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Versuchsstaffel wird heute aufgelöst / Flugverfahren entwickelt, Material getestet

Früher ging es die um Panzerabwehr, zuletzt um Evakuierungsmaßnahmen

Achum (wop). Am 1. April 1973 wurde auf dem Flugplatz Wietzenbruch bei Celle aus den Resten der ehemaligen Drohnen-, Lehr- und Versuchsstaffel die Heeresfliegerversuchsstaffel 910 aufgestellt. Nach 35 Jahren wird die Staffel am heutigen Silvestertag in der Achumer Schäfer-Kaserne aufgelöst.

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Entstanden ist die Staffel in einer Zeit, als die zahlenmäßige Überlegenheit der Panzertruppen des Warschauer Paktes ein ständiges Bemühen des Westens nach Anpassung des eigenen Verteidigungskonzepts nach sich zog und die Forderung nach einem schlagkräftigen und schnell verlegbaren Panzer-Abwehr-System laut wurde. In einer Zeit, als die Heeresfliegertruppe - mit drei Prozent der Gesamtstärke am Heer und einem Drittel am Gesamtbestand der Luftfahrzeuge der Bundeswehr - die Hälfte der in den Streitkräften geflogenen Stunden erbrachte. So lautete auch der erste Auftrag der Staffel: Entwicklung von Einsatzgrundsätzen für Panzerabwehr aus der Luft, fliegerische Überprüfung der Einsatzverfahren, Entwicklung und Einführung des Panzerabwehrhubschraubers (PAH). Mit zehn geleasten BO 105, dem ersten deutschen Hubschrauber in den Streitkräften, ging der "Zirkus Ehninger" - genannt nach dem ersten Staffelkapitän, dem kürzlich verstorbenen Major Konrad Ehninger - an die Arbeit, bei der das deutsche Heer erstmalig aus der Luft kämpfen sollte. Bis 1979 wurden so als Vorreiter in der NATO und, wie sich bald herausstellte, für große Teile der westlichen Welt, taktische Verfahren für den Kampf im Verbund des Heeres entwickelt, erprobt, verworfen, verbessert. Es ging dabei nicht nur um den Kampf gegen Panzer, sondern auch um die Entdeckbarkeit durch und Abwehrverfahren gegen die Luftwaffe, die Zusammenarbeit mit der Fliegerabwehr und das Vermeiden von Radar. Dabei entstanden neue Begriffe wie "Konturen-, Schleich- und Pirschflug, Beobachtungs- und Schießhalt", Worte, die jedem Heeresflieger heute glatt über die Lippen gehen. Daneben war ständig technisches Neuland zu betreten. So wurde unter anderem die beste Visiereinrichtung ermittelt, der wirksamste Tarnanstrich für Hubschrauber gefunden und die gleichzeitige Betankung mehrerer Hubschrauber aus Faltbehältern im Gelände entwickelt. Die Zusammenarbeit mit verschiedensten Firmen, mit zivilen und militärischen Erprobungsstellen reichte von Meppen und Manching über Greding und Braunschweig bis zu Northrop in Kalifornien. Die militärischen und zivilen Besucher lösten sich in der Staffel ab, die Bundeswehr präsentierte ihr hoffnungsvollstes Kind. Jeder wollte sehen, wie die deutschen Heeresflieger die neuen Probleme lösen. Außer Luxemburg war jedes Land der NATO interessiert, aber auch Indonesien, Österreich, Israel unddie Schweiz waren zu Besuch in Celle. Daneben eiferten die Kampftruppen des Heeres untereinander um die Teilnahme des Versuchsschwarms an ihrenÜbungen. Wer etwas auf sich hielt, setzte das neue Waffensystem ein. Die Namen "Blaue Donau", "Standhafte Chatten", "Große Jagd" und "Kurzer Haken" sollen für viele stehen. Die Hubschrauberführer kamen kaum mehr aus ihrem "Oliv" (auch das war neu unter Fliegern, Fliegen im Kampfanzug). Und danndie Flugtage und Vorführungen mit und ohne scharfem Schuss. Jeder Veranstalter wollte die neue Wundertechnik BO 105 mit ihrem gelenklosen Rotor in seinem Programm haben und mindestens einen Looping oder bodennahen Kurvenflug sehen. Die Versuchsstaffel wurde so die Keimzelle der Panzerabwehr aus der Luft im deutschen Heer. Nachdem die Entscheidung zur Anschaffung der BO 105 gefallen war, wurden die ersten Fluglehrer der Waffenschule ausgebildet und 18 spanische Piloten plus Techniker geschult, die anschließend die geleasten Hubschrauber übernahmen. Mit dem Aufstellen der PAH-Regimenter 1979/80 musste der Auftrag der Staffel erweitert werden. Neben den technischen Erprobungen erhielten die PAH-Besatzungen aus ganz Deutschland in Celle und Bergen-Hohne ihre taktische, die Schützengrund- und die Schießlehrerausbildung. Mit Erreichen der Einsatzreife in den Regimentern konnte die Versuchsstaffel an neue Aufgaben gehen. Das Motto hieß jetzt "Allwetterfähigkeit", "Nachtkampftauglichkeit", "PAH 2". Dazu mussten Instrumenten- und Nachttiefflug intensiviert sowie der Einsatz der Fliegerfaust vom Hubschrauber aus untersucht werden. Ein optimiertes Nachtflugcockpit wurde entwickelt, die dritte Generation Raketen und neue Funkgeräte erprobt. Dies alles brachte der kleinen, aber europaweit bekannten Staffel ungezählte Dank- und Anerkennungsschreiben und die Medaille des Heeres ein. Auch östlich der Grenze war man beeindruckt: Im Jahr 1985 veröffentlichte die NVA fein säuberlich die Einsatzverfahren der PAH im entsprechenden Handbuch. Gegen Ende der 80er-Jahre und nach der Wendeänderten sich die Schwerpunkte erneut. Sensorgestützter Nachttiefflug in unbekanntem Gelände, Einsatzprüfung Tiger, Truppenversuch NH90, ABC-Schutzanzug für Luftfahrzeugführer hießen die neuen Aufträge. Für Auslandseinsätze werden Staub- und Atemschutz sowie andere Schutz- und Überlebensausrüstung gebraucht. Die Bordbewaffnung auf der Rampe der CH53 muss entwickelt und erprobt werden. Bei weltweiten Evakuierungen, unter anderem mit der Marine, sind Verfahren der Zusammenarbeit zu erarbeiten. Die nach Bückeburg verlegte Versuchsstaffel erprobt, entwickelt, untersucht mit Professionalität und hoher Motivation. Als Beweis dafür gilt die Auszeichnung für 30 Jahre unfallfreies Fliegen, der höchsten, welche die Bundeswehr bisher vergeben hat. Seit Mitte 2008 werden die Aufträge von derselben technischen und fliegenden Crew unter Regie des Bereichs Weiterentwicklung der Heeresfliegerwaffenschule erledigt, weiterhin zum Fortschritt in der Heeresfliegertruppe und zum Nutzen des Heeres.

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