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"Der Prediger mit der Narrenkappe": Herbert Röhrkasten liest aus dem Werk von Erich Kästner

Gesellschaftssatire, die heute noch aktuell ist

Rehren (maro). Im Spiegelsaal der Alten Molkerei spiegeln sich die erwartungsvollen Gesichter einer erstaunlich großen Fangemeinde literarisch-satirischer Raritäten. Ungeklärt bleibt zunächst: Sind das die Fans von Herbert Röhrkasten, dem es immer wieder gelingt, Texte zum Leben zu erwecken, seine Zuhörer zum Lachen, zum Schmunzeln, zum Nachdenken zu bringen? Oder sind es Liebhaber des Schreibers, Dichters, Autors Erich Kästner, der genüsslich am Ast sägt, auf dem wir alle sitzen?

Herbert Röhrkasten. Foto: maro

Am Sonntag kamen beide voll auf ihre Kosten. Wobei es Röhrkasten gelang, seine Zuhörer immer mehr in den Bann der satirischen, gesellschaftskritischen, humorvollen und frivolen Gedanken des Autors zu ziehen. Wer Kästner bisher nur als liebenswürdigen Kinderbuchautoren kannte, wer sich an das "Doppelte Lottchen", an "Das fliegende Klassenzimmer" oder "Drei Männer im Schnee" erinnern wollte, bekam bissige Attacken gegen den Militarismus zu hören, Gedanken eines Mannes, der zwei Weltkriege hautnah erlebt hatte. Da erzählte der "Prediger mit der Narrenkappe", was passiert wäre, wenn wir den Krieg gewonnen hätten oder fragte: "Kennst du das Land, in dem die Kanonen blühen..." Kein Wunder, dass die Gestapo bei Kästner ein und aus ging, dass seine Bücher in den dreißiger Jahren auf dem Scheiterhaufen landeten und in Deutschland nicht mehr veröffentlicht werden durften. Daneben machte sein verbales Seziermesser auch nicht Halt vor der Gesellschaft, vor den Menschen in den Grandhotels, den so genannten Klassefrauen, die jede Modetorheit mitmachen. Gesellschaftssatire, die auch heute noch aktuell ist. Und dann Naturgedichte und schließlich die frivole Seite des Schreibers, der seinen ersten Zeitungsjob verloren hatte, weil er ein recht anrüchiges Gedicht veröffentlicht hatte. Das hinderte ihn nicht, mit einem patriotischen Bettgeflüster, mit dem "Nachtgesang des Kammervirtuosen" blanke Busen zu verherrlichen und sehr direktunter die Gürtellinie zu zielen. Erstaunlich, wie gut es Herbert Röhrkasten gelang, einen treffenden und trefflichen Querschnitt aus Kästners Versfabrik zusammenzustellen. Und damit sich der Abend nicht nur auf Worte beschränkte, hatte Röhrkasten zur eigenen Atempause auch Violintöne mitgebracht, Menuette aus dem 18. Jahrhundert, gespielt von Eva Hänsel undPriya Linke.

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