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Andreas Heller stellt der Erlebniswelt ein denkbar schlechtes Zeugnis aus / "Nicht marktfähig"

EWR: Note sechs für Konzept und Umsetzung

Hameln (ni). Es ist ein Verriss erster Klasse, und der ihn geschrieben hat, weiß, wovon er spricht: Andreas Heller, Generalplaner des mit jährlich 230 000 Besuchern erfolgreichen Museums "Auswan de rerhaus" in Bremerhaven und verantwortlich für das Konzept des nicht minder angesehenen "Buddenbrook hauses" in Lübeck, hat über die Erlebniswelt Renaissance im Hamelner Hochzeitshaus ein vernichtendes Urteil gefällt.

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Von 200 000 Besuchern im Jahr haben die Planer der Erlebniswelt Renaissance geträumt - und eine saubere Pleite hingelegt. Heller, der mit den 28 Mitarbeitern seines Hamburger Unternehmens "Studio Andreas Heller" auf Planungen, Beratungen und die Entwicklung von Konzepten für Museen spezialisiert ist, und sowohl mit dem Auswandererhaus als auch dem Buddenbrookhaus bewiesen hat, dass man mit dem richtigen Konzept die Menschen fesseln kann, wundert's nicht. Seine Erklärung für das Scheitern des Hamelner Projektes: "Das unzulängliche Konzept ist der Hauptgrund für eine sehr unglückliche Umsetzung und Gestaltung." Sein Fazit: Die EWR sei "nicht marktfähig", eine Wiedereröffnung darum auch nicht zu empfehlen. Auf Initiative von FDP-Fraktionschef Heinrich Fockenbrock hatte der Kreis Hameln-Pyrmont den Experten aus Hamburg um eine Bewertung der Präsentation im Hochzeitshaus gebeten - und sich im Stillen vielleicht auch erhofft, der Fachmann könnte mit ein paar zündenden Ideen zur Rettung der EWR das totale Desaster doch noch abwenden. Heller tut ihm diesen Gefallen nicht, sondern spricht in seiner Stellungnahme von einem "unglaublich hohen Anspruch" des Projektes, "der nicht eingelöst wird". Der Versuch der Konzeptmacher, sämtliche historischen Errungenschaften der europäischen Renaissance beispielhaft in einem einzigen Projekt zu vereinen, musste in seinen Augen schiefgehen, weil es dafür am Wichtigsten fehlte: an Original-Schauplätzen, Original-Exponaten, authentischer Ausstellungsarchitektur und einer wissenschaftlichen Aufbereitung. Heller: "Der Besucher, dem die Vorenthaltung jeglichen Originals als positives Konzept verkauft wird, erkennt keine Zusammenhänge mit dem angeblich authentischen Ort des Hochzeitshauses wieder". Geschichte zu präsentieren ohne Objekte, ohne Inszenierungen und vor allem ohne Geschichten, lasse die Besucher "kalt". Und historische Themen lediglich durch technische Medien (wie den E-Guider) und stilisierte Modelle oder Installationen zu präsentieren, ziehe "keine intellektuelle und emotionale Einbindung des Besuchers nach sich", das Erlebnis bleibe "hohl", so Heller. Genau so streng wie mit dem Konzept, das vom Büro für Sozial- und Freizeitforschung unter Leitung von Professorin Felizitas Ro meiß Stracke erstellt wurde, geht Heller mit den Wirtschaftlichkeitsberechnungen ins Gericht, die dasselbe Institut im Vorfeld des Projekts angestellt hat und auf deren Grundlage nicht zuletzt auch die Politiker des Landkreises Hameln-Pyrmont ihre Hand gehoben haben für die EWR. Die von den Gutachtern prognostizierten Besucherzahlen seien als "völlig überzogen zu bezeichnen". Bei ihren Vorhersagen hätten sie bestehende Freizeitparks, Museen und "Science Center" zum Vergleich herangezogen, die "in erster Linie durch ihre Authentizität oder durch ihre Originalexponate geprägt" seien. Doch die auf das "Bil dungsbürgertum" abzielende EWR habe "nicht im geringsten etwas mit diesen Einrichtungen zu tun" und erreiche längst nicht deren Niveau. Den Entscheidungsträgern - und das waren damals die SPD-Landesregierung mit Wirtschaftsministerin Susanne Knorre sowie die Landkreise Hameln-Pyrmont, Schaumburg und Holzminden - schreibt er in diesem Zusammenhang ein schweres Versäumnis ins Stammbuch: "Bei einem derart neuartigen Konzept hätte durch die Auftraggeber der EWR im Vorfeld eine Marktforschung beauftragt werden müssen." Die - ist Heller überzeugt - hätte den Traum von der ungeheuren Sogkraft des Projektes rechtzeitig platzen lassen.

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