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Hamelns Altstadt: Wohnen in historischen Wänden

Von Karin Rohr

Wenn es nach der Meinung von Touristen geht, dann ist Hamelns Altstadt einfach nur traumhaft schön: die pittoresken Fachwerkhäuser, die fantastische Weserrenaissance, der Fluss, das Werder, die lauschigen Hinterhöfe – glücklich, wer hier leben darf. Aber ist das tatsächlich so?

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Von Karin Rohr

Wenn es nach der Meinung von Touristen geht, dann ist Hamelns Altstadt einfach nur traumhaft schön: die pittoresken Fachwerkhäuser, die fantastische Weserrenaissance, der Fluss, das Werder, die lauschigen Hinterhöfe – glücklich, wer hier leben darf. Aber ist das tatsächlich so? „Bis zur ersten Altstadtsanierung in den 70er Jahren war das Wohnquartier innerhalb der Wälle verslumt“, erzählt Hans Bredemeyer, der seit 75 Jahren in der Altstadt Zuhause ist. Durch die Sanierung sei es schick geworden, in der Altstadt zu wohnen: „Betuchte Bürger kauften Häuser, sanierten diese und zogen selbst ein“, weiß Bredemeyer. Dieser Trend kehre sich seit etwa zehn Jahren wieder um. Gewohnt aber wird hier nach wie vor.

Die Altstadt ist das Herz der Rattenfängerstadt: Hier hat sich im Laufe der Jahrhunderte am meisten abgespielt, war die Besiedlung Hamelns doch bis 1850 ausschließlich auf diesen Raum beschränkt. Kein Wunder, dass die Gassen und Häuser innerhalb der Stadtmauern immer wieder ihr Gesicht veränderten. Doch auch in jüngster Vergangenheit hat es gravierende Einschnitte gegeben. Von Kriegszerstörungen ist die Innenstadt weitgehend verschont geblieben und so wurde die Altstadtsanierung zum markantesten Eingriff im 20. Jahrhundert. Der Verkehr verschwand von den beiden Hauptachsen der Innenstadt, Oster- und Bäckerstraße: Die Fußgängerzone entstand. Gleichzeitig wurde eine Anlieferstraße geschaffen: der Kopmanshof. Von der Modernisierung der Häuser, für die Bund und Land großzügige Fördermittel zur Verfügung stellten, profitierten vor allem auch die Nebenstraßen und Gassen. Die heruntergekommene Altstadt sollte als Wohnstandort wieder attraktiv werden und gleichzeitig so viel alte Bausubstanz wie möglich erhalten bleiben. Bis in die 90er Jahre wurde fleißig saniert und modernisiert.

1974 eröffnete der Bau der zweiten Weserbrücke neue Verkehrsperspektiven: Jetzt rollte der Verkehr über die Wälle, die Altstadt war entlastet. Der Bau des ehemaligen Hertie-Hauses (später zog hier Real ein) 1976 bis 1978 auf dem Terrain der einstigen Fischerhäuser und der Großneubau der Post in den 80er Jahren, dem viele kleine Grundstücksparzellen am heutigen Posthof zum Opfer fielen, waren bedeutende städtebauliche Veränderungen, die nur noch vom Bau der Stadt-Galerie nach der Jahrtausendwende getoppt wurden. Knapp 15 000 Quadratmeter Fläche nimmt das von 2006 bis 2008 gebaute Einkaufszentrum ein, was auf die Gesamtfläche der Altstadt bezogen allerdings nicht einmal fünf Prozent ausmacht. Schon Jahre zuvor hatte die Anbindung und Aufwertung des verwahrlosten Werders an den Stadtkern dafür gesorgt, dass die Altstadt eine eigene „grüne Lunge“ besitzt.

Viele sind auch heute noch altstadttreu, so wie Ernst-Wilhelm Holländer, der schon lange und – trotz einiger Kritikpunkte – gern in der Altstadt lebt. Zwar findet er, dass Behinderten derzeit aufgrund der vielen Baustellen das Leben schwer gemacht wird, andererseits erachtet er die Sanierung der Fußgängerzone aber als dringend notwendig: „In der Bäckerstraße steht man sonst manchmal bei starkem Regen bis zu den Fersen im Wasser.“ Positive Sanierungsbeispiele sind für ihn Altstadtgassen wie die Große Hofstraße und Hummenstraße, Kupferschmiede-, Fischpforten- und Wendenstraße. Am schönsten findet er den Platz vor der Alten Feuerwache, der den Blick freigibt auf pittoreske Fachwerkbauten. Gastronomisch gesehen hält der Ex-Hotelier den „Christinenhof“, die „Kaffeestuben“ in der Wendenstraße und den „Pfannekuchen“ in der Hummenstraße mit seinem idyllischen Hinterhofgarten für gelungene Sanierungsobjekte. Und auch mit der Stadt-Galerie hat Holländer kein Problem: Sie sei freundlicher als das ehemalige Hertie-Haus und passe sich trotz der Größe recht gut ein.

