmte Dinge ausprobiere, die für mich vor einiger Zeit noch völlig fremd und uninteressant waren.“ Alkohol zum Beispiel. Zwei seiner Freunde hätten sich bereits mit einer akuten Alkoholvergiftung in medizinische Behandlung begeben müssen. „Klar habe ich auch Alkohol getrunken, aber irgendwie weiß ich vielleicht, wann’s genug ist.“

In der Tat scheint es unter den Jugendlichen einen Trend zu geben, sich die Pubertät schönzusaufen, oder was verbirgt sich hinter dem Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen? Heilemann: „Hier muss man ganz klar zwischen zwei Ursachen unterscheiden: Einerseits versuchen einige Jugendliche über einen verstärkten Alkoholkonsum Anerkennung in einer Gruppe zu finden, andererseits gibt es speziell bei den in der Schule unterdrückten ‚Kopfkindern‘ das Phänomen, dass Alkohol konsumiert wird, um damit der Realität ein Stück weit zu entfliehen - hier aus Frust oder Traurigkeit.“

Dass sich das Bild der Pubertät im 21. Jahrhundert stark gewandelt hat, sei aber vor allem der rasanten Entwicklung der neue Medien geschuldet, wie Heilemann und Fischwasser-von Proeck unisono erklären: „Bevor der Computer und das Internet in die Familien Einzug gehalten haben, lag der Anteil von virtuellen Kontakten bei zirka zwei Prozent.“ Die Fachleute sprechen vom herkömmlichen Telefon, von Briefen und Postkarten. Das Internet jedoch ermögliche eine globale Vernetzung von Menschen, und gerade für Kinder und Jugendliche, die sich von Erwachsenen häufig un- oder missverstanden fühlen, begänne genau hier, in den Weiten des world wide web, die Suche nach Verständnis. „Inklusive der umfassenden Funktionen von Mobiltelefonen wie SMS, MMS, Mails und so weiter sowie den sozialen Netzwerken, Chats und Foren im Internet liegt der Anteil an virtuellen Kontakten bei Kindern und Jugendlichen heute bei etwa 80 Prozent.“

Auch Marco nutzt den Computer, allerdings hat er mit seinen erst 14 Jahren bereits ein Maß gefunden, um das ihn viele betroffene Eltern und vielleicht auch Gleichaltrige beneiden: „Natürlich nutze ich den Computer und das Internet, aber pro Tag habe ich dafür nur ein bis zwei Stunden Zeit.“ Neben den schulischen Verpflichtungen - Marco besucht ein Hamelner Gymnasium - benötigte er viel Zeit für seine Hobbys und seine Freunde. „Ich mache viel Sport und treffe mich regelmäßig mit meinen Freunden, und zwar ganz real“, sagt er mit einem Lachen. Vor rund zwei Jahren noch sei er ein Fan von online-Spielen gewesen. Heute hingegen habe er andere Prioritäten. In der Schule, vor allem in der unterrichtsfreien Zeit, werden von den Schülern die Erlebnisse der vergangenen Tage thematisiert. Marco: „Da spricht man dann zum Beispiel über die Fortschritte, die man bei einem Computerspiel erzielt hat oder tauscht sich über Spielstrategien aus.“ Er sei zwar aus dem „Zockeralter“ raus, aber erlebe solche Gespräche natürlich regelmäßig.

Für Fischwasser-von Proeck sind es vor allem die gesellschaftlichen Veränderungen, die sich beim Verlauf der Pubertät bemerkbar machen. „Kinder in diesem Alter suchen intensiv nach Vorbildern und werden, dank der neuen Medien, in vielfältigster Weise im Internet fündig.“ Es gäbe darüber hinaus aber auch in Deutschland Kulturkreise, die nach wie vor die Vorbilder in der eigenen Familie suchen und finden, so die Sozialwissenschaftlerin. „Dabei sind es vor allem die älteren Geschwister, die von den jüngeren Kindern als Vorbild fungieren.“

In diesem Zusammenhang stellt Heilemann heraus: „Jugendliche brauchen in dieser Phase ihres Lebens neben einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit und Geborgenheit auch das Gefühl, für andere attraktiv zu sein.“ Die Versuche einiger Jugendlicher, sich anderen gegenüber möglichst attraktiv zu präsentieren, mögen für einen Beobachter hie und da merkwürdig erscheinen, seien aber authentisch, so der Psychologe.

Unstrittig ist für Heilemann und Fischwasser-von Proeck, dass die geistige Entwicklung der Jugendlichen in der Pubertät gefördert werden muss, andererseits aber sei es mindestens genauso wichtig, den Körper nicht außer Acht zu lassen. Seiner Meinung nach müsste an den Schulen der Anteil der Unterrichtsstunden, die explizit den Körper schulen, deutlich erhöht werden. „Gerade in der Pubertät ist die Körperlichkeit, das Wachsen von Muskeln und Schambehaarung, der Umbau des ganzen Organismus ein zentraler Entwicklungsschritt für die Jugendlichen, denen man mit zwei Stunden Schulsport pro Woche nicht genügend Raum gibt.“

Die Zeit, in der aus Kindern Jugendliche und junge Erwachsene werden, gehört zu den wohl mächtigsten der Entwicklungsschüben im Laufe des Lebens: Die Pubertät. Eltern, Lehrer und Wissenschaftler haben jedoch festgestellt, dass dieser Prozess immer früher einsetzt. Was bleibt, ist die Frage: Warum?

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare