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Flender liest aus seinem Erstling „Greenwash Inc.“

Bad Münder. Die ersten 100 Seiten habe er zusammen mit seinem Ziehvater, dem Hildesheimer Schreiblehrer Hanns-Josef Ortheil, erarbeitet. „Jetzt mach’ mal weiter“, habe der dann gesagt, und herausgekommen ist ein ebenso böser wie spannender Roman, der in der Kritik große Beachtung gefunden hat. Vom „Schwarzbuch des Gewissens“ (FAZ), „der Kampagne ohne Skrupel“ (Kölner Stadtanzeiger) bis zu „Zynische Marketing-Kampagnen“ (NDR) reichen die Schlagzeilen für Karl Wolfgang Flenders „Greenwash Inc.“.

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Autor:

Christoph Huppert

Im „Theater“ genannten Vortragsraum des Wilhelm-Gefeller-Bildungszentrums am Deisterhang präsentierte der 1986 in Bielefeld geborene, in Berlin lebende Autor vor knapp 50 Zuhörern seinen Debütroman. In dem geht es um jenen Teil der Werbeindustrie, die auf überaus zynische Weise wider besseres Wissen Industriekonzernen ein ökologisches und grünes Image verpasst. Die fiktive Agentur „Mars & Jung“ wird gerufen, um die Selbstdarstellung eines Unternehmens aufzupolieren, dem gerade sein Image infolge Genmais-Skandal, katastrophal verlaufender Brandrodungen in Übersee und einer abgebrannten Textilfabrik ohne Notausgänge um die Ohren fliegt. Mittendrin: Protagonist Thomas Hessel, aus dessen Blickwinkel die skrupellosen Machenschaften geschildert werden.

Flenders Schreibstil ist äußerst kompakt und intensiv. Jeder Satz ist vollgepackt mit Kleinigkeiten, die die vielfältigen äußeren und inneren Katastrophen beschreiben. Ein gegen die Autoscheibe knallender Vogel etwa wird so zum Vorboten für die zynischen, bitterbösen und gewalttätigen Machenschaften einer durch und durch amoralischen Branche. Deren Verfälschungen der Wahrheit haben nach Flenders Meinung längst den seriösen, faktenorientierten Journalismus durch ausgeklügelte PR-Strategien ersetzt. „Das verwackelte Bild der Handy-Kamera ist die neue Authentizität“, klagt der Autor mit Blick auf die sozialen Medien und seine „eingebetteten Journalisten“, die sich bewusst oder unbewusst zu Handlangern von Konzerninteressen machen lassen. Längst habe in der „sterbenden Branche“ des Zeitungsjournalismus die „ereignis- die faktenbasierte Kommunikation“ ersetzt, moniert Flender.

Jahrelang habe er zum Thema recherchiert, berichtet der jungenhaft wirkende Autor, Lösungen oder Antworten freilich könne er jedoch nicht anbieten. „Eher immer noch mehr Fragen.“ Die starken Bilder, die der Autor in drei kleinen Leseabschnitten präsentierte, brennen sich im wahrsten Sinne des Wortes ein. Mag das Finale, in dem ein medienwirksam inszenierter Brand außer Kontrolle gerät, ein Dorf zerstört und Menschen verletzt, vielleicht eine Spur zu melodramatisch erscheinen, die Erkenntnis, dass der Zynismus skrupelloser PR-Strategen kein objektives Urteil mehr zulasse, fährt an diesem Abend allen Zuhörern mächtig in die Glieder.

Und so blieb die Frage, was und wem man denn eigentlich noch glauben könne, einmal mehr auf beunruhigende Weise unbeantwortet.

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