weather-image
20°
Britische Pioniereöffnen Übungsplatz zum Start / Ehemaliger Freestyle-Meister im Paddelboot

Eisfahrt gerettet: 841 Kanuten auf der Weser

Rinteln (who/gro). Die Eisfahrt am zweiten Dezemberwochenende ist seit Jahrzehnten ein Veranstaltungshöhepunkt des Rintelner Kanu-Clubs (RKC). Beinahe wäre das Spaß-Event für Paddler aus ganz Deutschlands in diesem Jahr ins sprichwörtliche Wasser gefallen - denn die britischen Pioniere in Hameln wollten aus organisatorischen und versicherungstechnischen Gründen ihren Übungsplatz an der Wesernicht zum Einsetzen der Boote freigeben. Dass die Tour dennoch pünktlich stattfinden konnte, lag nicht zuletzt an den zähen Bemühungen des RKC-Vorsitzenden Peter Specht und an der Kooperationsbereitschaft der Pioniere.

Landgang zum Aufwärmen und Klönen an der Weserfähre in Großenwie

"Noch vor 14 Tagen hat alles ganz fraglich ausgesehen", erklärte Specht am Sonnabend wieder ganz entspannt, als gegen 11 Uhr erste größere Pulks von Eisfahrern mit ihren Booten bei der Weserfähre in Großenwieden ankamen. Mit 841 Paddlern aus ganz Deutschland sei die Eisfahrt 2008 am Sonnabendmorgen schließlich doch gestartet. "Und unsere Helfer haben sich nach besten Kräften bemüht, das geordnete Chaos unter Kontrolle zu halten", versicherte Specht. Nach erst 670 Voranmeldungen bis zum Freitag vor dem Start seien noch zahlreiche Nachmeldungen gekommen, so Specht weiter. "Dass wir aber irgendwann doch noch einmalüber die Tausend kommen werden, ist fraglich, weil nach unserem Beispiel jetzt mehrere Vereine in Deutschland solche Fahrten im Winter anbieten." Schon vor zehn Uhr, dem offiziellen Start, ließen die Teilnehmer ihre Boote zu Wasser, eingepackt in dicke Jacken, eine Pudel- oder Weihnachtsmütze auf dem Kopf und im Gepäck die Thermosflasche mit wärmenden Getränk. Monika Kuhlmann aus Bielefeld startete mit ihrem Elch "Knut" auf der Bootsspitze, die Naturfreunde aus Bielefeld paddelten mit Elchmützen in Richtung Rinteln los, während Heiko Schuhknecht aus Hannover beim Umkleiden mit freiem Oberkörper feststellte, es sei doch ganz schön "frisch". "Jetzt im warmen Bett liegen? Nein. Einmal im Jahr kann man sich das antun", sagt er mit einem Lachen. Hubert Bettels aus Braunschweigbekannte: "Ich will mit zu den Verrückten an dieser schönen Veranstaltung gehören." Und Helga Käfer aus Rothenburg/Wümme: "Ich finde es lustig, mit so vielen Leuten trotz der Kälte auf der Weser zu paddeln." Der RKC hatte am Sonnabend rund 20 eigene Helfer im Einsatz. Die DLRG-Ortsgruppen aus Hameln, Hessisch Oldendorf und Rolfshagen begleiteten die Kanuten auf der Weser und passten auf, dass niemand unterwegs verloren ging. Aber bis kurz nach 13 Uhr waren auch die Nachzügler wohlbehalten beim Bootshaus der Gastgeber in Rinteln angekommen - und wärmten sich hier mit deftiger und vor allem heißer Erbsensuppe aus der Gulaschkanone auf. Und auch die Tretbootfahrer, auf welche die Patrouillen ein besonders wachsames Auge gehabt hatten, waren am Ende wieder wohlbehalten gelandet. "Es mag sein", so vermutete Specht, "dass die Nachzügler sich etwas länger zum Aufwärmen an der Raststation an der Großenwiedener Fähre aufgehalten haben." Denn Peter Spechts Ehefrau Veronika und ihr Team erwarten die Eisfahrer an der Schutzhütte am Weserufer schon seit vielen Jahren fürsorglich mit Glühwein und heißen Würstchen. "Aber frieren muss heute sowieso niemand mehr", erklärt Specht und begrüßt wie zum Beweis Paddlerfreunde, die mit warmen Händen aus den Booten steigen. Das sei früher anders gewesen, doch heute fahre kein Kanute mehr im Winter ohne Funktionswäsche und Spezialhandschuhe, die blau gefrorene Finger Geschichte sein lassen. Bei ihrer Eisfahrt bieten die RKC-Kanuten ihren Gästen das "Rundum-sorglos-Paket" an, berichtet Peter Specht. Von der Unterbringung über die Ausleihmöglichkeiten für RKC-Boote bis zur Versorgung und Unterbringung im Bootshaus und auf dem Camper-Freigelände sei für alles gesorgt. Deswegen sei es unverständlich, dass sich jedes Jahr "Schwarzfahrer" unter die registrierten Paddler mischten, um das Startgeld zu umgehen. Ehrliche Wassersportler aber gibt es genug - so wie zum Beispiel die drei Paddelfreunde aus Hagen mit ihren bunten Schellenmützen: Ihren Startgeld-Beitrag haben die drei Stammgäste mit Sicherheit abgegeben. So wie die Hagener sind dieses Jahr wieder unzählige alte Bekannte zur Eisfahrt auf der Weser unterwegs gewesen und haben Wiedersehen gefeiert. Etwa die Freunde aus Sachsen und Thüringen, die mit den Rintelnern schon aus den Zeiten vor der Wende befreundet sind. Dagegen outet sich Jan Kellner aus Altenkirchen im Westerwald als Neuling bei der Eisfahrt - aber als ein ganz besonderer Neuling: Mit Kellner ist ein ehemaliger Freestyle-Weltmeister der siebziger Jahre ins Paddelboot gestiegen, er möchte in Ruhe und unerkannt seinen ersten Besuch in Rinteln genießen. "Damals hieß Wildwasserfahren noch Rodeo", erklärt Specht, mit welcher Art Sport Kellner seinerzeit den Weltmeistertitel und 1972 olympisches Gold bei den Spielen in Deutschland geholt hatte. Er fahre immer noch Wildwasser, erklärt Jan Kellner, doch beim Paddeln genieße er die Langsamkeit des Reisens auf dem Wasser. Dazu hat er festgestellt, dass die Strecken im Verhältnis zur Anreise überhaupt nicht zu vergleichen sind mit den Anfahrten, die er früher zu den kurzen Wildwasser-Strecken der Wettbewerbe gereist ist.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare