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Tage der Besinnung und Flucht vor dem Alltag

Hermann Wessling sucht jedes Jahr eine Auszeit im Kloster

Bad Münder. Hermann Wessling ist ein umtriebiger Mensch. Er hat viele Interessen, gestaltet seine Umgebung und die Stadt, in der er lebt, gerne mit. Aber einmal im Jahr zieht sich der 76-Jährige aus dem Alltag zurück. Im Kloster sucht er innere Einkehr.

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Autor:

Mira Colic

Bad Münder. Hermann Wessling ist ein umtriebiger Mensch. Er hat viele Interessen, gestaltet seine Umgebung und die Stadt, in der er lebt, gerne mit. Seit 1973 ist dies Bad Münder. Sein Beruf führte ihn und seine Familie an den Deister, zwei Jahre arbeite er bei Wilkhahn als Personalleiter, wechselte dann zur Glashütte in der Kernstadt – heute Ardagh Glass –, wo er 28 Jahre bis zu seinem Ruhestand blieb. Und neben seinem Beruf und seiner Familie war der Vater zweier Kinder auch immer ehrenamtlich aktiv, sowohl kommunalpolitisch als auch auf Vereinsebene. Er ist in der Sozialraum AG engagiert, hat das Forum Glas und die Tafel gegründet, ist in der Flüchtlingsarbeit einer der führenden Köpfe, hat etwa den Integrationslotsenkurs und die Fahrradwerkstatt mit initiiert, nebenbei akquiriert er für all das Fördergelder, jüngst erst 30 000 Euro für den Fortgang der Grabungsarbeiten in Klein Süntel (wir berichteten). Aber einmal im Jahr, für eine Woche, zieht sich der 76-Jährige aus dem Alltag zurück. Im Kloster sucht er innere Einkehr und geistliche Orientierung.

Gemeinhin gelten die Tage zwischen den Jahren als Zeit der Besinnung, die Menschen werfen einen Blick zurück, treffe Vorsätze, wie sie ihr Leben in Zukunft anders gestalten möchten. Auch Hermann Wessling braucht diese Momente, um seine Lebensweise auf den Prüfstand zu stellen. Er nimmt sich ganz bewusst jedes Jahr eine einwöchige Auszeit - und das seit genau 30 Jahren. „Ich befand mich damals in einer Phase, in der ich das Gefühl hatte, eine Neuorientierung zu brauchen.“ Er mache aus dieser Tradition zwar kein Geheimnis, gehe damit aber auch nicht hausieren, „schließlich ist es einfach meine persönliche Art, meinem christlichen Glauben Raum zu geben“. Diesen bei den Benediktinern in der Abtei Niederaltaich zu suchen, sei für ihn naheliegend gewesen.

Bereits in seiner Jugend habe er Kontakt zu Benediktiner-Mönchen gehabt. „Ich war ein begeisterter Pfadfinder und ein Benediktiner hat uns betreut.“ Die Art des klösterlichen Lebens habe ihn sehr angesprochen. Leider sei den Menschen der Grundsatz aus der Tradition der Benediktiner – „ora et labora (bete und arbeite!)“ – heute im geschäftigen Alltag abhanden gekommen“. Dabei sei es sehr wichtig, mal zur Ruhe zu kommen, Abstand zu gewinnen und seinen Lebensstil zu überprüfen.

Als er erstmals 1985 am „Kloster auf Zeit“ teilgenommen habe, habe er noch mitten im Beruf gesteckt, parallel bereits Ehrenämter ausgeübt. „Meine Zeit war bis zu 100 Prozent ausgefüllt.“ Am Beginn eines solchen Aufenthaltes steht für Erstteilnehmer ein zweiwöchiger Grundkurs, in dem sie in die Ordensregeln des benediktinischen Lebens eingeführt werden. Am Ende der Zeit sei er so beeindruckt gewesen, dass er sich entschieden habe, wiederzukommen. Die „Woche der Wiederkehr“ steht allen Besuchern mehrmals im Jahr zur Verfügung. Dem Münderaner gefällt vor allem, das „man in der Zeit nicht einfach nur Gast ist, sondern in den Tagesablauf des Klosters einbezogen und in die Gemeinschaft aufgenommen wird“. So tragen die Teilnehmer bei den Stundengebeten auch einen Chormantel, der dem Mönchsgewand ähnelt. Die symbolische Gemeinschaft werde auch dadurch deutlich, dass sie mit den Mönchen zusammen einziehen und im Chorgestühl Platz nehmen.

