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Ruth Bruderek ließ sich in Hameln „straffen“

Erst zu viele Pfunde, dann zu viel Haut …

Hameln. Dass ihr Gewicht schon lange aus dem Ruder gelaufen war, hatte sie ja selber gemerkt. Doch alle Versuche abzunehmen scheiterten. Unkontrolliertes Essverhalten, Bewegungsmangel, Hormontherapien, zwei Schwangerschaften – Ruth Bruderek wurde immer dicker. Ihre Leistungskraft ließ mehr und mehr nach, beim Gehen schmerzten die Knie, und zunehmend wuchs auch die Scham, wenn andere Menschen ihre körperlichen Einschränkungen sahen.

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Von Alda Maria Grüter

Hameln. Dass ihr Gewicht schon lange aus dem Ruder gelaufen war, hatte sie ja selber gemerkt. Doch alle Versuche abzunehmen scheiterten. Unkontrolliertes Essverhalten, Bewegungsmangel, Hormontherapien, zwei Schwangerschaften – Ruth Bruderek wurde immer dicker. Ihre Leistungskraft ließ mehr und mehr nach, beim Gehen schmerzten die Knie, und zunehmend wuchs auch die Scham, wenn andere Menschen ihre körperlichen Einschränkungen sahen. Vor vier Jahren zog Ruth Bruderek die Reißleine: 56 Jahre war die adipöse Frau alt, als sie sich in einer Klinik ein Magenband einsetzen ließ. Mit dem operativen Eingriff zur Gewichtsreduktion und fortan gesunder Ernährungsweise purzelten die überflüssigen Pfunde: von 160 auf 70 Kilogramm, von Kleidergröße 56/58 auf 38/40.

Innerhalb von dreieinhalb Jahren schüttelte Ruth Bruderek das wuchtige Problem ab, das sie fast ein Leben lang mit sich herumgeschleppt hatte: krankhaftes Übergewicht. Doch so glücklich sie darüber auch war – die Folgen der extremen Gewichtsabnahme lasteten auf ihr: Oberarme, Busen, Bauch, Beine, Po – überall überschüssige, schlaff hängende Haut. Ein ästhetisches Problem, gewiss. Doch nicht das gab den Ausschlag dafür, dass die Frau aus Celle die Klinik für Plastische und Ästhetische Chirurgie im Kreiskrankenhaus Hameln aufsuchte. „Die Zeit und der Aufwand, die ich für die Körperpflege und Hygiene brauchte, waren enorm“, schildert sie. Vom ständigen Trockentupfen oder Föhnen der Hautfalten bis hin zum Duschen nach jedem Toilettengang. Denn reibt Haut ständig auf Haut, können schmerzhafte, behandlungsbedürftige Infektionen entstehen. Im Oktober 2008 ließ Ruth Bruderek im Hamelner Krankenhaus Bauch, Beine und Po in einem Operationsgang straffen. Im Sommer 2009 legte sie sich erneut unters Messer, diesmal für die Korrektur von Armen und Brust. Jeweils fünf Stunden dauerten die Operationen, die das Team von Chefarzt Dr. Sixtus Allert durchführte.

Viele Menschen leiden unter Übergewicht: „Adipositas“, sagt Oberärztin Katrin Müller, „ist auf dem Weg zur Volkskrankheit Nummer 1.“ Der Großteil der Patienten, die sich nach Gewichtsverlusten eine operative Korrektur der Körperkontur vornehmen lassen, seien um die 40 Jahre alt, Männer wie Frauen. Doch auffällig nehme auch die Zahl jüngerer Patienten zu. Eine Behandlungsbedürftigkeit liege etwa ab einem Body-Maß-Index von 30. Der BMI berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch die Quadratzahl der Körpergröße. Grob gesagt, gelten Werte bis 24 (Frauen) oder 25 (Männer) als „erstrebenswert“. Nur in wenigen Fällen früheren krankhaften Übergewichts ist es möglich, dass die erschlafften Hautpartien auf natürlich Weise, etwa durch intensiven Sport, wieder straff werden. Bevor aber der Plastische Chirurg Hand anlegt, stehen erst andere Schritte an: „Wir haben ein enges Netzwerk mit Internisten, Psychologen, Ernährungsberatern, Chirurgen und Sportmedizinern aufgebaut, um für den Patienten den individuellen Weg zur Gewichtsreduktion zu finden.“ Eigens dafür wurden am Hamelner Krankenhaus Adipositas-Sprechstunden eingeführt. Mindestens sechs bis zwölf Monate sollte das angepeilte Zielgewicht konstant sein, um schließlich eine Korrekturoperation durchzuführen. Bei medizinischer Notwendigkeit übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Formung des Körperbildes. Kriterien seien unter anderem schmerzende Hautschürzen, Lymphstauungen, Entzündungen, Hautirritationen, Nacken- und Schulterschmerzen, Spannungskopfschmerz, Haltungsbeschwerden oder Pflegeprobleme, erklärt Katrin Müller. Über die Notwendigkeit der Straffungsoperation und somit die Kostenübernahme entscheidet der Medizinische Dienst der Krankenkasse (MDK). Dass der Weg zu einer Bewilligung mühsam sein kann, weiß Ruth Bruderek: „Zweimal hat der MDK die Kostenübernahme für das Magen-Band abgelehnt.“ Doch sie ließ nicht locker. Die Krankenkasse traf schließlich eine „Einzelfall-Entscheidung“ und zahlte. Körperformende Eingriffe sind nicht nur eine verhältnismäßig kostenintensive Angelegenheit – rund 5000 Euro allein für die Bauchdeckenstraffung –, sie können auch Komplikationen mit sich bringen wie Nachbluten, Infektionen oder Wundheilungsstörungen. Risiken, die Ruth Bruderek in den Hintergrund drängte. „Ich hatte überhaupt keine Angst.“ Auch nicht, als sich nach der Oberschenkel-Straffung Serome bildeten, sich also Wundsekret in Hohlräumen ansammelte. „Nach drei Wochen Reha waren die wieder weg. Ich bin froh, dass ich die Operationen machen lassen habe. Jetzt ist das Leben erst richtig lebenswert.“

Was Ruth Bruderek besonders schön findet: dass Dr. Allert ihr nicht die Statur einer 20-Jährigen gegeben hat, „sondern einen vernünftigen Körper, in dem ich mich wohlfühle und in dem ich in Würde alt werden kann“. Und mit dem sie endlich mit ihrem Hund um die Wette joggen kann.

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