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Die Bürger von Bergen trotzen den Niederschlägen mit Gleichmut – nur bei Sonnenschein werden sie zu Sizilianern

Europas Regenstadt Nr. 1 – „Tschüss, du Regenloch“

Franz-Norbert Piontek

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Die Sonne zeigt sich ganz kurz. Die Maschine steht auf der Startbahn des Flughafens in Bergen. Als sie beschleunigt, seufzt es hinter uns: „Tschüss, du Regenloch!“ Steil steigt der Düsenjet empor. Aus dem Fenster ist Bergen zu erkennen. Das Zentrum mit dem historischen Viertel am Hafen, dann verschwindet alles in den Wolken. „Vier Wochen waren wir auf Montage“, erzählt der Mann. „Jeden Tag hat es geregnet. Wie halten die Bergener das nur aus?“

24 Stunden früher. Gerade waren wir mit der Bergen-Bahn in Norwegens zweitgrößter Stadt eingetroffen. Dem Angebot „Norwegen in a nutshell“ (Norwegen in einer Nussschale) folgend, waren wir einige Tage entlang einer der schönsten Eisenbahnstrecken in Europa abgefahren. 402 Kilometer von Oslo herüber, mit einem Abstecher in Gol, einem 4400-Seelen-Ort mit riesiger Markung. Acht Menschen leben statistisch auf einem Quadratkilometer. Ein bisschen wandern auf dem Fjell, Wege durchs Hochmoor, nur mit einem Führer zu empfehlen. Mit dem höchsten Haltepunkt Finse auf 1222 Meter über dem Meeresspiegel, wo der bequeme Schnellzug mehr Lawinentunnel durchfährt als Landschaft. „Im Winter gibt es Tage, da kommen selbst wir nicht durch“, hatte der Schaffner erzählt.

Es war Sonntagmittag – und es regnete in Strömen. Zehn Minuten Fußweg im Regen? Nein! Der erste Taxifahrer wollte nur zwei Fahrgäste mitnehmen. Kein Taxi! Nur tiefe Pfützen, vorbeihuschende Bürger. Erst der Anruf eines Portiers vom gegenüberliegenden Hotel brachte die Erlösung. Quer durch die Stadt, durch große Lachen, Pladdern auf dem Autodach, quietschende Scheibenwischer.

Melancholisch wirkt die Kompositionshütte des berühmten Komponis
  • Melancholisch wirkt die Kompositionshütte des berühmten Komponisten Edvard Grieg im Dauerregen.

Die Feuchtigkeit stieg rasch in einem auf. Grau-blau die Stimmung. So, wie sie Gunnar Staalesesen in seinen Krimis mit dem „Wolf“, dem Privatdetektiv Varg Veum, festschrieb. Das richtige Mikroklima, um Morde zu begehen: Menschen aufhängen, aufs Autodach fallen lassen, gruselig, hinterhältig, weil alles hinter Fassaden stattfindet. Draußen regiert nur der Regenschirm.

Bergen, mit rund 250 000 Einwohnern eine angesehene Handelsstadt, und das schon seit Jahrhunderten, am Sonntag zu erleben, ist was für starke Nerven. Und dann noch im Regen? Am Fischmarkt am alten Hafen frösteln die Händler. Keiner will Fish and chips, geschweige denn ein Fischbrötchen. Nebenan quetschen sich einige Touristen in einem Coffeeshop. Heißer Kaffee, dazu warmer Apfelkuchen mit Sahne. Da erwacht wieder der Lebensgeist. „Unter der Woche ist mehr los“, erzählt die junge Verkäuferin. „Oder abends, da geht die Jugend noch was trinken. Ok, Bier, da muss Papi viel Taschengeld geben. Teuer – wir sind in Norwegen!“

Schräg gegenüber erhebt sich der Stolz der Stadt, das alte Hanseviertel Bryggen. Deutsche, holländische, englische Händler lebten hier. Damals, als der Handel mit getrocknetem Fisch, Dorsch, Stockfisch, gefangen vor Spitzbergen, noch blühte. Unter den dicht stehenden Holzhäusern, rot, gelb, blau, grau gestrichen, in den engen Gassen tropft es nicht allzu sehr. „Mindestens dreimal ist das Viertel abgebrannt“, erzählt die Fremdenführerin Maja, nach Jahren in Norwegen immer noch das Tiroler-R rollend. „Aber der Wiederaufbau hat sich gelohnt: Hier sehen sie ein UNESCO-Weltkulturerbe.“ Kleine Läden, Boutiquen, Galerien, aber auch Cafés und Restaurants zogen ein. Alles wirkt wie eine Puppenstube.

