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Enttäuschend für CDU

Überraschungssieger sehen anders aus: Dass Jörg Farr die Landratswahl gewinnt, haben selbst die größten Zweckoptimisten der CDU kaum anders erwartet. Der Kämmerer als Kandidat vereinte Amtsbonus, Kompetenzvorsprung und, wenn schon nicht das Parteibuch, wenigstens den richtigen Stallgeruch. In Schaumburg laufen Wahlen wie eine verhakte Schallplatte ab: Wieder und wieder gewinnt die SPD. Nur die Höhe des Sieges hat die Genossen gestern überrascht.

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Autor:

Frank Werner

Dass Farr die Latte der absoluten Mehrheit im ersten Anlauf überspringt, haben nicht alle gewettet – immerhin war ein dritter Kandidat am Start, der vor allem im SPD-Lager gefischt hat. Für die Linkspartei holte Hartmann die Stimmen, die Farr im Vergleich zu Schöttelndreier bei der Wahl 2006 fehlen. Auch wenn es in diesem „Duell“ am Ende knapp wurde: Das Abonnement auf die 65 vor dem Komma, die Degradierung von Wahlkämpfen zu bloßen Akklamationsfesten, das „Mia-san-mia“ Schaumburger Prägung – es bleibt Markenzeichen der Ära Schöttelndreier, einer politischen One-Man-Show, die sich mit neuer Besetzung nicht ohne weiteres wiederholen lässt.

Farr hat den Wahlkampf schwach begonnen und stark beendet, hat in den letzten Monaten an Profil gewonnen, auch wenn ihm das Rampenlicht noch nicht zur Herzensangelegenheit geworden ist. Aber er hat eines mit Sicherheit vermittelt: Er wird den alten Kurs fortsetzen. „Keine Experimente“ hätte sein Slogan lauten können.

Den Erfolg kann sich auch Parteichef Karsten Becker auf die Fahnen schreiben: Zwar hat die K-Frage nicht den Kompetenzwettbewerb in der SPD entfacht, den man sich für das Amt gewünscht hätte, aber Becker hat die Genossen geschlossen hinter den Kandidaten ohne Parteibuch gestellt.

Dass Drewes sein Ergebnis von 2006 nicht verbessern konnte, ist enttäuschend für ihn und die CDU. Seine einzige Siegchance wäre ohnehin nur ein stürmischer Rückenwind aus Berlin gewesen, so stark, wie ihn einst Joachim Runkel spürte, als er Heiner Bartling aus dem Landtagswahlkreis fegte. Drewes hat den Sturm der Bundespolitik in Orkanstärke gespürt – von vorn.

Sein zweites großes Manko war die Übereinstimmung mit der in Schaumburg regierenden SPD in fast allen wichtigen Fragen. Konsens im Wahlkampf bedeutet auch: Konturlosigkeit. Wofür Drewes steht, und vor allem: was er anders machen will, blieb nebulös. Das Duell mit Farr glich oft einem Synchronschwimmen unter dem kollektiven Banner des „Weiter so“ – warum soll dabei gewinnen, wer in der Opposition ist?

Überhaupt haben es die beiden Spitzenkandidaten den Wählern nicht leicht gemacht: Warum soll man wählen, wenn es nichts auszuwählen gibt? Angesichts der Verwechselbarkeit und Themenarmut fällt die Wahlbeteiligung kaum negativ aus dem (erwartet kleinen) Rahmen.

Vor allem die CDU muss sich ernsthaft Gedanken machen, wie sie ihr Profil in Zukunft schärfen kann, ob sie weiter Juniorpartner von SPD und Landrat sein will.

Einen Achtungserfolg hat Sören Hartmann errungen. Anders als frühere Linkspartei-Kandidaten agierte der Außenseiter auf der Politbühne weitgehend unfallfrei, ja bisweilen so talentiert, dass mancher Juso um Nachhilfe ersuchen könnte. Und Hartmann verfügte über einen Verbündeten: die Proteststimmung gegen den Klinik-Neubau in Vehlen. In einem Kandidaten, der die komplizierte Wirklichkeit mit einem simplen „Quatsch“ beiseite wischt, hat sie ihr Ventil gefunden. Allerdings: So lautstark der Protest gegen den Neubau in Vehlen ist, an der Urne wurde er gestern kaum erhört. Auch das ist ein Ergebnis dieser Wahl.

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