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Für sie zählt buchstäblich jede Sekunde

Remember that Time is money – Denken Sie daran: Zeit ist Geld. Dieser Satz stammt von Benjamin Franklin, dem legendären US-amerikanischen Politiker und Verleger. Im Jahr 1748 war es der Rat an einen noch jungen Geschäftsmann, der zum geflügelten Wort geworden ist. Die Zeit wird als Wert an sich gesehen – darauf weist auch die nicht weniger bekannte Redewendung hin, „jemandem die Zeit zu stehlen“.

Rutschstange statt Treppe – Feuerwehrmann Andreas Kracht spart wertvolle Sekunden. Foto: ube

Autor:

Ulrich Behmann

Remember that Time is money – Denken Sie daran: Zeit ist Geld. Dieser Satz stammt von Benjamin Franklin, dem legendären US-amerikanischen Politiker und Verleger. Im Jahr 1748 war es der Rat an einen noch jungen Geschäftsmann, der zum geflügelten Wort geworden ist. Die Zeit wird als Wert an sich gesehen – darauf weist auch die nicht weniger bekannte Redewendung hin, „jemandem die Zeit zu stehlen“. Bei der Sparkasse Weserbergland sorgt Wertpapierhändler Joachim Storch dafür, dass die Zeit seinen Kunden zugute kommt, indem er dessen Geld für sie arbeiten lässt. Dabei komme es stets auf das richtige Timing an – und zwar auf den exakten Zeitpunkt der Entscheidung über den effizienten Einsatz des Geldes, sagt der 54-Jährige.

Der Diplom-Sparkassenbetriebswirt kauft und verkauft im Auftrag der Sparkasse festverzinsliche Wertpapiere. An einem Tag geht es um zwei, an einem anderen um zehn Millionen Euro. Storch ist auch zuständig für die Eigenanlagen der Sparkasse Weserbergland. Seine Aufgabe ist es, das optimale Zeitfenster im Auge zu behalten. „Ich weiß ja um die Vergänglichkeit der Werte“, sagt Storch und kontrolliert auf seinem Computer-Bildschirm die aktuellen Kurse. Die Entwicklung des Dax (Deutscher Aktienindex) und des Bund-Future (Renditen für zehnjährige Bundesanleihen), aber auch der Euro-Dollar-Kurs, sind für ihn wertvolle Indikatoren dafür, wann der richtige Zeitpunkt für ein Geschäft gekommen ist. Macht Storch einen Fehler, trifft er eine Entscheidung zum falschen Zeitpunkt, dann könnte es passieren, dass seinem Arbeitgeber, der eigenen Angaben zufolge der größte private Finanzdienstleister im Weserbergland ist, von einer Sekunde auf die andere einige Tausend Euro verloren gehen. Auf den Schultern des Bankers lastet viel Verantwortung: „Es ist mein Job, das Vermögen der Sparkasse Weserbergland nachhaltig und risikofrei zu mehren“, sagt Storch. Bislang sei ihm das ganz gut gelungen, meint er. Nicht alle Wertpapierhändler können das in Zeiten der ausklingenden Finanzkrise von sich behaupten. Hochriskante Termingeschäfte, spekulative Anlagen, kurzatmige Deals haben so manchen Banker aus dem Bereich der Fernbanken als verführerisch „zeitgeisty“ (dieses Wort haben die Briten abgewandelt aus dem Deutschen übernommen) erscheinen lassen, „sie entsprechen aber nicht unserem Verständnis vom soliden Umgang mit Zeit und Geld“, sagt Storch – und fügt schmunzelnd hinzu: „So viel Zeit muss sein.“

Um Zeit zu sparen, läuft Andreas Kracht im Notfall keine Treppen. Er benutzt stattdessen eine Rutschstange, um von der ersten Etage der Feuerwache ins Erdgeschoss zu gelangen. „Das spart zehn Sekunden“, sagt der Hauptbrandmeister. Zehn Sekunden? Das scheint keine große Zeitersparnis zu sein. „Doch, doch“, sagt der 49-Jährige. „In meinem Beruf kommt es nicht selten auf jede einzelne Sekunde an. Eine Sekunde kann über Leben und Tod entscheiden. Deshalb müssen wir schnell sein.“ Der Leiter der Wachabteilung 1 der Hauptberuflichen Wachbereitschaft erinnert sich an viele Fälle, bei denen der Zeitfaktor eine gewichtige Rolle gespielt hat. Ein Einsatz hat sich tief eingebrannt in sein Gedächtnis. „Es war an einem Himmelfahrtstag. Da habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Norbert Krohne an der Pyrmonter Straße eine bewusstlose Frau aus ihrer in Flammen stehenden Wohnung gerettet. Ihre Hautoberfläche war bereits zu 30 Prozent verbrannt. Wir haben sie vor ihrem Bett im Schlafzimmer gefunden. Wären wir hier nur ein paar Sekunden später gekommen, hätte die damals 35-Jährige den Brand ganz sicher nicht überlebt.“