Die Teilnahme an dem „Kloster auf Zeit“ setzt voraus, dass sich die Ruhesuchenden an die Regeln halten – andere Voraussetzungen, etwa konfessioneller Art, gebe es nicht. „In der Vorstellungsrunde wird nicht danach gefragt, es spielt einfach keine Rolle. Jeder, der den Sinn dieser Woche bejaht, ist willkommen“, so Wessling. Die Nähe oder Distanz zum Glauben lasse sich nur erahnen. Regelmäßig treffe er evangelische Christen unter den Teilnehmern.

Strikte Verbote für die Mitnahme von elektronischen Geräten wie Smartphones oder Laptops gebe es zwar nicht, aber es werde empfohlen, alles außen vor zu lassen, was einen im Alltag beschäftigt, um Distanz zu schaffen. „Es macht wenig Sinn, solche Dinge mitzunehmen.“ Auf den Zimmern gebe es auch keinen Fernseher oder Radio. „Es ist eine heilsame Erfahrung, sich für eine Woche Distanz zu den Medien zu schaffen.“ Bereits Thomas von Aquin (1225 bis 1274) habe gesagt: „Stillwerden heißt: fähig sein, sich vom Lärm der Welt zurückzuziehen; schweigen, um Gott reden zu lassen; fähig sein, den anderen zuzuhören. Es schafft Klima für Studium, Gebet und Dialog.“

Allerdings lasse er sich seine Lokalzeitung nachschicken. Dies sei ein Kompromiss, um den Arbeitsaufwand bei seiner Rückkehr gering zu halten. Allein die Zahl an E-Mails, die er hinterher zu bewältigen habe, sei immens. „Man muss aufpassen, sich nicht sofort wieder in den Tagesablauf zu stürzen, obwohl die Zwänge des Alltags erheblich sind.“ Und gerade ihm falle es nicht leicht. „Ich bin ein Mensch, der keine halben Sachen liebt.“

Die Idee des Rückzugs sei 1962 von einem Unternehmer gekommen, erzählt Wessling. Dessen Geschäftspartner in Asien hätten sich in buddhistische Klöster zurückgezogen und so habe er sich gefragt: Warum gibt es das nicht in Deutschland? Letztlich gehe es bei den Angebot darum, zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensinhalt zu kommen.

Der Tagesablauf ist vorgegeben, neben den Gebets-, Vortrags- und Essenszeiten gibt es immer freie Phasen für die Teilnehmer, die sie individuell gestalten können, für Spaziergänge oder Meditationen oder persönliche Lektüre. Gelegenheit zum Austausch mit den „Mitbrüdern auf Zeit“ gebe es beim Frühstück und nachmittags bei Kaffee und Kuchen, „eine Verführung, die ich mir sonst nicht leiste“, wie Wessling augenzwinkernd zugibt. Während der anderen Mahlzeiten zusammen mit den Mönchen wird nicht gesprochen, „da kann man sich mal im Schweigen üben“.

Für Wessling ist es die ideale Gelegenheit, „aus dem Alltag auszusteigen, um ihn ideenreicher und engagierter wieder anzugehen“. Als eine Art „Atemholen“, bezeichnet der ehemalige Personalleiter diese Zeit, oder als „kreative Pause“. Natürlich gehe auch ihm dabei durch den Kopf, wie er seinen eigenen Alltag entlasten oder anders strukturieren könnte. „Aber niemand ist perfekt und dieses umzusetzen ist schwierig, vor allem, wenn man Ideen hat, von denen man überzeugt ist.“

Sein nächster Aufenthalt ist bereits gebucht. „Damit Kontinuität hineinkommt, reserviere ich vor meiner Abreise auch schon immer eine Woche im kommenden Jahr. Das ist mittlerweile ein so fester Termin in meinem Kalender wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten.“

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