weather-image
30°
Vor 180 Jahren endete die Geschichte von Johann Seidenfaden

Fünf Schläge für eine Enthauptung

Man darf es sich vorstellen wie eine Kirmes, wie die Rintnelner Messe: Aus allen Orten kommen die Schaulustigen, um die letzten Minuten eines Mannes zu sehen, der gleich sein Haupt auf eine Klotz legen wird, um anschließend hingerichtet zu werden. Und es nicht irgendein Verbrecher, der hier seiner irdischen Gerechtigkeit zugeführt werden soll, nein, es ist Johann Heinrich Seidenfaden.

270_0900_31334_Seidenfaden_Rekonstruktion_nach_Steckbrie.jpg
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Doch die Hinrichtung geht schief, schrecklich schief. Fünfmal muss der Scharfrichter das Beil heben, ehe der Kopf des Schurken von seinem Körper getrennt ist, die Menge ist empört, es ist ein Strafvollzugsskandal der besonderen Art. Es kommt zu Tumulten, und die Rintelner Bürgergardisten können den Scharfrichter nur mit Mühe vor der Lynchjustiz bewahren.

Seidenfaden, das ist die Geschichte eines der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle. Sie beginnt im Januar 1827, als Gerichtsdiener des Justizamtes Obernkirchen in den verschneiten Wäldern am Bückeberg eine notdürftig verscharrte Leiche entdecken; Wilhelm Faul hat hier sein Ende gefunden, er wurde ermordet.

Die Tat ist nicht besonders ungewöhnlich, es ist ein Mord unter Dieben, wie sich schnell herausstellen wird, es ist die Biografie von einem der beiden Täter, die die Menschen elektrisiert: Es ist die Lebensgeschichte von Johann Heinrich Seidenfaden.

Der Blick aus Seidenfadens Gefängnis: Heute befindet sich darin das Bürgerhaus.
  • Der Blick aus Seidenfadens Gefängnis: Heute befindet sich darin das Bürgerhaus.
270_0900_31336_3738_544b.jpg
Das Denkmal am Heinekamp weißt auf die Hinrichtung von Seidenfaden hin. Foto: rnk
  • Das Denkmal am Heinekamp weißt auf die Hinrichtung von Seidenfaden hin. Foto: rnk

Johann Heinrich Seidenfaden wird 1797 in Rolfshagen geboren, seine Mutter stammt aus Obernkirchen. Ihr Sohn Johann Heinrich wächst in der sozialen Unterschicht auf, wie sein späterer Komplize, mit dem er weitere Gemeinsamkeiten entdeckt: Beide sind uneheliche Söhne hessischer Husaren und beide haben früh Bekanntschaft mit Verbrechen und Gefängnis gemacht. Mit Wilhelm Faul bilden beide eine Verbrecherbande, und aus Angst vor Verrat ermorden Seidenfaden und Mühlhaus 1825 im Wald bei Obernkirchen ihren Komplizen.

Beide werden festgenommen, sie bezichtigen sich gegenseitig der Tat, und nach einem Prozess durch das Obergericht Rinteln werden beide zum Tode verurteilt. Im September 1830 bestätigte das Oberappellationsgericht Kassel die Entscheidung der Rintelner Richter.

Doch das Schicksal ist zuweilen schrecklich launisch, und während Mühlhaus am 15. Januar 1831 auf dem Rintelner Heinekamp vor den Toren der Stadt öffentlich enthauptet wird, gelingt Seidenfaden die Flucht aus dem Gefängnis. Und was ist das für eine Flucht: Er flieht, obwohl er an Händen und Füßen angekettet ist und in einen eisernen Brustharnisch gehüllt hinter vergitterten Fenstern einsitzt. Was für ein Teufelskerl.

Seidenfaden taucht in den Niederlanden unter.

Er nennt sich nun „Wilhelm Wiggers“ und tritt in die Dienste der niederländischen Armee ein, wo er sich im Niederländisch-Belgischen Sezessionskrieg, bewährt. Anschließend beordert man ihn in die von Aufständen erschütterte südamerikanische Kolonie Surinam für den Wachdienst im Hafen von Paramaribo und die Jagd nach entlaufenen Sklaven.

Und wieder mischt das launische Schicksal die Karten, denn durch einen Bürger aus Röhrkasten wird der Flüchtling 1835 in Paramaribo wiedererkannt: „Bis du nicht der gesuchte Seidenfaden?“

Er wird angezeigt.

Eine Militäruntersuchung in der Festung Zeelandia, aus der ihm vorübergehend die Flucht in die Urwälder gelingt, bestätigt den Verdacht: Ja, es ist Seidenfaden.

Dann geht alles seinen offiziellen Gang: Seidenfaden wird zurück in die Niederlande transportiert und an die hessischen Justizbehörden in Rinteln ausgeliefert.

Für die Juristen des Rintelner Obergerichtes ist es eine einfache Geschichte: Hier liegt ein Todesurteil gegen Seidenfaden vor, also vollstreckt es, denn es ist ja noch immer gültig.

Doch in der Bürgerschaft hat sich der Wind gedreht, die Stimmung in der Bevölkerung hat sich deutlich gewandelt. In Kurhessen brodelt es, Verfassungskämpfe schwelen, die Menschen gehen auf Distanz zur obrigkeitlichen Justiz.

Und man hat Mitleid mit Seidenfaden. Hat er denn nicht – nach damaligen Maßstäben – ein neues, besseres, straffreies und bürgerliches Leben begonnen?

Auch die Kirche teilt diese Auffassung. Dennoch bleibt auch eine Petition der schaumburgischen Pastoren, das Urteil in lebenslange Haft umzuwandeln, vergebens. Kurprinz Friedrich Wilhelm zeigt seine harte Hand, angesichts der stärker werdenden liberalen Opposition ist er um Autorität bemüht: Der Kurprinz lehnt eine Begnadigung strikt ab.

Am 6. Februar 1837, mehr als zehn Jahre nach dem Mord, wird Johann Heinrich Seidenfaden auf dem Heinekamp öffentlich enthauptet. Es ist die letzte Hinrichtung in der Weserstadt.

Ruhe findet er nicht, denn Seidenfadens Schädel wird an die Universität Marburg geschickt, wo ein Professor anhand des Gehirns Anomalien untersuchen will: Anomalien, die vielleicht aufzeigen können, wie ein Mensch zum Verbrecher wird.

165 Jahre nach seiner Hinrichtung erhält der Mörder wieder ein Gesicht: Wie Johann Heinrich Seidenfaden einst aussah, wird von Dirk Scheele, Polizeizeichner des Landeskriminalamtes Hannover, im Auftrag des Museums Rinteln rekonstruiert.

Bis heute ist die Geschichte des Mannes, der in Rolfshagen geboren wurde, in Obernkirchen aufwuchs und in Rinteln starb, im Schaumburgischen und darüber hinaus unvergessen und in Erzählungen und Legenden, Theaterstücken und Novellen lebendig geblieben.

Für das Obernkirchen-Projekt Strull & Schluke hat Antje Begenat das Leben von Johann Heinrich Seidenfaden mit etwas künstlerischer Freiheit zu einem Video verarbeitet.

Seidenfaden-1 from Strull & Schluke on Vimeo.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare