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NDZ-Serie „Die Helfer vom Deister“ / Frauke Kesper-Weinrich ist schon seit vielen Jahren „Integrationslotsin“

Gastfreundschaft ist ein hohes Gut

Hachmühlen. Sie habe sich während ihres Theologie-Studiums bewusst entschieden, in ein internationales Wohnheim zu ziehen. „Mit Menschen aus anderen Ländern zusammenzukommen, ist doch wahnsinnig spannend“, findet Frauke Kesper-Weinrich. Sie habe damals Kommilitonen von jedem Kontinent kennengelernt, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Deutschland studierten. „Ich hatte damals keinerlei Berührungsängste und die habe ich auch heute nicht.“ Und auch heute ist der Umgang mit Menschen mit Migrationshintergrund Teil ihres Lebens und ihrer Arbeit als Pastorin in Hachmühlen und Flegessen.

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Autor:

von Mira Colic

„Den Berufswunsch hatte ich bereits in der Schulzeit.“ Nach einigen Hochs und Tiefs habe er sich verfestigt, doch erst am Ende des Studiums, das sie nach Kiel, Münster, Göttingen und Berlin geführt hatte, stand die Entscheidung fest. Vor 19 Jahren übernahm die damals 32-Jährige dann ihre erste Pfarramtsstelle in Hachmühlen. Von der Großstadt ab aufs Dorf – im ersten Moment eine große Umstellung für die junge Frau. „Ich hatte zuvor noch nie auf dem Dorf gelebt, aber mein Mann und ich haben uns auf dieses Experiment eingelassen.“ Und schnell sei deutlich geworden, dass die Unterschiede nicht so groß seien, wie anfangs gedacht, „denn auch hier gibt es jede Art von Schicksalen und Menschen aus anderen Nationen“. Gemeinsam mit der damaligen Grundschulleiterin Ursula Börns habe sie eine Familie mit Migrationshintergrund unter ihre Fittiche genommen „also ist das Thema für mich keineswegs neu“, betont die Mutter zweier erwachsener Kinder. Die soziale Arbeit innerhalb der Kirche spiele eine wichtige Rolle für sie. Auch wenn sie bewusst ins Pfarramt gegangen sei, „sind mir diakonische Fragen sehr wichtig“. Es sei immer gut, Menschen, die fremd in einem Land seien, mit Gastfreundlichkeit zu begegnen.

Kurden, Libanesen und Roma habe es in den vergangenen Jahren in Hachmühlen gegeben, „auch wenn es da nicht zehn waren, sondern vielleicht nur drei.“ Aber bereits damals habe es fremdenfeindliche Vorfälle gegeben. Vor vier Jahren seien dann die ersten rumänischen Familien nach Bad Münder gezogen. „Ich habe seit diesem Zeitpunkt schon intensive Integrationslotsenarbeit geleistet, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.“ Als dann im vergangenen Jahr der Kurs angeboten wurde, sei es ihr dennoch wichtig gewesen, teilzunehmen, um noch mehr zu lernen. „Als ich 2010 mit den ersten Rumänen bei den Behörden stand, wurde ich schief angeguckt, heute stehen einem als Integrationslotse alle Türen offen.“

Verwundert sei sie darüber nicht, angesichts des Personalmangels in den Verwaltungen. „Wir brauchen nicht nur mehr Ehrenamtliche, sondern auch mehr hauptamtliches Personal“, fordert die Pastorin. Und wenn die Kommunen das finanziell nicht leisten könnten, müsse eben der Bund einspringen. „Der Landkreis sollte sich nicht auf dem ehrenamtlichen Enthusiasmus ausruhen.“ Sie stimme Landrat Tjark Bartels, der in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin gesagt hat, das Land brauche Zuwanderung, voll zu, „aber dann müssen wir uns auch dementsprechend verhalten“. Beispielhaft gehe Schweden vor, wo alle Migranten in den ersten zwei Jahren einen Integrationskurs erhielten.

„Ich weiß, dass das für uns utopisch ist, aber wir müssen eine neue gesetzliche Regelung schaffen, um den jungen arbeitswilligen Menschen, die zu uns kommen, die Möglichkeit zu geben, schnell eine Arbeit anzunehmen.“ Momentan sei das Verfahren wahnsinnig schwierig und bürokratisch, „es geht immer zwischen Ausländeramt und Arbeitsagentur hin und her“. In Hachmühlen sei ein Asylbewerber-Ehepaar nun ehrenamtlich engagiert, „er beim Förderverein und sie in der Diakonie. Die beiden sind zu Hause einfach verrückt geworden“. Die Vereine bräuchten die Asylbewerber nur beitragsfrei aufzunehmen. Darüber hinaus würde sich Kesper-Weinrich freuen, wenn mehr Arbeitgeber mehr Mut zeigen würden, Flüchtlingen eine Chance zu geben, etwa über eine Hospitanz.

Ob das Land genug tue, um gegen Fremdenfeindlichkeit vorzugehen? „Genug ist es im Moment nicht, aber es entwickelt sich, jeder Kontakt und jedes Gespräch ist wichtig.“ Durch die Flut von Bildern in den Medien gebe es Menschen, die Angst bekämen. „Wenn man dann ein einzelnes Schicksal sieht, wie das des dreijährigen Jungen, der an der Küste der Türkei ertrunken angespült wurde, berührt das die Menschen eher. Auch wenn es schade ist, dass es solcher Bilder bedarf.“ Ängste ließen sich meist nur durch unmittelbaren Kontakt überwinden, nur dann ließe man sich nicht von irgendwelchen Parolen beeinflussen. „Die Menschen sollten sich einfach mal in die Situation der Flüchtlinge hineinversetzen. Es ist immer so leicht zu sagen, ,die bekommen alles‘“.

Ins Gespräch zu kommen sei auch eine Aufgabe der Integrationslotsen, deren Einsatz gar nicht hoch genug geschätzt werden könnte, wie die Pastorin sagt. „Dort hat sich ein lebendiger Kreis gebildet und die im Entstehen begriffene Arbeit ist toll, weil alle Teilnehmer etwas anderes mitbringen.“ Wenn die Gruppe zu einem ihrer monatlichen Treffen zusammenkommt und einer eine Frage hat, ist immer jemand dabei, der sie beantworten kann, weil er diese Erfahrung schon gemacht hat.“ Natürlich helfe es, dass von vielen Einrichtungen DRK, Tafel, Umsonst-Laden Schule, Kita und Kirche jemand anwesend sei. „Es hat sich bewährt, dass Menschen dabei sind, die an Schaltstellen sitzen. Jetzt brauchen wir aber dringend neue Leute, die den Kreis vergrößern. Es darf für die Ehrenamtlichen nicht zu viel werden.“ Wir brauchen mehr Freiwillige, die die Flüchtlinge in der Anfangszeit intensiv begleiten können. „Ich selbst habe aufgrund meiner Berufstätigkeit dafür keine Zeit“, sagt Kesper-Weinrich. Sie stelle jedoch die Kontaktfunktion zwischen Kirche und Diakonie. Und sie, das liege ihr sehr am Herzen, besuche beinah jeden Freitag das Café International im Tuspo-Vereinsheim. „Es ist wirklich zur Kontaktaufnahme von Hilfswilligen sehr gut geeignet, weil dort Besuchern die Integrationslotsen ansprechen, Flüchtlingen begegnen können und einen ersten Eindruck von der Arbeit bekommen.“

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