Nach einem Schlaganfall beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr – Prof. Dr. Jens D. Rollnik. Foto: Wal
  • Nach einem Schlaganfall beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr – Prof. Dr. Jens D. Rollnik. Foto: Wal
„Ich weiß um die Vergänglichkeit der Werte“ – Wertpapierhändler Joachim Storch.  Foto: Wal
  • „Ich weiß um die Vergänglichkeit der Werte“ – Wertpapierhändler Joachim Storch. Foto: Wal
„Der Einsatz eines Musikers muss sekundengenau kommen“ – Bass-Klarinettist Karl-Heinz Hölscher.
  • „Der Einsatz eines Musikers muss sekundengenau kommen“ – Bass-Klarinettist Karl-Heinz Hölscher.
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Nach einem Schlaganfall beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr – Prof. Dr. Jens D. Rollnik. Foto: Wal
„Ich weiß um die Vergänglichkeit der Werte“ – Wertpapierhändler Joachim Storch.  Foto: Wal
„Der Einsatz eines Musikers muss sekundengenau kommen“ – Bass-Klarinettist Karl-Heinz Hölscher.
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Als erfahrener Feuerwehrmann weiß Hauptbrandmeister Kracht, dass Rauchgase extrem giftig sein können. „Fünf tiefe Atemzüge reichen aus, um bewusstlos zu werden. Danach lässt der Tod meist nicht lange auf sich warten.“ Diese Tatsache sei allen Feuerwehrleuten bewusst. „Jeder von uns weiß, dass es im Ernstfall auf jede Sekunde ankommt. Deshalb beeilen wir uns ja auch so.“

Zeit spielt auch für einen Musiker eine große Rolle. „Wer im Duett singt oder in einer Band Musik macht, darf seinen Einsatz nicht verpassen. Der muss sekundengenau kommen“, sagt der Bandleader und Bass-Klarinettist Karl-Heinz Hölscher (55) aus Afferde. Ansonsten sei das Klangbild kaputt und „das ganze Stück geschmissen“. Zeit sei ganz wichtig beim Spielen. Das fange schon bei den Notenwerten, den Zeiteinheiten der Musiker, an, sagt der Chef der Hamelner Big Band „Star Dust“. Auch die Zeitvorgabe des Komponisten spiele eine ganz wichtige Rolle. „Schlagzeuger und Bassist geben das Tempo vor. Wer da nicht auf die Sekunde genau sein Instrument zum Einsatz bringt, hat das Stück vergeigt.“ Hölscher weiß, wovon er spricht. Er macht seit seinem achten Lebensjahr Musik, spielt in „seiner“ Big Band und in zwei symphonischen Blasorchestern mit. „Ein Musiker, der in einer Gemeinschaft spielt, muss ein Sekunden-Mensch sein“, sagt Hölscher, denn: „Ein Einzelner kann, wenn er seinen Einsatz verpasst, aus einem schönen Song ein Klang-Fiasko machen.“

Ein Schlaganfall ist ein Notfall. „Je mehr Zeit nach einem Apoplex vergeht, desto mehr Hirngewebe geht verloren“, sagt der Neurologe Prof. Dr. Jens D. Rollnik – und fügt hinzu: „Bei diesem Krankheitsbild zählt jede Sekunde.“ Deshalb hat sich der Ärztliche Direktor der BDH-Klinik (ehemals Neurologische Klinik) in Hessisch Oldendorf bereits vor fünf Jahren dafür eingesetzt, an seiner Stroke Unit (Schlaganfall-Station) einen Spezial-Rettungswagen zu stationieren. „Das Fahrzeug wäre unter anderem mit einem Computertomografen bestückt und mit zwei Neurologen besetzt gewesen“, sagt der Professor. Aber die Idee, eine mobile Stroke Unit zum Patienten rollen zu lassen, ließ sich aus finanziellen Gründen nicht umsetzen. Dabei gilt bei einem Schlaganfall die Devise „Time is brain“ (Zeit ist Gehirn). Experten wie Prof. Rollnik wissen: Nach einem Schlaganfall beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Nach Angaben des Freiburger Universitätsklinikums gehen mit dem Auftreten eines Gefäßverschlusses, der den Schlaganfall auslöst, bei fehlender Durchblutung des Gehirns pro Minute zirka 1,9 Millionen Nervenzellen, zirka 14 Millionen Nervenverbindungen und zirka zwölf Kilometer Nervenfasern zugrunde. „Je früher die Behandlung auf einer Stroke Unit einsetzt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient den Hirninfarkt ohne Behinderung überlebt“, sagt Prof. Rollnik.

