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Momentaufnahmen aus dem Kampf um das Landratsamt: Der parteilose Jörg Farr tritt für die SPD an

Harte Knochenarbeit auf allen Wochenmärkten

Landkreis. Samstag, 9. Oktober, 9.45 Uhr. Die sanft aufsteigende Sonne taucht den Stadthäger Wochenmarkt in das erste warme Licht des Morgens, der Kandidat steht bereit: Bewaffnet mit Jahreskalendern und Prospekten sucht Jörg Farr das Gespräch mit dem potenziellen Wähler. Einem Plausch ist er nicht abgeneigt, doch meistens gibt es nur einen kurzen Wortwechsel, ein knappes Nicken, ein leichtes Lachen – nach 30 Sekunden geht es weiter, zum nächsten.

Der Herr der Finanzen: Jörg Farr möchte der nächste Landrat im S

Autor:

Frank Westermann

Der Wahlkampf auf der Straße ist vor allem eins: mühselig; es ist harte Knochenarbeit. Der Kandidat hat keine andere Wahl, denn der bislang eher im Hintergrund arbeitende Kreiskämmerer braucht vor allem einen höheren Bekanntheitsgrad: Watt der Schaumburger nicht kennt, datt wählt er auch nicht.

Unterstützung erhält Farr von der SPD-Spitze, Fraktionschef Eckhard Ilsemann im knallroten Ich-wähl-Farr-T-Shirt und Kreisverbandsvorsitzender Karsten Becker im gedeckten Anzug verteilen ebenfalls; es reicht ein kurzer Blickkontakt, dann wissen beide, wer den nächsten Vorbeieilenden das Material in die Hand drückt – Profis unter sich. Der Eindruck wird sich im Wahlkampf verfestigen: Die SPD steht durchaus hinter ihrem parteilosen Kandidaten

10 Uhr, am gleichen Tag: Ilsemann packt in eine Tasche, holt dunkelblaues Hemd und Jackett heraus. Zehn Sekunden später hat er sich in den Schwiegersohn-Typ verwandelt, gemeinsam zieht das Trio 100 Meter weiter: Dort feiert ein Fachgeschäft Tag der offenen Tür, hier werden die Gespräche ernster, grundsätzlicher, auch länger. 15 Minuten hat Farr eingeplant, dann geht es zurück auf den Wochenmarkt. Gegen halb elf, so sagt er, dann wird es dort voll, dann wird er Gas geben: „Es läuft.“

Fünf Tage später, morgens: Farr diskutiert auf dem Marktplatz in der Kreisstadt noch mit der Polizei über den passenden Platz für seinen Werbestand, nach und nach trudeln die Helfer ein: Ein halbes Dutzend Genossen im Rentenalter, überzeugte Sozialdemokraten der alten Schule, wie den Gesprächen mit den Passanten unschwer zu entnehmen ist. Es ist kalt, das Thermometer zeigt zehn Grad, Farr hat sich den gesamten Monat Urlaub genommen, schließlich biegt der Wahlkampf auf die Zielgerade ein. Über Kosten will der Herr der Kreisfinanzen nicht sprechen, er mag keine Summen nennen, aber, so sagt er, Experten gehen davon aus, dass ein Wahlkampf um das Landratsamt für einen Kreis dieser Größe mit 80 000 bis 100 000 Euro zu Buche schlage. Und? „So viel haben wir nicht. Nicht einmal annähernd“, sagt Farr.

Der gleiche Tag, am Nachmittag: Für Wahlkämpfer hat der Nenndorfer Wochenmarkt einen Vorteil: Er ist kreisförmig angelegt, dazu ist der zentrale Durchgang sehr schmal, an Farr müssen hier alle vorbei. Aber Besucher gibt es eher wenige, der Wahlwerber entspannt sich und nimmt sich Zeit für längere Gespräche.

Auf keinem Kandidaten lastet wohl mehr Druck als auf Farr. Wäre der nächste Landrat Mitglied der CDU, es ergäbe sich eine direkte Linie von Schaumburg über Hannover bis nach Berlin, es könnte, so formuliert es Farr beim Familienfest der Genossen in Obernkirchen, „durchregiert“ werden. Später wird es der Parteilose auf dem SPD-Ticket feiner und zugleich vorsichtiger formulieren: Von Gewichten, die sich zulasten des Landkreises verschieben könnten, spricht er.

23. Oktober, 14 Uhr nachmittags: Auf dem Bahnhofsvorplatz Stadthagen demonstrieren Grüne, Genossen und Linke gegen den kommenden Castor-Transport, acht Polizisten schützen rund 100 Schaumburger und Mindener. Farr geht von Mensch zu Mensch, stellt sich vor, schüttelt Hand um Hand, freut sich, wirkt zufrieden. An den Straßen hat sich die Zahl seiner aufgehängten Wahlplakate sichtbar erhöht, „inzwischen kennt man mich“, zieht er Bilanz. Am Sonntag ist Wahl, er ist zuversichtlich: Glück ist, wenn Vorbereitung auf eine Gelegenheit trifft.

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