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Bis zum Bau der Jägerkaserne wird das Gros der Soldaten in Privatwohnungen zwangseinquartiert

Es hagelt Proteste und Beschwerden

In Bückeburg ist man erleichtert. Die Stadt behält „ihre“ Soldaten. Nach dem jüngst von Verteidigungsminister de Maizière vorgestellten Bundeswehr-Reformplan bleibt man von einem „Truppen-Kahlschlag“ verschont. Die jahrhundertealte Tradition als Garnisonsstandort geht weiter.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Nicht immer waren die Leute in der Ex-Residenz ihren uniformierten Mitbewohnern so herzlich zugetan wie heute. Im Gegenteil. Über Jahrhunderte hinweg gestaltete sich das Zusammenleben höchst problematisch. Grund: Bis zum Bau einer speziellen Militär-Herberge (Jägerkaserne) im Jahre 1867 war das Gros der Soldaten in Privathäusern und -wohnungen zwangseinquartiert. Es hagelte Proteste und Beschwerden.

Wann und wodurch die Tradition Bückeburgs als Garnisonsstadt begründet wurde, scheint noch nicht zweifelsfrei erforscht zu sein. Nach einer 1971 unter dem Titel „Soldaten in Bückeburg“ (s. Quellenhinweise) veröffentlichten Studie hat es schon zur Zeit des Grafen und späteren Fürsten Ernst (1601-1622) organisierte Einquartierungen gegeben. Vermutlich ging es um die Angehörigen Schlosswache. Der bis zu 60 Mann starken Truppe folgte eine lange, von vielen liebenswerten, aber auch vor allem dramatisch-schmerzlichen Erinnerungen begleitete Entwicklung bis zu den Heeresfliegern und Heeresfliegerinnen (!) unserer Tage.

Als bislang interessanteste Stationierungstruppen gelten die „Carabiniers“ und die „Bückeburger Jäger“. Der anhaltende Nachruhm der Eliteeinheit des Grafen Wilhelm (1748-1777) geht nicht zuletzt auf ihr auffälliges Äußeres zurück. Die Reiter steckten in zuvor nie gesehenen, auf viele Gegner furchteinflößend wirkenden Uniformen. Sie wurden von den Franzosen respektvoll „Diables de Bückeburg“ („Teufel von Bückeburg“) genannt und sollen bei ihren Attacken Angst und Schrecken verbreitet haben.

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  • Graf Wilhelm (1748-1777) gilt als einer der bedeutendsten Militärstrategen seiner Zeit.
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  • Zu den bekanntesten heimischen Truppen gehörten die „Carabiniers“ des Grafen Wilhelm. Hier eine Darstellung aus dem 1828 erschienenen Buch „Geschichte des Schaumburg-Lippe-Bückeburgischen Karabinier- und Jäger-Korps“.
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Noch lebendiger ist in Schaumburg-Lippe die Erinnerung an das Jägerbataillon Nr. 7 geblieben. Die Popularität der preußischen, unter dem Oberkommando des Bückeburger Schlossherrn Adolf Georg stehenden Truppe dürfte vor allem mit ihrer Beteiligung am deutsch-französischen Krieg 1870/71 und der anschließenden, im wilhelminischen Deutschland patriotisch verbrämten Reichsgründung zu tun haben. Große Sympathien genossen und genießen seit jeher auch die Musiksoldaten der Einheit.

Die im 18. und 19. Jahrhundert von den Privateinquartierungen direkt betroffenen Zeitgenossen sahen die Dinge naturgemäß anders. Vor allem zu Zeiten des Grafen Wilhelm müssen chaotische Zustände geherrscht haben. Der schon zu Lebzeiten als gewiefter Militärstratege geltende Landesherr ließ große Teile seiner zuletzt 1600 Mann starken Armee ohne viel Federlesens in Privathäuser und -Wohnungen einweisen. „Derjenige Soldat, welcher bey dem Bürger einquartiert wird, erhält von diesem frey Quartier, Feuerung, Bette und den Gebrauch des nöthigen Geschirrs zum Kochen“, heißt es kurz und knapp in der 1766 erlassenen „Verordnung, wie es mit der Einquartierung zu halten“. Da war es für die Eigentümer auch kein Trost, dass der neue Untermieter keine Extra-Wurst erwarten durfte. Er müsse „mit der Schlaf-Stelle, welche der ,Bequartierte‘ ihm anweiset, zufrieden sein und dürfe nicht prätendiren (keinen Anspruch darauf erheben), daß ihm zu Winters-Zeit eine separate Stube geheizet werde“. Darüber hinaus habe er sich „mit dem Wirthe in einer Stube zu behelfen, und mit solchem bei einem Feuer zu kochen“. Falls der einquartierte Soldat „beweibt“ sei, so „sollen dem Wirthe dadurch keine mehrere Kosten verursachet werden, sondern der Einquartierte und dessen Ehefrau müssen sich mit einem Bette behelfen, und sonst nichts weiter fordern“.

Kein Wunder, dass das auf diese Weise reglementierte Zusammenleben zu zahllosen Protesten, Klagen und Missverständnissen führte. Meist ging es um Beleidigung, Belästigungen, mangelnde Hygiene und Eifersucht. Nicht selten mussten sich die Gerichte aber auch mit Vaterschaftsklagen und Missbrauchsvorwürfen beschäftigen. So wurde Anfang des 19. Jahrhunderts gegen einen aus Steinbergen stammenden, bei einer Bückeburger Witwe einquartierten Soldaten namens Müller ermittelt. Nach Aussage der Nachbarn hatte der Mann sich wiederholt an den zwölf und 13 Jahre alten Töchtern seiner verwitweten Quartierswirtin „zu schaffen gemacht“. Die Mutter hatte dem Treiben mehr oder weniger hilflos zugesehen. Sie war von Müller schwanger und sorgte sich um die Einhaltung seines Eheversprechens. Sie könne zu den Vorwürfen nichts sagen, „denn sie wolle nur froh seyn, wenn sie nur erst wieder durch denselben zu Ehren gekommen“, gab sie zu Protokoll. Da Gericht erteilte Müller Hausverbot. Als das nicht half, ließ man den Wiederholungstäter abholen und sperrte ihn ins Zuchthaus ein. Am nächsten Morgen verabreichte Gendarm Thiele zehn Stockhiebe. Dann wurde Müller aus der Stadt gejagt.

1867 wurde zur Unterbringung des preußischen Jäger-Bataillons 7 eine Kaserne („Jägerkaserne“) errichtet. Hier eine Postkarten-Abbildung aus der Zeit um 1900.

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