Diese Meinung wird von anderen Altstadtbewohnern nicht geteilt. Machen Teile der in der Innenstadt ansässigen Kaufmannschaft das Einkaufszentrum für den Geschäftsleerstand in der City verantwortlich, so stören sich vor allem ältere Altstadtbewohner an der Größe und der Unübersichtlichkeit der Stadt-Galerie. Was manche von ihnen als überdimensioniert empfinden, ist für viele jüngere Konsumenten perfekt: „Eine Menge Läden, kurze Wege und alles unter einem Dach“, heißt es in Umfragen. Industrie, wie es sie noch bis in die 70er Jahre gab, ist heute aus der Altstadt verschwunden. Die rund 20 „Tante-Emma“-Läden, die es bis dahin noch gab, allerdings auch. Ein Manko für viele Anwohner: Lebensmittelläden fehlen im Herzen der Stadt. Dafür ist die Café- und Lokaldichte umso beachtlicher. Dicht an dicht reihen sich die Straßencafés in Oster- und Bäckerstraße, am Pferdemarkt und Münsterkirchhof. Das Leben in der Altstadt hat sich nach draußen verlagert. An kühlen Tagen kommen Decken und Heizstrahler zum Einsatz. Man will sehen und gesehen werden.

Diese Verlagerung von Geselligkeit nach draußen wird von vielen Anwohnern vor allem in den Abendstunden als Problem angesehen. „Laute Musik, feiernde und grölende Menschen“ nerven Hans Bredemeyer. Jutta Tiedau ärgert sich über offen stehende Kneipentüren, aus denen auch nach 22 Uhr noch so viel Krach dringt, dass „man selbst in herrlichen Sommernächten kein Fenster öffnen kann.“ Frank Möller weiß: „Am Pferdemarkt halten es die Mieter nicht aus, weil es da immer so laut ist.“ Auch tagsüber werden Beschallung und Anlieferverkehr, aber auch Laubpuster zum Ärgernis für Altstadtbewohner.

Lärm und Schmutz gehen Hand in Hand: Wo sich täglich viele Menschen aufhalten, wird es nicht nur laut, sondern es fällt auch Müll an. Und so sind Dreck und Unrat in den Straßen, aber auch Hauseingänge, die abends als Toiletten missbraucht werden, vielen Altstadtbewohnern ein Dorn im Auge.

Radelnde Anwohner wie Karl Möller beklagen weite Wege von A nach B kommen und sich in der Fußgängerzone korrekt verhalten wollen. Passanten ärgern sich dort wiederum über rücksichtslose Radler. Und Autobesitzer bemängeln den viel zu knappen Parkraum in der Altstadt. Trotz allem aber möchten fast alle „ihre“ Altstadt nicht missen: Die schönen Häuser, der historische Stadtkern, die gute Atmosphäre, die zentrale Lage und die kurzen Wege werden immer wieder als Pluspunkte angeführt. „Ich fühle mich wohl hier“, bekennt Friedrich Wilhelm Bonhagen, der schon lange im Herzen der Rattenfängerstadt wohnt. Er hat sie noch – die Bindung an Hamelns „gute Stube“, die Altstadt. Andere sind bewusst hierher gezogen: „Weil wir das Leben in der Innenstadt genießen und zu Fuß überall hingehen können“, sagen Monika Stork-Meier und Wolfgang Maeker. Wie diese beiden identifizieren sich auch andere Neu-Altstädter mit ihrem Viertel: „Hier leben wir – aus Überzeugung.“

„Hier leben wir“ ist mehr als der Titel der Dewezet-Serie – es ist ein Bekenntnis der Menschen zu dem Stadtteil, in dem sie leben. Was ihnen gefällt, was ihr Umfeld auszeichnet, aber auch, wo der Schuh drückt, haben sie der Redaktion gerne erzählt. Das Ergebnis: sieben ganz besondere Porträts. Heute: die Altstadt.

Autorin:

Karin Rohr, Telefon 05151/200427,

E-Mail: k.rohr@

dewezet.de

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