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Vor Gericht: Gewaltorgie bei Abifete

Entfesselter Mob im Blutrausch - aber kein Knast

Stadthagen (menz). Eine Reihe von Gewalttaten bei einer Abifete im November 2006 ist erst jetzt vor dem Amtsgericht verhandelt worden. Die lange Zeitspanne hat die Beschuldigten vor dem Gefängnis bewahrt.

Der 23-Jährige Hauptbeschuldigte ist wegen gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen zu einem Jahr und sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Wie knapp es um den Mann stand, verdeutlichte die Urteilsbegründung. "Den Kopf gerettet" habe dem Mann allein der lange Zeitablauf zwischen denTaten im November 2006 und dem Prozess, "und nichts anderes", sagte Strafrichter Kai-Oliver Stumpe. Fäuste, die fliegen und junge Leute, die verletzt auf der Strecke bleiben, sind nichts Neues im Zusammenhang mit Abifeten in der Festhalle in Stadthagen. Insofern ist ein Vorfall aus dem November 2006 auch nichts Besonderes. Das Ereignis besticht durch die außerordentliche Brutalität, mit der ein, wie der Strafrichter drastisch beschrieb, "entfesselter Mob" seine Wut gegen einen Einzelnen richtete. "Da muss man schon mal schlucken", das sei "schon sehr erschütternd", formulierte er. Seine Zivilcourage war einem jungen Mann zum Verhängnis geworden. Er schritt ein, als eine Truppe von rund zehn Leuten einen jugendlichen Radfahrer drangsalierte. Ein "schwerer Fehler", wie der Richter bitter resümierte, der Pulk änderte das Angriffsziel. "Wie die Tiere", sei die Truppe über das neue Opfer hergefallen, beschrieb Stumpe den Vorfall. Kaum gelang dem Mann die Flucht -er saß schon im Taxi - spritzte noch das Blut, die Verfolger ließen nicht ab. Fast drei Monate war der Überfallene krankgeschrieben, unter anderem hatte er ein Beinbruch erlitten; beim Einsteigen ins Taxi hatte man ihm die Tür in die Knochen gerammt. Das Ereignis war der Auftakt gewesen, "Blutgier" sei erwacht, beschrieb der Richter den weiteren Fortgang. In der Innenstadt wurden eine Gruppe von vier jungen Männern Zielscheibe der Aggressionen. Deswegen musste sich ein Freund des 23-jährigen Angeklagten mitverantworten. Auch er hat am Ende Glück, "mit Ach und Krach" kam Stumpe zu einer günstigen Sozialprognose und setzte die Haftstrafe von einem Jahr zur Bewährung aus. Für den Richter stand die Schuld der Angeklagten fest, erwiesen durch eine "geschlossene Indizienkette"; dazu zählte er Blut des ersten Opfers an der Kleidung des Hauptangeklagten und Täterbeschreibungen der Opfer. Der 23-Jährige hatte zudem bei der Polizei die Beteiligung an der Festhallenschlägerei gestanden. Ein entsprechendes Protokoll wurde in der Gerichtsverhandlung verlesen. Im Prozess schwiegen beide Beschuldigten. Deren Verteidiger hatten versucht, die Indizien zu erschüttern und Freispruch aus Mangel an Beweisen gefordert. Im Strafmaß für den zweiten Angeklagten hat der Richter den Antrag des Anklägers um zwei Monate übertroffen. Der Auszubildende muss außerdem noch 1000 Euro an die Opferhilfe zahlen, seinem Freund wurde vom Gericht auferlegt, 200 Stunden gemeinnützige Arbeit abzuleisten. "So brutale Typen brauchen wir nicht in dieser Stadt!" schloss der Richter die Verhandlung.

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