Nebenan, vor der Marienkirche, fallen die Eicheln von den Bäumen direkt in die Pfützen. Erbaut hatten das Gotteshaus deutsche Händler. Davor sind noch einige Gräber. Durch das Fenster des danebenliegenden Museums können wir die Reste alter Hausbauten erkennen. „Bergen, umgeben von sieben Bergen, liegt am Golfstrom“, weiß Maja. „Das Resultat: 2548 Millimeter Niederschlag, 248 Regentage im Jahr.“ Unter ihrem knallroten Regenschirm lächelt sie. „Kein Schmäh! Wenn es uns zu lang regnet, machen wir ein Fest. Natürlich mit einem Wettbewerb: Wer hat den schönsten Regenschutz? Dafür wird es im Winter nie richtig kalt – nur regnen tut’s, wie in Seattle in den USA. Ist übrigens eine unserer Partnerstädte!“

Mit der Flöyenbahn versuchen wir, Land zu gewinnen. Rasch bringt uns die hochmoderne Standseilbahn hinauf auf 320 Meter Höhe. Wenn es nicht regnen würde, wäre der Ausblick grandios. Über die Stadt, die sich beidseits des Vagen schmiegt, hinaus auf die Inseln, die Kuppen bewachsen mit Kiefern und Laubbäumen. Doch dann schieben sich wieder Wolken herein.

Solche Stimmungen zeigen, wie sich ein berühmter Komponist gefühlt haben mag: Edvard Grieg (1843 bis 1907), der sein Haus sechs Kilometer südlich des Zentrums bewohnte, auf einer Kuppe mit Blick auf den kleinen Fjord. Ein helles Holzhaus, zu dem gerade eine Mutter den Kinderwagen schiebt – durch die Regenpfütze. Es macht ihr nichts aus, sie trägt Gummistiefel.

„Hier fühlte sich Grieg wohl“, berichtet Maja. Grieg, gerade 1,52 Meter groß, hager, hatte nur eine Lunge, saß hier am großen Flügel im Salon, spielte so lange, bis es ihm zu bunt wurde. „Er war sehr gastfreundlich“, sagt Maja, „manchmal zu gastfreundlich. Denn er traute sich nicht, seine Gäste hinaus zu komplimentieren – und so flüchtete er hinunter in seine Hütte, direkt am Fjord, um zu komponieren.“

Die Blätter fallen bereits von den Bäumen. Es nieselt nur noch. Hier also entstanden „Peer Gynt“, die Suite Nr. 2 mit dem berühmten „Solveijgs Lied“, das eigentlich jedes Linienschiff bei einer Fahrt durch die wunderschönen Fjorde spielen sollte? Maja nickt mit dem Kopf. Eine Treppe hinauf zum modernen Museum, steht Grieg leibhaftig. Als Denkmal, in Bronze gegossen, klitschnass. Ein Junge im gelben Regenmantel steigt auf die Bank und dann auf den Sockel.

Beim Kaffee im Museum blüht Maja auf. „Ja, ja, lachen Sie nicht. Wir hatten im Juni tatsächlich Sommer. Da lagen wir direkt hinter Barcelona. Nur ein Zehntelgrad und wir wären die heißeste Stadt Europas gewesen. Wir Bergenser sind sonnenhysterisch. Scheint die Sonne, füllen sich die Cafes um den Hafen. Die Kinder bekommen hausaufgabenfrei. Dann tanken wir Wärme – ehrlich!“

Inzwischen hat das Linienflugzeug seine Reisehöhe erreicht. 12 000 Meter – und immer noch Wolken!

Infos: Innovation Norway, ABC-Str. 19, 20354 Hamburg, Tel.: 040/22 94 15 88. E-Mail: germany@innovationnorway.no; im Internet: www.visitnorway.de.

Oft nur mit dem Regenschirm lässt sich das Hanseviertel in Bergen besuchen. Es steht auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

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