Der Schlaganfall ist laut Uni Freiburg in Deutschland die dritthäufigste Todesursache nach Herzinfarkt und Krebs und stellt die häufigste Ursache für im Erwachsenenalter erworbene Behinderungen dar. Das Problem beim Apoplex oder Insult ist, dass er – anders als der Herzinfarkt – keine Schmerzen verursacht. Zeichen wie herunterhängende Mundwinkel oder Arme oder eine verwaschene Aussprache werden häufig fehlgedeutet. „30 bis 40 Prozent der Patienten kommen zu spät in die Klinik“, sagt Prof. Rollnik. Ist der Hirninfarkt schon zu groß, bedeutet das: Lähmung, Behinderung oder Tod. „Auf einer Normalstation beträgt die Sterblichkeit bis 25 Prozent, auf einer Stroke Unit liegt sie bei zirka vier Prozent“, sagt der Ärztliche Direktor. Innerhalb eines Zeitfensters von drei bis viereinhalb Stunden könne eine spezielle Thrombolysebehandlung gute Erfolge erzielen. Bei der sogenannten Lyse-Behandlung wird dem Patienten ein Medikament injiziert, das Blutgerinnsel auflösen und so eine Verstopfung von Blutgefäßen beseitigen kann. Dass Zeit eine bedeutende Rolle bei der Rettung des Gehirns spielt, ist allen Ärzten klar. Prof. Rollnik erinnert sich an einen konkreten Fall: „Angehörige brachten eine Frau, die in der Nachbarschaft wohnt, zu uns in die Klinik. Sie konnte nicht mehr sprechen, hätte selbst also keinen Notruf mehr absetzen können. 45 Minuten nach Auftreten der zerebralen Ischämie (Hirninfarkt), hat die etwa 60-jährige Patientin eine Thrombolysebehandlung bekommen. Sie hat den Schlaganfall ohne Folgen überstanden.“

Der Abgasstrahl bringt die Luft auf der Startbahn zum Flimmern. Sören Richter (33) zieht den Steuerknüppel mit der rechten Hand nach hinten und drückt die Schubhebel mit der linken ganz nach vorn. Als der Pilot die beiden Nachbrenner zündet, schießen zwei bis zu 1200 Grad heiße Feuerschweife aus den Triebwerken. Höllenlärm bricht los. Es donnert und dröhnt. „Mike Alpha 01“ gewinnt rasch an Geschwindigkeit, rast über die Runway. Schon nach ein paar Hundert Metern und nur fünf Sekunden hebt der Eurofighter ab. Extremer Steigflug. Im Winkel von mehr als 70 Grad steigen 17,5 Tonnen mit Tempo 300 in den Himmel auf.

Richter ist Routinier im Cockpit. Er muss es auch sein, denn: Sekunden können in der Kampffliegerei über Leben und Tod entscheiden. In Notfallsituationen zum Beispiel. „Wenn die beiden Hydrauliksysteme ausfallen, muss ich innerhalb von nur einer Sekunde reagieren“, sagt der Pilot – und erklärt: „Nach etwa drei Sekunden würde die Maschine außer Kontrolle geraten. Dann taucht die Nase des Jets nach unten weg, lasten viele negative g-Kräfte auf dem Körper. Und das bedeutet: Blut schießt rasend schnell in meinen Kopf, ich würde bewusstlos und damit handlungsunfähig werden – und möglicherweise mein Leben verlieren.“ Wenn so ein Notfall eintritt, gibt es nur eine Lösung: Der Pilot muss den Schleudersitz betätigen und sich rausschießen.

Aber auch im Einsatz kommt es oft auf die Sekunde an. „Wenn mein Flugzeug vom gegnerischen Zielradar erfasst und angeleuchtet wird, habe ich kaum Zeit zum Nachdenken. Ich versuche, das gegnerische Radar durch Flugmanöver und elektronische Gegenmaßnahmen zu stören, um die auf mich abgeschossene Rakete abzulenken und ihr zu entkommen. Reagiere ich auch nur eine einzige Sekunde zu spät, habe ich den „Point of no Escape“ (kein Entkommen mehr) erreicht,“ sagt der Major der Luftwaffe, der einer der wenigen deutschen Offiziere ist, der die zig Millionen Euro teure Hightech-Maschine vom Typ Eurofighter fliegen darf.

„Zeit ist Geld“, sagen Banker. „Zeit ist Gehirn“, sagen Mediziner. „Zeit entscheidet über Leben und Tod“, sagen Kampfpiloten. In der Serie „Zeit-Geschichten“ stellen wir fünf Männer vor, für die es tatsächlich auf jede Sekunde ankommt.

Pilot Sören Richter sitzt im Cockpit eines Eurofighters. Gleich wird der Jet zu einem Abfangeinsatz starten. Der Major sagt: „Sekunden können in der Kampffliegerei über Leben und Tod entscheiden.“Foto: ube

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