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Freimaurer – freie Männer von gutem Ruf

Während sich die Brüder der „Albrecht Wolf-gang“-Loge regelmäßig im kleinen Saal des Stadthäger Ratskellers treffen, besitzen die Hamelner Freimaurer ein eigenes Logenhaus, das etwas versteckt im Hinterhof eines Gebäudes an der Mühlenstraße liegt. „Meister vom Stuhl“, also der Vorsitzende der Loge, ist Hubert Volkmer, der zusammen mit Alt- und Ehrenstuhlmeister Johannes Braun zu einer kleinen Führung durch das Gebäude mit seinen hellen Räumen einlädt. Kernstück ist der „Tempel“, der Versammlungsraum für die „Bruderabende“, der durch seine Gestaltung und Einrichtung Assoziationen sowohl an ein modernes Gotteshaus als auch an einen würdigen Gerichtssaal weckt.

Der Freimaurertempel in der Hamelner Mühlenstraße. Fotos: roh

Autor:

Cornelia Kurthund Matthias Rohde

Hier hat jedes Mitglied seinen festen Platz, vorne der Meister vom Stuhl, anbei die beiden „Aufseher“ und der Sekretär, im Raum verteilt die Gesellen und Lehrlinge. Die typischen Freimaurersymbole wie der Zeremonienstab, Winkelmaß, Zirkel und drei Hämmer, die an drei verschiedenen Orten im Tempel liegen, sie entstammen noch aus der Gründerzeit der Freimaurerlogen, die sich im 18. Jahrhundert aus den historischen Steinmetz-Bruderschaften entwickelten, ursprünglich der Zusammenschluss von Baumeistern, die das geheime Wissen um den Kirchenbau miteinander teilten und nur an ihre „Brüder“ weitergaben. Erkennungszeichen wie ein bestimmter Händedruck oder Passwörter, die heute noch üblich sind, wenn einander fremde Freimaurer sich begegnen, haben damit zu tun, dass viele Mitglieder damals nicht lesen und schreiben konnten und alle Informationen mündlich weitergetragen wurden.

In der oberen Etage des Logenhauses befindet sich der mit einem blauen Teppich ausgelegte „blaue Salon“, ein gemütlicher Clubraum mit kleiner Bar, bequemen Stühlen, Aschenbechern auf den Tischen und, nicht zu vergessen, einer Bibliothek voller Bücher über die Geschichte der Freimaurerei. Hier treffen sich die Brüder nach der „Tempelarbeit“, um über verschiedenste Themen zu diskutieren, hierher auch lädt man Gäste ein, die sich für die Freimaurer interessieren.

Mit religiösen Dingen hat die „Tempelarbeit“ nichts zu tun. Das betont auch der Meister vom Stuhl Karl Peter Linck aus Stadthagen. „Manche meinen, dass unser ,Ritual‘, also die Art, wie die feierlichen Versammlungen stattfinden, die festen Worte, die gesprochen werden oder die Prozedur, mit der ein neues Mitglied aufgenommen wird, an einen Gottesdienst erinnern und die Vorträge, die gehalten werden, an eine Predigt. Das liegt uns aber fern“, so Linck. Ja, gläubig sollte man sein, ganz egal, welcher Religion man angehört. „Wir sprechen bewusst vom ,Großen Baumeister aller Welten‘, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.“ Doch sei dieser Bezug auf eine transzendente Wesenheit eher indirekt und nur deshalb von Bedeutung, um sich den Aufgaben und Zielen der Freimaurer wirklich moralisch verpflichtet zu fühlen.

Hubert Volkmer, der Hamelner Meister vom Stuhl, mit seinen traditionellen Insignien der Freimaurerei: hoher Hut, weiße Handschuh
  • Hubert Volkmer, der Hamelner Meister vom Stuhl, mit seinen traditionellen Insignien der Freimaurerei: hoher Hut, weiße Handschuhe, Hammer, Winkelmaß, Schurz und Bijou.
Im Foyer des Logenhauses befindet sich eine Galerie der Meister vom Stuhl. Den Ornat, den Johannes Braun auf dem Bild trägt, leg
  • Im Foyer des Logenhauses befindet sich eine Galerie der Meister vom Stuhl. Den Ornat, den Johannes Braun auf dem Bild trägt, legt er nur zur Tempelarbeit an.

Die Bibel, die Thora, der Koran, sie alle gehören in die Logenbibliotheken, weil sie „Bücher des Gesetzes“ repräsentieren. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Humanität und Toleranz, das sind die Richtwerte des Freimaurer-Engagements. „Für uns geht es nicht darum, unsere Überzeugung und unsere innere Haltung zu diesen Werten einem breiten Publikum zu präsentieren, sondern sie in uns selbst zu festigen und auszubauen“, sagt Hubert Volkmer für die Hamelner Loge. Und Johannes Braun ergänzt, dass es ein englisches Sprichwort gebe, das gut beschreibe, wonach ein jeder Bruder als Freimaurer strebe, nämlich: Gutes noch besser zu machen.

