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„Wollen und befehlen hierdurch gnädigst, daß die Bürgerschaft sich im Schießen fleißiger exerciren solle“

Erst Osterlamm, dann Kasernentor

In der vergangenen Woche hat der Bundestag per „Wehrrechtsänderungsgesetz“ das Ende der Wehrpflicht besiegelt. Kampftruppen bisheriger Prägung sind nicht mehr gefragt. Nach vorherrschender Meinung werden die deutschen Sicherheitsinteressen künftig fernab der eigenen Landesgrenzen verteidigt. Das dazu benötigte Personal soll mittels attraktiver Jobangebote rekrutiert werden. Von solchen Verhältnissen hätten unsere Altvorderen noch nicht einmal zu träumen gewagt. Seit dem 18. Jahrhundert waren Wehrdienst und Kriegsfolge Pflicht.

Verschiffung der vom Landgrafen Friedrich II. verschacherten Soldaten über Bremerhaven nach Nordamerika (Kupferstich eines unbek

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Im damals geteilten Schaumburger Land begann die Zwangsrekrutierung vor 250 Jahren. Auslöser waren die katastrophalen Erfahrungen, die man mit dem bis dato praktizierten, immer mehr zu einer korrupten und kaum noch steuerbaren Kriegsmaschinerie verkommenen Söldnersystem gemacht hatte. Nach dem Ende der mittelalterlichen Glaubenskriege stiegen deshalb – beeinflusst und beflügelt vom neuen Geist der Aufklärung – immer mehr deutsche Landesfürsten auf „Volksheere“ um. Anstelle heimatloser Hasardeure sollte und musste der eigene Nachwuchs Militärdienst leisten.

Zu den Vorreitern der neuen Entwicklung gehörte der deshalb als „Soldatenkönig“ in die Geschichte eingegangene preußische Souverän Friedrich Wilhelm I. Vom Vorgehen des einflussreichen Freundes ermutigt, ließen auch die hierzulande herrschenden Grafen Wilhelm (für die Grafschaft Schaumburg-Lippe) und Friedrich II. (für die damals hessische Grafschaft Schaumburg) neue „Wehrrechtsänderungsvorschriften“ ausarbeiten. Beide Potentaten galten als gebildet, großherzig und menschenfreundlich. Anders als seinem Kasseler Kollegen war dem schaumburg-lippischen Landesherrn jedoch jede Art von Pomp und Prachtentfaltung fremd.

In der Grafschaft Schaumburg-Lippe trat 1754 das „Resript, die Beeydigung der jungen Mannschaft nach der Confirmation, und das Begeben außer Landes und in auswärtige Dienste betreffend“ in Kraft. Für die jungen Männer in der benachbarten Grafschaft Schaumburg wurde die allgemeine Wehrpflicht acht Jahre später mit dem „Reglement, wie es künftig mit den Recrutirungen und Werbungen im Lande zu halten“, eingeführt.

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Im Gegensatz zur langen Titelüberschrift war der Inhalt des schaumburg-lippischen Regelwerks kurz und knapp: Alle jungen Männer des Landes mussten am Sonntag nach Ostern, „sobald sie zum heiligen Abendmahl gewesen, unter Benennung des Namens und Alters beeydigt“ werden. Wer auf diese Weise als waffentüchtig ausgewiesen war, durfte danach bei keinem anderen Herrn mehr anheuern. Tat er es doch, wurde er als Deserteur verfolgt und belangt.

Genauso schlicht und pragmatisch muten die Regelungen Wilhelms zu Ablauf und Inhalt der Wehrübungen an. „Wollen und befehlen hierdurch gnädigst, daß die Bürgerschaft sich im Schießen fleißiger exerciren solle“, heißt es in dem Resript. Das könne und solle auf den „gewöhnlichen Schieß- und Schützen-Plätzen“ über die Bühne gehen. Amtleute und Bürgermeister hatten darauf zu achten, „daß die Bürgerschaft des Sommers hindurch wenigstens zwölfmahl auf Sonn- oder Festtagen, nach geendigten Gottes Dienst, ordentlich nach der Scheibe schießen“.

Das 1762 abgefasste hessische „Reglement“ war wesentlich ausführlicher angelegt. Zu dem einmal pro Jahr („etwa auf oder gegen Ostern“) anzusetzenden Rekrutierungstermin reiste ein Offizierskommando aus Kassel an. „Greben“ (Bürgermeister) und Dorfvorsteher hatte alle jungen männlichen Einwohner zwischen 16 und 30 Jahren vorzuführen. Zuerst wurden die „Purschen von starken und geraden Gliedmassen, mit keinen sichtbaren Gebrechen behaftet, und nicht unter 5 Schuhen 6 Zollen“ in die Registrierungsliste eingetragen. Dann kamen alle anderen an die Reihe – vorzugsweise diejenigen, „durch deren Wegnehmung der Ackerbau, und andere nöthige Handthierungen und Gewerbe keinen Abbruch erleiden“.

Von vornherein freigestellt waren „Söhne sehr begüterter Eltern“. Darüber hinaus durften auch „Purschen in der Lehre, Meistergesellen, besonders bey Witwen, denen sie das Handwerk fortsetzen“, auf Schonung hoffen.

Keine guten Karten hatten Kandidaten, „welche Mängel und Gebrechen an sich zu haben“ vorgaben. Sie waren einer besonders peniblen „Besichtigung durch die Feldscherer“ (ungelernter Truppenarzt) zu unterziehen. Bei negativem Befund drohten saftige Leibesstrafen.

Auch sonst gab es in punkto Umgang und Behandlung der beiderseits der Wesergebirgskette ausgehobenen Rekruten deutliche Unterschiede. Während Graf Wilhelm seine Wehrpflichtigen als Staatsbürger in Uniform sah, wurden die hessischen Soldaten auch zur Finanzierung der höfischen Prachtentfaltung benutzt. Das bekamen auch die jungen Leute aus dem Wesertal zu spüren. 1776 stellte Landgraf Friedrich II. seinem britischen Schwager König Georg III. für dessen Amerika-Einsatz zwölftausend Mann seiner Volksarmee als Söldner zur Verfügung. Das brachte ihm, neben viel Kritik, 19 Millionen Taler ein.

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