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Anwohner atmen auf und durch – das Gewerbe beklagt Umsatzrückgänge

Eine Woche Umgehungsstraße: Still ruht die Ortsdurchfahrt

Eimbeckhausen (jhr). Stille. Sie ist fast greifbar. Legt sich über den Ort, lässt das langsam anschwellende Motorengeräusch eines sich nähernden Autos wie einen Fremdkörper erscheinen. Noch vor einer Woche wäre es kaum möglich gewesen, das Geräusch eines einzelnen Autos herauszuhören – doch da war auch die Umgehungsstraße für Eimbeckhausen noch nicht freigegeben. Ein Besuch in einem verkehrsberuhigten Ort.

Autofreie Ortsdurchfahrt – für viele Einwohner Eimbeckhausens ein vollkommen ungewohntes Bild.

„Stille ist ein wertvolles Gut“, sagt Robert Mensche. Seit einer Woche zieht es den 56-Jährigen für seine Spaziergänge auch wieder an die Hauptstraße. „Das geht jetzt wieder. Früher kam man hier ohne Ampel ja kaum über die Fahrbahn“, sagt er. Brunhilde Osterkampf und Dorle Meyer sehen es ähnlich. Mehr als 13 500 Autos passierten bis vor einer Woche täglich den Ort, der Großteil rollt nun an Eimbeckhausen vorbei – insbesondere der Schwerlastverkehr. Hund „Orsi“ schreckt beim Gassi-Gehen nicht mehr vor singenden Lkw-Reifen zurück, sein Frauchen freut sich ebenfalls über die Ruhe: „Vor allem die Anwohner an der Hauptstraße merken das jetzt massiv“, sagt Meyer.

Liane Weigt wohnt direkt an der Ortsdurchfahrt – und weiß seit einer Woche erst die Wohnung richtig zu schätzen. „Seit 1997 lebe ich hier, aber so ruhig war es noch nie. Ich kann jetzt sogar bei offenem Fenster schlafen, das war vor Kurzem noch unmöglich.“ Ihre Nachbarn können jetzt auch bei geöffnetem Fenster fernsehen, und die Reduzierung von Staub und Dreck sei bereits nach wenigen Tagen deutlich spürbar. „Deutlich mehr Lebensqualität. Gut, dass sich so viele dafür eingesetzt haben“, so ihr Urteil. Die „spürbare Entlastung“ freut auch Ortsbürgermeister Karl-Heinz Bodtmann. Jahrelang hat er wie viele andere Mitglieder der B.U.S. für den Bau der Umgehung gekämpft. Dass es allerdings so ruhig im Ort werden würde, hat ihn jetzt aber doch überrascht. „Es gab ja Berechnungen über die Zahl der Fahrzeuge, die weiterhin durch den Ort fahren werden. Dass es aber so wenige sind, hatte ich mir nicht vorgestellt“, sagt Bodtmann. Bislang habe er ausschließlich positive Reaktionen vernommen.

Die Umgehung als Segen für die Ruhe im Ort? Da widerspricht niemand an der Hauptstraße. Und das Gewerbe? Das leidet. Achmed Abdi blickt aus dem Fenster und direkt auf die Hauptstraße. Keine Autos, keine Kunden für den „Berlin Döner“ – für diese Rechnung muss Abdi nicht erst in die Kasse schauen. Mit der Freigabe der neuen Umgehung sei das Geschäft schlagartig eingebrochen. „Die Leute aus Eimbeckhausen kommen noch, aber es hält niemand auf der Durchfahrt mehr an“, klagt er.

Seine Hoffnung: Vielleicht liege es ja mit an den Sommerferien – die wolle er nun abwarten und dann entscheiden, wie es mit dem Imbiss weitergeht. „Wenn es nicht besser wird, müssen wir schließen.“

Ein paar Meter entfernt an der Hauptstraße hat sich Andreas Schmidt gerade zum gegenteiligen Schritt entschieden. Er investiert in seinen Betrieb mit Tankstelle und Werkstatt, stellt sogar einen neuen Mitarbeiter ein. „Wir haben uns dazu entschlossen, eine neue Waschanlage zu kaufen“, sagt er. Noch besserer Service als Argument für die Kunden, auch weiterhin zu Schmidt zu fahren.

„Vergangenen Freitag gegen halb zwei stand ich vor dem Betrieb und dachte: ,Irgendwas stimmt hier nicht‘. Dann war‘s mir klar – es waren kaum noch Autos unterwegs.“ Er führt eine Statistik, woher die Autos kommen, die an seiner Tankstelle tanken. „Für konkrete Ergebnisse ist es noch etwas früh, fest steht aber schon jetzt: Das Geschäft ist wirklich deutlich eingebrochen.“ Besonders schlimm sei vor allem der Sonntag gewesen. „Desaströs“, sagt Schmidt. Wahrscheinlich werde er nun an den Wochenenden mit einer Anpassung der Öffnungszeiten reagieren müssen.

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