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Bevor das Kreishaus Entree der Shoppingmeile wurde, war es über 250 Jahre lang in öffentlicher Hand

Hinter der barocken Fassade ging es amtlich zu

Hameln (hen). Die älteren Hameln-Pyrmonter werden es noch wissen, die jüngeren kaum mehr einen Gedanken daran verschwenden. Und die ortsfremden Einkaufswilligen könnten es allenfalls auf dem Plexiglasschild nachlesen, das an den historischen Mauern der Stadtgalerie am Pferdemarkt angebracht ist: Der „Konsumtempel“ war einst Kommandantenhaus. Wo heute Rolltreppen von Etage zu Etage führen, wurden Anträge gestempelt und Abgeordnete und Regierende befanden über die Zukunft der Region.

Das heutige Kreishaus an der Süntelstraße – die Glasfronte

Hameln (hen). Die älteren Hameln-Pyrmonter werden es noch wissen, die jüngeren kaum mehr einen Gedanken daran verschwenden. Und die ortsfremden Einkaufswilligen könnten es allenfalls auf dem Plexiglasschild nachlesen, das an den historischen Mauern der Stadtgalerie am Pferdemarkt angebracht ist: Der „Konsumtempel“ war einst Kommandantenhaus. Wo heute Rolltreppen von Etage zu Etage führen, wurden Anträge gestempelt und Abgeordnete und Regierende befanden über die Zukunft der Region. Die Behördengeschäfte werden heute an der Süntelstraße erledigt, wo das Kreishaus nach Jahren immer wieder neuer Umzugspläne endgültig seinen neuen Platz fand.

Am Pferdemarkt ist freilich innen kaum mehr etwas wie es war; nur die um 1700 gebaute barocke Fassade ist erhalten geblieben. Aber das war auch in den Jahrzehnten zuvor nicht anders – immer wieder werden das Gebäude und auch die danebenliegenden Häuser für die unterschiedlichen Anforderungen umgebaut. Auch die Kreissparkasse, die gerade ihr 100-jähriges Jubiläum feiert, war einstmals in dem Gebäudekomplex untergebracht.

Bevor das frühere Kreishaus Entree der modernen Shoppingmeile wurde, war es über 250 Jahre lang in öffentlicher Hand und beherbergte auch königliche Behörden.

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Bauherr war Generalmajor de Saint Pol des Estangs, der ein repräsentatives Wohnhaus schuf. Die Erben des früh Verstorbenen kauften die Nachbargrundstücke hinzu. 1747/48 gingen die Häuser in das Eigentum der Königlich Hannoverschen Kammer über; die als „Königliche Kammerhäuser“ bezeichneten Gebäude fielen 1866 schließlich an den preußischen Staat.

Das Hauptgebäude wurde ab 1870 vom Königlichen Amtsgericht genutzt; später zog die Verwaltung des Amtes Hameln ein und ab 1885 schließlich das Königliche Landratsamt mit Kreistag, Kreisausschuss und Landrat. Während die Fassade weitgehend unverändert blieb, wurde innen ausgebaut und immer wieder renoviert. Eine Rechnung, datiert vom Mai 1922, bekundet, dass die „Bau- und Möbeltischlerei Eckert, Hameln“ für das Landratsamt „acht Stück Zimmertüren mit Futter, fix und fertig geliefert und eingesetzt“ sowie „ein Oberlichtfenster“ für summa summarum 17 116 Mark in Auftrag hatte.

Eine grundlegende Umgestaltung des Kreishauses erfolgte dann 1929/30. Imposant der große Kreistagssitzungssaal, dessen farbige Fenster mit den Wappen der Städte und Gemeinden des Kreises ausgestattet waren. Die markanten Kunstwerke von Rudolf Riege sind nicht der Abrissbirne zum Opfer gefallen, sondern haben ihren Platz im neuen Kreishaus an der Süntelstraße bekommen. Waren in den Anfängen mit dem Landratsamt als staatlicher Behörde und dem Kreisausschuss als kommunale Selbstverwaltung zwei Behörden unter einem Dach untergebracht, wurde mit zunehmender Aufgabenübertragung an den Landkreis das Gebäude schnell zu klein. Schon Ende der 60er Jahre war klar, dass der Platz am Pferdemarkt nicht ausreicht.

Immer wieder waren neue Standorte in der Diskussion, jahrelang dauert das Ringen um den besten Standort – mit dem ehemaligen Besmer-Gelände an der Süntelstraße scheint er gefunden. Nach 30 Jahren Planung und zwei Jahren Bauzeit ziehen 350 Mitarbeiter von sechs verschiedenen Standorten an die Süntelstraße um. Einrichtungsgegenstände, soweit noch brauchbar, sind ebenfalls mit umgezogen. Auch Kreisarchivarin Karin Schaper hat vom Mobiliar einiges retten können – schon aus Nostalgiegründen. Die Bestuhlung und anderweitige Einrichtung wie Tische und Lampen aus dem alten Kreistagssaal ging an das Deutsche Stuhlmuseum in Eimbeckhausen; einer der schweren Sessel, in denen so manch einer bei den nicht immer spannenden Sitzungen versunken sein mag, bietet Karin Schaper im Archivkeller Gelegenheit, kurz einmal zu verweilen und innezuhalten. Den Blick kann sie dann auch auf das alte Kreishausmodell aus dem Jahr 1930 schweifen lassen.

Durch den Umzug an die Süntelstraße ist die Behörde wieder enger zusammengerückt; doch auch heute noch gibt es weitere Standorte: So ist das Gesundheitsamt an der Hugenottenstraße 6, das Straßenverkehrsamt an der Fluthamelstraße 15, der Kinder- und Jugendpsychologische Dienst Am Stockhof, die Kreisbildstelle Am Stockhof 2

und das Kreisarchiv in der Mühlenstraße 16 im Gebäude der HLA (seit Oktober letzten Jahres) untergebracht.

Besonderes Merkmal des neuen Hauses an der Süntelstraße: Glasfronten, die die Transparenz für die Bürger symbolisieren sollen. Im Februar 2006 sind die Umzüge abgeschlossen, Einweihung ist am 5. Mai 2006. Kosten des Neubaus: 23 750 000 Euro.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Die niedersächsische Verwaltungs- und Gebietsreform in den 70er Jahren.

Das Modell vom Kreishaus stammt aus den 30er Jahren und wird im Archiv aufbewahrt.

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