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Hameln kann sich über einen Mangel an reizvollen und interessanten Türmen nicht beklagen

Geläut gemahnte damals an die Sperrstunde

Von Dr. Gerhard Brandt
Schon Kleinkinder setzen gerne Baustein auf Baustein zu einem turmartigen Gebilde, hoch und höher, bis es dann umfällt. Seit Beginn ihrer Geschichte drängte es die Menschen, in die Höhe zu bauen, Türme zu errichten, Hochragendes zu schaffen, die technischen Grenzen des baulich Möglichen zu erproben. Es entstanden Wehrtürme, Geschlechtertürme, Glockentürme, Leuchttürme, Fernsehtürme, Wolkenkratzer. Man kennt die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel (Babylon).

Der Haspelmathturm, benannt nach Veterinärrat Haspelmath. F.: bar

Von Dr. Gerhard Brandt
Schon Kleinkinder setzen gerne Baustein auf Baustein zu einem turmartigen Gebilde, hoch und höher, bis es dann umfällt. Seit Beginn ihrer Geschichte drängte es die Menschen, in die Höhe zu bauen, Türme zu errichten, Hochragendes zu schaffen, die technischen Grenzen des baulich Möglichen zu erproben. Es entstanden Wehrtürme, Geschlechtertürme, Glockentürme, Leuchttürme, Fernsehtürme, Wolkenkratzer.

Man kennt die biblische Geschichte des Turmbaus zu Babel (Babylon). Das Attribut der heiligen Barbara ist ein Wohnturm. Die gotischen Kathedralen sind von schwindelerregenden Höhen. Die in Anbetracht der existenten Fülle nur bescheidene Aufzählung beweist die von Türmen ausgehende Faszination.

Hameln kann sich über einen Mangel an Türmen nicht beklagen, denkt man an die Türme der Münsterkirche, an den Turm der Marktkirche, an die beiden ehemaligen Festungstürme. Dass diese Türme reizvoll und interessant sind, ist leicht zu belegen.

Das Hamelner Münster mit seinem wuchtigem, romanischem, achteckigem Vierungsturm.  Foto: H. Wöhler
  • Das Hamelner Münster mit seinem wuchtigem, romanischem, achteckigem Vierungsturm. Foto: H. Wöhler

Der mit Abstand älteste der Türme ist der achteckige Vierungsturm der Münsterkirche. Das Wort Münster ist durch jahrhundertelange Sprachwandlungen schließlich als so- genannte Eindeutschung aus dem Wort Monasterium entstanden, das heißt Kloster. Im Jahre 851 baute das Kloster Fulda Hameln zu einem Nebenkloster aus. Zu diesem Anlass wurde aus Rom der Leib des heiligen Romanus als Reliquie nach Hameln gebracht. Das Kloster mit seinen strengen Regeln bestand nur etwa einhundert Jahre. Dann, etwa 950, wurde es in ein Kanonikerstift umgewandelt.

Die Chorherren oder Stiftsherren mussten keine persönliche Armut und ständige Chorpräsenz geloben; sie wohnten in eigenen Häusern, den Kurien, zum Beispiel in der Papenstraße, der Pfaffenstraße. All diese geschichtlichen Betrachtungen sollen dem Verständnis des Wortes Münster = Monasterium = Kloster dienen.

Der wuchtige, romanische, achteckige Vierungsturm steht über der Vierung. Die quadratische Vierung bezeichnet die Kreuzung zwischen Langhaus und Querhaus. Da der Turm über diesem Raum steht, sind seine kreuzförmigen vier Pfeiler und die Gurtbögen, doppelt mit Unterzug, besonders mächtig. Der Turm wurde im 12. Jh. gleichzeitig mit den Querhausarmen erbaut. Unter dem Turm liegt die romanische Zwerg- oder Vorkrypta aus dem 11. Jahrhundert, in die man über die Treppe gelangt. (Die Hauptkrypta liegt unter dem hohen Chor.) Die Vierungspfeiler stehen auf hohen Sockeln, diese wiederum auf einem mächtigen „Fundamentkasten“ mit drei Meter breiten Mauern.