Karl Peter Linck hat kein Problem damit, einzugestehen, dass er sich wohl ebenso gut einer Vereinigung wie dem Lions-Club oder den Rotariern hätte anschließen können, vor vielen Jahren, als er neu an die Medizinische Hochschule in Hannover kam und Anschluss an seinem Wohnort Stadthagen suchte. Ein Kollege lud ihn zu einem Gästeabend in der Albrecht Wolfgang-Loge ein und schnell faszinierte ihn die Art, wie hier miteinander geredet wurde, wie jeder abwechselnd Vorträge zu Themen aus seinen persönlichen Interessengebieten hielt und wie man gemeinsam überlegte, welche städtischen Institutionen, welche sozialen Projekte, welchen einzelnen Menschen in Not man mit Spenden unterstützen könnte. Nur zwei Themenbereiche bleiben tabu: Religion und Politik. „Wir wollen uns schließlich nicht streiten!“

Auch nach außen gibt es ein gewisses Tabu, das sagenumwobene „Ritual“, nach dem die Versammlungen ablaufen und das lange ein Geheimnis war, über das kein Bruder mit Außenstehenden sprechen durfte. Noch immer ist es kein Thema für lockere Gespräche mit Nicht-Mitgliedern. „Oh, wenn Sie sich ernsthaft dafür interessieren, dann könnte ich Ihnen schon sehr viel erzählen, so ist es nicht“, sagt Karl Peter Linck. „Das wäre dann aber eine Sache zwischen zwei Menschen, ein privates Gespräch über sehr persönliche Empfindungen.“ Hubert Volkmer und Johannes Braun sehen das nicht anders: „Das, was mit jedem einzelnen Bruder während einer Tempelarbeit passiert, lässt sich nicht in Worte fassen.“

Ein wenig Einblick gewähren sie dann aber doch. Gesungen werde unter anderem, gedämpfte Beleuchtung sorge für eine zeremonielle Atmosphäre, der Meister vom Stuhl entwerfe eine „Zeichnung“, also eine Rede. Die verdankt ihren Namen ebenfalls der Freimaurerherkunft aus dem Handwerk der Steinmetze, wo ein Baumeister den anderen einen in Gips geritzten architektonischen Entwurf vorlegte, der dann gemeinsam besprochen wurde. Vor jeder Tempelarbeit legen die Mitglieder dunkle Kleidung an, sie tragen weiße Handschuhe, einen ledernen Schurz und dazu das Bijou, das jeweilige Logenabzeichen. Dann geht es in Zweierreihen die Treppe hinauf in den Tempel.

Derzeit gehören der Hamelner Freimaurerloge „Zur königlichen Eiche“ rund 100 Brüder an, von denen etwa 40 an der Tempelarbeit teilnehmen. Damit zählt sie zu den vier größten Logen Niedersachsens. Die Loge „Albrecht Wolfgang“ hat 28 Mitglieder, der jüngste Bruder ist 32 Jahre alt, der älteste 86. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten und müssen keine anderen Voraussetzungen mitbringen, als ein „freier Mann von gutem Ruf“ (also ohne Vorstrafen) zu sein. Frauen gehören in keiner der Logen dazu, auch nicht in der Nienburger Loge „Georg zum silbernen Einhorn“. Doch gibt es zum Beispiel in Hannover eine reine Frauenloge und bundesweit auch mehrere gemischte Logen.

Will jemand ein Freimaurer werden, dann muss er einen Bürgen an seiner Seite haben und sich einer Abstimmung stellen. Wo es mehr als zwei Gegenstimmen gibt, wird es nichts mit der Mitgliedschaft. Reine Willkür bei der Ablehnung dürfe es allerdings nicht geben. Die Kritiker müssen aufstehen und ihre Gegenargumente darlegen. So könne es zum Beispiel sein, dass es persönliche Unverträglichkeiten gäbe, die der brüderlichen Stimmung Abbruch täten. „Wir müssen schon alle gut zusammenpassen und gemeinsame Ziele vertreten“, erklärt Klaus Peter Linck.

Ein geregeltes Einkommen sollte man als Freimaurer auf jeden Fall haben. 400 Euro beträgt der Jahresbeitrag in Hameln, keine Kleinigkeit. Ein Teil dieser Einnahmen fließt in das für karikative Zwecke gegründete Freimaurerische Hilfswerk (FHW), in dem jede Loge automatisch Mitglied ist. Zahlreiche Brüder sind darüber hinaus noch Einzelmitglied in diesem Hilfswerk, mit einem gesonderten Mitgliedsbeitrag. Auch vor Ort profitiert man von der Spendenbereitschaft der Freimaurerlogen. Die Hamelner unterstützen großzügig unter anderem die „Lebenshilfe“ und das DRK, die Stadthäger spenden traditionell für den Kindergarten Herminenstift oder auch für die Brasilienhilfe des Ratsgymnasiums.

Gefragt, ob er stolz sei, zu den Freimaurern zu gehören, lächelt Meister vom Stuhl Karl Peter Linck. „Stolz? Nein. Mir macht es einfach großen Spaß. Wir sind eine liberale Gemeinschaft, mit Zielen, hinter denen ich stehen kann. Und mit vielen vergnüglichen, lehrreichen Abenden.“ Auch Hubert Volkmer und Johannes Braun empfinden die Freimaurer als ihre „geistige Heimat“: „Der Austausch mit den Brüdern ist für mich ein unverzichtbarer Bestandteil meines Lebens“, so Braun. Das können alle unterschreiben.

Noch immer weht ein Hauch des Geheimen und Mystischen um die Logenhäuser der Freimaurer. Dabei fördern Insider bereits seit Jahrzehnten jedes noch so vertrauliche Detail zutage, schreiben Bücher und bestücken Datenbanken im Internet mit ihrem Wissen. Auch in der Hamelner Freimaurerloge „Zur königlichen Eiche“ und in der Stadthäger Loge „Albrecht Wolfgang“ gewährt man gerne Einblick. „Wir sind kein Geheimbund“, so der Meister vom Stuhl in Stadthagen, Karl Peter Linck. „Eigentlich sind wir ein ganz normaler Verein.“

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