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Augenkontakt gilt es zu vermeiden, stattdessen soll man ruhig mit ihnen reden. Dann ist alles halb so wild, vorausgesetzt, man findet die richtigen Worte angesichts eines ausgewachsenen Keilers von 150 Kilo Körpergewicht und der völligen Umgestaltung des Gartens.

Das Wildschwein lässt die Sau raus und pflügt gerne mal die Gärt

Autor:

Gabriele Schmedesund Jens Tippel

Wildschweine lernen schnell, dass Menschen keine Gefahr bedeuten, und wir haben anscheinend mehr Schwierigkeiten im Umgang mit den normalerweise äußerst friedlichen Tieren als umgekehrt.

Immer häufiger verlassen die Rotten die Wälder, um Gärten, Friedhöfe und Parks mit ihren Rüsseln nach Maden, Engerlingen, Regenwürmern und Blumenzwiebeln zu durchwühlen. Sie sind längst nicht mehr die einzigen, die den Charme des Stadtlebens schätzen gelernt haben. Vertrieben durch die Folgen der intensiven Land- und Forstwirtschaft finden viele tierische Migranten in den urbanen Biotopen lebenswertere Bedingungen als in ihrem ursprünglichen Zuhause – die Bremer Stadtmusikanten waren nur die Vorhut. Mittlerweile ist die Artenvielfalt in der Stadt größer, als auf dem Land.

Doch Wildschweine brauchen keine Überlebensnische, sie suchen zusätzliche Ressourcen, weil ihnen im Wald die Eicheln ausgehen, wenn sie marodierend die Republik durchstreifen und Jäger, Naturschützer und Landwirte auf den Plan rufen, die sich gegenseitig die Schuld an der Überpopulation zuweisen. Seit den fünfziger Jahren haben sich die Bestände verzehnfacht.

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Das Wildschwein ist ein Glücksschwein und gehört eindeutig zu den Siegertypen, was ihm an Eleganz fehlt, wiegt es mit Anpassungsfähigkeit und Intelligenz wieder auf. Mit den von uns verursachten globalen Veränderungen kommt es bestens zurecht, und es ist wie geschaffen für die Kulturlandschaft. Den Jägern macht das ehemals tagaktive Tier die Sache nicht leicht, denn seitdem es die Wälder verlässt, hat es sich auf einen nachtaktiven Rhythmus umgestellt. Rund 30 Stunden muss der Waidmann ansitzen, bevor er sich die begehrte Trophäe in sein Jagdzimmer hängen kann.

Obwohl das Lieblingsessen von Asterix und Obelix bei uns kulinarisch nicht gerade hoch im Kurs steht – unter den 60,5 Kilo Fleisch, die jeder Deutsche im letzten Jahr gegessen hat, ist nur ein Kilo Wild –, wurden in den letzten Jahren vor allem die großen Tiere geschossen.

Wildschweine leben im Matriarchat. Der Keiler ist Einzelgänger, ihn zieht es nur für die besonderen Momente im Leben zur weiblichen Gesellschaft. Angeführt vom ältesten, erfahrensten Tier, leben bis zu 30 Bachen und Frischlinge in einer Rotte. Wird die Leitbache rauschig, werden auch die anderen Tiere empfangsbereit. Wird sie erschossen, gerät das Sozialgefüge der Schweine derart aus den Fugen, dass die Tiere nicht mehr wissen, wann Paarungszeit ist und das ganze Jahr über Nachwuchs zeugen können, der in der deutschen Natur optimale Lebensbedingungen vorfindet.

Mittlerweile bauen wir mit 2,1 Millionen Hektar 30 Mal soviel Mais an, wie noch vor 50 Jahren, und Mais ist für Wildschweine wie Popcorn für den Cineasten. Im Frühling prägen blühende Rapsfelder die Landschaft, so deutsch, wie der oft besungene Wald. Im Jahr der biologischen Artenvielfalt ist die landwirtschaftliche Eintönigkeit umso präsenter.

Viele Tiere leiden noch unter den Folgen, die 2008 die Abschaffung der Prämie für die Flächenstilllegung mit sich brachte, und die hochgelobten Energiepflanzen, die dem Klimaschutz dienen sollen, machen das Land zusätzlich unbewohnbar für sie. Für Wildschweine dagegen sind die zeitversetzt wachsenden Feldfrüchte Raps, Weizen und Mais die kulinarische Offenbarung. Bei bis zu drei Metern Höhe bietet ein Maisfeld zusätzlich die ideale Deckung, und das führt dazu, dass kaum ein Jäger scharf darauf ist, die Reviere zu pachten, denn für etwaige Wildschäden muss der Waidmann geradestehen. Abhilfe sollen jetzt 15 Meter breite Schneisen im Feld schaffen, die die Monokultur wohltuend auflockern, freie Sicht garantieren, Vögeln Nistmöglichkeiten bieten und Natur, Jägern, Landwirten und Naturschützern gleichermaßen zugute kommen – nur dem armen Schwein nicht, das mit seiner Anatomie, Physiologie, seiner Klugheit und Anpassungsfähigkeit und selbst seiner Hygiene, dem Menschen so sehr gleicht, und dass wir gerade deshalb so verachten, wie kein anderes Tier. Dabei möchten wir doch eigentlich bloß auch mal ein Schwein sein und hin und wieder die Sau rauslassen.

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