Der romanische Stil ist abgesehen von der Gestalt des oktogonalen (achteckigen) Turmes an den Rundbögen der Schallarkaden und den zweiteiligen Fenstern darunter zu erkennen. Am Turm sind zwei Bauphasen deutlich zu unterscheiden: das obere, später erbaute Geschoss ist aus großen Sandsteinquadern errichtet, das untere aus Bruchstein, nur die Ecken aus Quadern. Im oberen Geschoss sind die dreiteiligen Schallarkaden eingelassen. 1744 wurden Barockhaube und Laterne auf den Vierungsturm gesetzt. Von der Laterne kann man nach Besteigung über den Westturm, über den Gewölben querend, eine herrliche Aussicht genießen. Die Bezeichnung Laterne kommt aus dem Bereich des Kuppelbaues. Hier brachte die Laterne Licht in den Kuppelbau. Man baute den Turm achteckig, um ihn zu „verschlanken“. Was damals sicher nicht eingerechnet wurde: er leistet Stürmen geringeren Widerstand.

Der gotische Westturm wurde durch seine Aufstockung 1756 42 Meter hoch. Das auch hier mit Schiefer gedeckte Pyramidendach trägt vier mit je einem kleinen Satteldach versehene Gauben. In dreien sitzen Zifferblätter, in der östlichen hängen zwei kleine Glocken. Unter der Traufe schmückt den Turm ein gotischer Fries aus Kleeblattbögen auf profilierten Konsolen. Unter einem schmalen Gesims finden sich zu zweit gekoppelte Spitzarkaden mit spitzbogigem Überfang. Drei Stahl- und zwei Bronzeglocken hängen im Westturm. Sie mussten aus dem Vierungsturm herausgenommen werden, weil ihre Vibrationen sein problematisches Fundament nachweisbar beeinträchtigten.

Zu den Zifferblättern möchten wir noch den Magister Herr in den „Collectania“ hören: „Ao 1756 als der Thurm gebauet wurde, ist auch diese Uhr auf Kosten des Stifts repariert worden und mit noch einem ziefer Blat vermehret worden, das also deren 3 sind, als gegen Norden, Westen und Süden… Die Schlage Glokke hänget in dem Schall Loche nach osten hin ….“

Offenbar nicht allgemein bekannt ist, warum ab 21.45 Uhr die Glocken geläutet werden. Das Geläut gemahnte damals die Hamelner Bürger an die Sperrstunde 22 Uhr, deren Einhaltung von der Besatzung scharf überwacht wurde, daran wird erinnert.

Besonderer Beachtung wert sind die schönen schmiedeeisernen Wetterfahnen, die die stattlichen Türme krönen. In der westlichen Fahne ist die Jahreszahl 1872 zu lesen, nach den umfangreichen Umbauten von Konrad Wilhelm Hase mit dem totalen Neubau des breiten nördlichen Seitenschiffes.

Der Ausbau der alten Stadtmauer mit „mehr als 20 Wehrtürmen“ erfolgte im Laufe des 14. Jh. Nach Schleifung der Festung 1808 auf Befehl Napoleons blieben nur drei Türme erhalten. Der Veterinärrat Friedrich Wilhelm Haspelmath kaufte zwei. Der zum Ostertor hin gelegene, quadratische, marode Turm wurde nach 1850 abgerissen. Der ungewöhnliche Name Haspelmath kommt von einem Begriff aus der Spinnerei: der Vorfahre musste im Lande die Haspeln messen (Garn auf Rahmen gewickelt). Auf seinen zahlreichen Reisen sammelte Haspelmath Altertümer und Raritäten aller Art. Im Turm stellte er sie aus. Sein Enkel, der „Leutnant Rose“, stiftete sie dem Museum.

Der wuchtige, aus Bruchsteinen erbaute Turm ist achteckig. Laut einer Urkunde von 1446 sollte der Zimmermann „das Gebälke 50 Fuß hoch bauen“, mal 29 Zentimeter sind das 14,5 Meter. In vier Etagen sind auf zwei Seiten kleine Fenster eingelassen. Das Dach ist apart: Über einem achteckigen Pultdach steht ein niedriges Geschoss mit Fenstern, die Turmstube. Das achteckige Zelt- oder Pyramidendach darüber, auch mit roten Ziegeln gedeckt, hat wie das Pultdach acht Grate. Diese sind aus halbzylindrischen Kloster- oder Mönchziegeln gefertigt, die oberen noch elegant konkav geschwungen.

Der Haspelmath- wie auch der zur Neuethorstraße hin gelegene Pulverturm ist in städtischem Besitz. Der erstere beherbergt die Galerie „Arche“, der Pulverturm eine Glasbläserei, deren Besuch mit hochinteressanter Vorführung empfohlen wird. Der Pulverturm trägt ein einfaches Zeltdach. Beide Türme, etwa 80 Meter voneinander entfernt, wurden 1994 mit einer „nachempfundenen“ Stadtmauer aus Beton mit Bruchsteinverblendung verbunden.

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