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Film-AG Bad Münder zeigt Luther-Stummfilm aus dem Jahr 1928

BAD MÜNDER. Für Katholiken war der gut zweistündige Streifen seinerzeit ein massives Ärgernis. Schon ein Jahr nach der Entstehung wurde der „stumme Luther“ nach katholisch-bayerischen Protesten als Gefahr für die öffentliche Ordnung mehr als 40 mal geschnitten, letztlich gekürzt, verändert und verstümmelt.

Eine Schlüsselszene des Films spielt auf einer großen Treppe in Rom. FOTO: HUPPERT

Autor

Christoph Huppert Reporter

„Wir waren lange hinter dem Film her“, berichtet Pastor und Filmexperte Dietmar Adler. Pünktlich zum Reformationsjahr hat das Bundesfilmarchiv das Werk aus den Zwanzigerjahren restauriert. „Der Film ist aber nicht allgemein öffentlich zugänglich“, sagt Adler. Deshalb kommt der Aufführung auf der großen Leinwand in der Petri-Pauli-Kirche eine besondere cineastische Bedeutung zu. Seit 2001 begleitet außerdem Michael Vetter, derzeit Dom-Organist in Bautzen, die alljährlich Anfang November stattfindenden Stimmfilmaufführungen der Film-AG auf der Orgel.

Im 1927 entstandenen und 1928 in Berlin uraufgeführten Stummfilm „Luther“ von Hans Kyser erleben die Zuschauer eine Lutherdarstellung deutsch-nationaler Prägung. Obgleich zahlreiche Szenen wie die Andeutungen des ausschweifenden Sexlebens in römischen Kreisen und die Zertrümmerung einer Marienstatue durch Karlstadt entfernt beziehungsweise abgemildert wurden, bleibt die Grundaussage des Films schlichtweg antikatholische Propaganda.

„Dennoch“, sagt Adler in seiner fundierten und kenntnisreichen Einführung, „tritt uns hier ein durchaus differenzierter Luther entgegen“. Das sei eben kein „Hau-drauf-Luther“, sondern ein dem klassischen Bild der „Heldenreise“ folgender Charakter mit durchaus poetischen und humanistischen Zügen. Adler: „Den nationalen Zungenschlag, den bringen andere in den Film, wie etwa Dürer oder Friedrich der Weise.“

Im Mittelpunkt des in acht Kapitel gegliederten Films steht eine Massenszene mit symbolischer Aussagekraft auf einer gewaltigen Treppe in Rom.

Während die Wallfahrer, unter denen sich auch Luther befindet, die Treppe auf Knien hinrutschen, werden sie von den päpstlichen Soldaten beiseite geschoben und es ergießt sich ein minutenlanger Schwall von Würdenträgern, Nonnen, Mönchen von oben herab, ehe schließlich der Papst auf einem mit Pfauenfedern geschmückten Thron erscheint. „Das erinnert an die Treppenszene von Sergei Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin“, weiß Adler. Zweifellos eine filmische Glanzleistung. Antikatholische Propaganda sicherlich, dennoch filmisch exzellent in Szene gesetzt.

„Rom wird hier als eine Art Vorläufer der Schmach von Versailles empfunden“, so Adler in Anspielung auf den Zeitgeist der ausgehenden 20er-Jahre. Das Lutherbild trägt unverkennbar protestantisch-nationalkonservative Züge. Wie also sollte man sich den Film heute anschauen? Der evangelische Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen rät zu „aufgeklärter Gelassenheit“, ohne Heldenverehrung, aber auch ohne Totalverdammung. „Luther ist eine historische Gestalt, die vieles ausgelöst hat, was uns heute noch betrifft“, sagt auch Adler. „Und da muss man eben differenziert hinschauen.“

Hinschauen, darüber diskutieren und nicht bloß konsumieren. Das eben ist auch der Ansatz der Film-AG Bad Münder. Nicht nur wenn’s um Luther geht.

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