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Auftaktveranstaltung der Interkulturellen Wochen: Roma und Albaner sprechen über Fluchtgründe

Er will kein Mörder werden

Rinteln. Warum fliehen Menschen aus den Balkanländern? Diese Frage stand am Mittwochabend in der Ostertorstraße 2 im Mittelpunkt der Veranstaltung von Stadtbücherei, Kinderschutzbund und Familienzentrum, die den Auftakt für die diesjährigen „Interkulturellen Wochen“ machte. Die Antworten, die in zwei Vorträgen auf diese Frage gegeben wurden, gingen den etwa 30 Zuhörern spürbar unter die Haut.

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Djevet Berisa, Vorsitzender des Vereines „Roma in Niedersachsen“, und Hasan Dine aus Albanien, der in Bückeburg eine Männergruppe für albanische Flüchtlinge leitet, schilderten die Situation in Ländern, die als sogenannte „sichere Herkunftsländer“ gelten.

Hasan Dine brachte einen Gast mit aus seiner Bückeburger Gruppe. Dieser schweigsame, tieftraurig wirkende Mann sucht in Deutschland Asyl, um nicht zum Mörder werden zu müssen. Wie ungezählte andere Familien in Albanien auch steht seine Familie „in Blutrache“. Weil in ferner Vergangenheit einst ein Mord geschah, setzte sich ein unheilvoller, niemals zu beendender Teufelskreis in Gang. Um die Ehre der Familie zu retten, müssen die Jungs und Männer tödliche Rache üben und sehen sich ihrerseits der Rache der feindlichen Familie ausgesetzt.

Seit seinem elften Lebensjahr war der Albaner dreizehn Jahre lang zu Hause eingesperrt, bis er beinahe wahnsinnig wurde. Er wollte nicht töten und nicht getötet werden, wie sein Vater, und wie sein Onkel, der sich vergebens für Versöhnung eingesetzt hatte. „Irgendwann kommt für die meisten der Punkt, wo sie ausbrechen“, sagte Hasan Dine. „Aber es gibt keinen Ort in ganz Albanien, wo sie sich verstecken können. Die Blutrache-Pflicht ist unerbittlich.“

Sein Gast hat nur dann eine Chance auf Asyl, wenn er seine Geschichte beweisen kann. Deshalb reiste Hasan Dine nach Albanien, um für ihn und für eine Brüdergruppe eine entsprechende Bestätigung vom Ortsvorsteher zu erhalten. Dem aber sei es verboten, solche Schriftstücke auszustellen. „Die Blutrache ist nur die Oberfläche dessen, was in Albanien vor sich geht“, sagte er. „Darunter liegt unendliche Korruption und eine vom Staat nicht mehr kontrollierte Mafia, die nicht nur Rauschgifthandel betreibt, sondern sich auch als kostspieliger Auftragskiller in Sachen Blutrache anbietet.“

Wenn umgesetzt werde, was geplant sei, nämlich bei Flüchtlingen aus sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ nicht auf mögliche Integration, sondern auf möglichst schnelle Abschiebung zu setzen, verschwände die letzte Hoffnung für Verfolgte, jemals wieder wirklich leben zu können.

Was nun die Situation der Roma, die überwiegend aus Serbien und Montenegro nach Deutschland kommen, betrifft, so droht sich auch diese durch die geplante Verschärfung der Asylgesetze zu verschlimmern.

„Für uns gibt es nichts in Serbien“, meinte Djevet Berisa, „nur Hass und Diskriminierung.“ Die während des Kosovo-Krieges nach Serbien geflohenen Roma leben am Rande von Müllhalden oder in Abrisshäusern.

Sie müssen mörderische Überfälle auf ihre Siedlungen fürchten, hätten so gut wie keine Chance auf einen Job und wenn doch, seien sie die ersten, denen gekündigt werde.

Der dritte Redner dieser im Übrigen von Albrecht Schäffer sehr informiert und souverän moderierten Veranstaltung, war Sigmar Walbrecht vom Niedersächsischen Flüchtlingsrat aus Hildesheim. „Deutschland ist ein starkes Land und Geld spielt bei der aktuellen Debatte in Wirklichkeit kaum eine Rolle“, meinte er. „Jetzt müssen die Weichen für die Zukunft gestellt werden, denn auf lange Sicht sind wir auf Zuwanderung angewiesen.“

Djevet Berisa vom Verein Roma in Niedersachsen (l.), Albrecht Schäffer (Mitte) und Siegmar Walbrecht vom Flüchtlingsrat Niedersachsen im Familienzentrum.cok

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