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Erstes Liedermacherfestival im Hofgarten am Kloster: Rappelvolles Haus - Funke springtüber

"Hermann Heimat" und die 22 Gänsegeier

Möllenbeck (ur). Zum "Ersten Liedermacherfestival" hatten Micha und Jochen Kluwe in den Hofgarten am Kloster gerufen - und wer da schon befürchtet hatte, dass die Songpoeten mit einigen Freunden alleine bleiben würden, der sah sich auf das Angenehmste enttäuscht: Ein ra ppelvolles Haus mit erwartungsvollen Besuchern sorgte dafür, dass der Funke von der kleinen Bühne schnell ins Publikum übersprang und die Interpreten sich auf einer Woge des Enthusiasmus bewegen konnten.

"Herr Kaminski" macht den Auftakt zum Liedermacherfestival.

Den dennoch undankbaren Job des Starters hatte "Herr Kaminski", der ansonsten Sänger in einem Rio-Reiser-Projekt ist und als erstes Lied aus seiner grünen Mappe ausgerechnet den Titel "Der letzte Mann an Bord" fummelte - das klang nun doch so schrummelig, wie man das schon vor 30 Jahren auf Burg Waldeck nicht mehr hören wollte. Danach aber nur noch starke Titel: Etwa "Ich hab mich geirrt", wo es aus der Resignation nach erneutem Aufbruch drängt. Oder auch "Die Welt ist voller Wunder" und das eingängig reflektierende Lied von den "Männern im gefährlichen Alter". Der absolute Brüller dann der Song "22 Gänsegeier über Mönchengladbach": Wem da das Herz nicht aufging, bei dem ist wohl auch der Rest schon untergegangen. Anrührend und berührend zugleich die zum Teil sehr persönlich und schmerzlich offen erzählenden Lieder von Susanne Gührs. Mit Titeln wie "Spinnenfrau" und "Sie liebt ihn noch immer" griff sie sehr individuelle Frauenschicksale auf und man darf hier durchaus den Vergleich zu entsprechenden Songs von Marianne Faithfull ziehen. Das Kontrastprogramm dazu lieferte der Comedian Frank Dittrich: Mochte manchen seine Parodie auf herkömmliche Schlagersänger etwas glatt erscheinen, so gelang es ihm bei seiner Figur des Truckers ("früher fuhr ich Trecker"), eine ganze brachiale Kultur mit boshafter Freude vorzuführen. Natürlich wollten sich auch die Kluwe-Zwillinge als Gastgeber ihren Kollegen und dem Publikum stellen und machten das überwiegend mit musikalisch-instrumentalem Einfallsreichtum und sehr viel Vitalität, wobei die inhaltlichen Aussagen zum häufigen Beziehungschaos unserer Zeit mit glasklarer Schärfe daherkamen. Gelegentlich grönemeyerte es vokal recht heftig, ohne dass dies der Faszination der Songs Abbruch tat. Und der Titel "Heiß wie Kamasutra", der war hitverdächtig! Den Schlusspunkt setzte Karl Gerd aus Varenholz, der seine knarzige Stimme am Keyboard begleitete und dabei alle Möglichkeiten dieses Instruments ausnutzte und es gewaltig grooven ließ - wer hätte das von einem Lipper erwartet, der sein Programm unter den Titel "Hermann Heimat" stellte. In der Modulation zwischen Konstantin Wecker und Dirk Busch sang er ein zauberhaftes Liebeslied für seine Frau, bekannte sich zu seiner lippischen Herkunft mit stolzem Verweis darauf, dass die Lipper den Melkschemel, die Mettwurst und die Fliegenklatsche erfunden haben und war mit sich und seinen Landsleuten ("Wir mit dem Hut im Auto vor euch") durchaus eins. Erstes Liedermacherfestival - und die zweite Folge ist in Planung, na sicher.

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