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Beeindruckend und ergreifend: Benefizkonzert für den Erhalt des jüdischen Friedhofes in der Stiftskirche

"Etwas dafür tun, dass diese Erde nicht zur Hölle wird"

Obernkirchen. Sie haben den Männerturnverein mitgegründet, den Männergesangverein auch, elf von ihnen waren dabei, als die Feuerwehr aus der Taufe gehoben wurde. Sie haben in den selben kalten Wintern gefroren, sind an den gleichen Seuchen gestorben, haben die gleichen Notzeiten und Unruhe durchlitten, denselben Hunger verspürt wie ihre christlichen Nachbarn. Und noch im Ersten Weltkrieg haben sie an der Seite ihrer deutschen Kameraden an der russischen Front gekämpft, das Eiserne Kreuz für ihre Tapferkeit erhalten und ihr Leben für das Vaterland gegeben: Jahrhunderte gehörten die jüdischen Mitbürger zum Stadtbild wie das Licht zum Tag. Erst das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte beendete das Zusammenleben in der Bergstadt: Die Juden wurden enteignet, vertrieben oder in Auschwitz, Theresienstadt oder Bergen-Belsen ermordet.

Die Adlers gehörten bis 1936 gut 140 Jahre zum Obernkirchener Bü

Autor:

frank Westermann

Die Geschichte der jüdischen Familien in Obernkirchen wurde am Sonnabend noch einmal ausführlich dargestellt: beim Benefizkonzert für den Erhalt des Jüdischen Friedhofs, zu dem in der Stiftskirche mit rund 300 Zuhörer deutlich mehr als erwartet kamen. Und sie alle, um es vorweg zu sagen, erlebten zwei eindrucksvolle und ergreifende Stunden, in denen der Text gleichberechtigt neben der Musik stand. Beate Josten befasste sich zunächst mit den Anfängen der jüdischen Gemeinde in der Bergstadt. Seit der Reformation wurde Schutzjuden mit ihren Familien der Aufenthalt in Obernkirchen erlaubt: Händler wie "Moziß, Jode van Overenkerken", der 1569 als erster Obernkirchener Jude namentlich erwähnt wird, oder Geldverleiher wieMagnus Obernkirchen, Mitglied der reichen Familie Ruben aus Salzuflen, die Hoffinanziers der Lipper Fürsten. 1601 zählt die Obernkirchener Gemeinde bereits sieben Haushalte - es ist die größte in Schaumburg. Gegen Ende des 30-jährigen Krieges - also 1648 - ist die Blütezeit der Stadt und der jüdischen Gemeinde beendet. Die reichen jüdischen Familien aus Schaumburg zieht es nach Altona vor die Tore Hamburgs. Einige - mehr und mehr verarmende - Verwandte bleiben: Sie müssen die Vertreibung aus den Städten hinnehmen, ihnen wird das Wohnrecht in der Stadt selber versagt, so dass sie im kleinen Örtchen Beeke ihr Dasein fristen. Das Gleichstellungsdekret Napoleons, so führt Frank Suchland später aus, wird alle Juden im französischen Königreich Westfalens zu gleichberechtigten Bürgern machen und sie zur Führung eines festen Nachnamens verpflichten. Marcus Salomon, der erste Obernkirchener Bürger jüdischen Glaubens, führt von nun an den Namen "Schönfeld".Dieser Familienname ist bis heute fest in der Stadtgeschichte verwurzelt. 1823 wird eine eigene Synagogengemeinde gegründet, 52 jüdische Mitbürger leben in der Stadt. Der Friedhof wird durch Landkäufe vergrößert, die jüdischen Gemeinden aus den Bückeburgischen Dörfern Vehlen, Gelldorf, Nienstädt und Rösehof werden der Synagogengemeinde Obernkirchen zugeordnet. Eine eigene Schule besteht von 1842 bis 1925. Antisemitische Strömungen sind in der traditionell sozialdemokratisch orientierten Arbeiterstadt Obernkirchen unpopulär. Das ändert sich 1933, nun beginnt auch in der Bergstadt die Enteignung jüdischen Eigentums, die Vertreibung aus den Wohnhäusern, In der so genannten "Reichskristallnacht" werden die Schaufenster der jüdischen Geschäfte eingeschlagen, wird die Synagoge geplündert und es werden die Einrichtungsgegenstände inclusive der Torarollen verbrannt. Sämtliches Bargeld wird bei jüdischen Einwohnern beschlagnahmt. Der Weg in den Holocaust beginnt. Der beklemmendste Moment des Benefizkonzertes war fraglos jener, in dem Suchland und Josten die Liste des letzten Judentransportes in das Sammellager Ahlem bei Hannover verlasen. Anna Lion, Elias Lion, Ruth Lion, Edith Lion, Frommed Lion, Jacob Steinberg, Rosa Steinberg, Bendix Stern und Lucie Stern - sie alle wurden danach in einem Konzentrationslager ermordet oder starben an den Folgen des Lageraufenthaltes. Nur Hannelore Stern ("geboren 7.5.1919 und abzuholen Strullstraße 84", wie es in den Nazi-Anordnungen heißt), überlebte. Sie wurde als 13-Jährige mit ihren Eltern nach Theresienstadt deportiert, überlebte hier und in Auschwitz und kehrte 1945 als 16-Jährige nach Obernkirchen zurück. Ohne Wohnung, der Familienbesitz zwangsversteigert, wurde das zum Skelett abgemagerte Kind von einem Besatzungssoldaten gesundgepflegt und verließ noch im gleichen Jahr die Stadt, um in den USA auszuwandern. Hannelore Stern lebt heute als 77-Jährige in der Nähe von New York. Zurück zum Konzert: Den musikalischen Teil bestritten der Kirchenchor, der Schütte Chor, der Männergesangverein, die Kirchenband "St. Marys Band", Beate Josten und Regina Ackmann mit jüdischen oder in den Konzertrahmen passenden Liedern. Sie alle sind für ihre hervorragenden Vorträge zu loben, primus inter pares war der Schütte Chor. Alena Winkelhake stellte dann das vor, was vorgestern im Mittelpunkt stand: der jüdische Friedhof, der erhalten bleiben soll. Und dieses Engagement, so hatte Michael Fürst, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, in einem Grußwort herausgestrichen, sei einzigartig: "Es ist bisher einmalig, dass eine Stadt eine solche Veranstaltung für einen Jüdischen Friedhof organisiert und die Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt diese Veranstaltung mit tragen und unterstützen." Vor dem Hintergrund der Shoa möge der Friedhof "auch ein Stachel der schmerzenden Erinnerung sein, der immer wieder an die moralische Verantwortung eines jeden Bürgers dieser Stadt für das Geschehene erinnert und besonders die Jugend mahnt, für Toleranz und Verständnis gegenüber allen Menschen anderer Religionen einzutreten", erklärte Fürst. Er hoffe, dass sich die eine oder andere Klasse der ortsansässigen Schulen bereit erkläre, die Patenschaft für den jüdischen Friedhof zu übernehmen. Diesen Vorschlag griff auch Bürgermeister Horst Sassenberg auf, der einen Staatsanwalt der Auschwitz-Prozesse zitierte: "Wir können aus der Erde keinen Himmel machen. Aber wir können etwas dafür tun, dass sie nicht zur Hölle wird." Der Friedhof möge daher in Zukunft nicht nur gepflegt, sondern auch ein Ort des Lernens für die Zukunft werden. Ein sichtlich bewegter Sassenberg versprach, dass die Anregung der Patenschaft für den Friedhof "nicht ungehört" bleiben werde."

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