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Aktionskünstler Gunter Demnig verlegt die ersten Stolpersteine in Bad Münder

Eine Verbeugung vor den Opfern

Bad Münder. Gestern Nachmittag an der Obertorstraße: Auf dem Pflaster vor dem Haus Nummer 5 kniet ein Mann, nicht mehr ganz jung. Ein breitkrempiger Hut schützt ihn vor dem Regen. Um den schweigsamen Mann, der gemeinsam mit Magnus Ertel vom Bauhof konzentriert einige Steine aus dem Pflaster entfernt, haben sich in einem Halbkreis rund 60 Zuschauer versammelt. Aufmerksam beobachten sie, wie Gunter Demnig fünf Stolpersteine in das Pflaster einfügt.

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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

Stolpersteine – so hat der Künstler Demnig seine mit Messingtafeln versehenen Zementsteine genannt, die er seit 20 Jahren gut sichtbar im Boden versenkt. Immer am letzten frei gewählten Wohnort der Opfer der NS-Zeit. Immer zur Erinnerung an ermordete Menschen. 55 000 Stolpersteine sind es inzwischen, verteilt über 20 Länder. Mit einer Kelle und einer Bürste schwemmt Demnig den Kleber um die gesetzten Steine ein, ruhige, geübte Handgriffe sind das. Bürgermeister Hartmut Büttner ergreift das Wort, bringt den Zuhörern Demnigs Aktion näher. Er dankt dem Künstler für die Möglichkeit, an „Menschen aus unserer Mitte, Menschen mit Persönlichkeit und Geschichte, die ermordet wurden“ zu erinnern. Und er begrüßt Teilnehmer der Stolpersteinverlegung, die sich besonders engagiert haben. Der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom gehört dazu, der die mündersche Initiative im angemessenen Umgang mit der Erinnerung an ermordete jüdische Mitbürger unterstützt habe. Und auch die Vertreter der jüdischen Gemeinden, Schüler der KGS wie auch Spender und Paten, die die Verlegung finanziell möglich gemacht haben, begrüßt er. Kirchengemeinden, Banken und Sparkassen, Parteien und die Ortsgruppe des Heimatbundes sind darunter, aber auch die Jugendfeuerwehr will sich engagieren. Ihr Leiter Stefan Bosse kündigt an, dass die Jugendlichen die dauerhafte Pflege der neun gesetzten Stolpersteine übernehmen wollen. Zeitzeugen melden sich zu Wort, die Erinnerungen an die jüdischen Familien haben. Büttner will sie einbinden, das Gedenken in Bad Münder fortzusetzen.

Zur Verlegung ist auch die stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden gekommen. „Es tut weh. Es tut jedes Mal weh, wenn ein Stein verlegt wird“, sagt Marina Jalowaja, dankt dann Demnig für sein Projekt. Für die jüdischen Gemeinden habe es besondere Bedeutung, dass die Stolpersteine am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur, dem Versöhnungstag, verlegt werden.

An der Obertorstraße, Vor dem Oberntore, in der Wallstraße und in der Dorfstraße in Hachmühlen werden Stolpersteine gesetzt. Später am Nachmittag berichtet der Künstler im KGS-Forum über die Entwicklung seines Stolperstein-Projektes. Er setzt sich mit Kritik auseinander, stellt aber auch besondere Reaktionen vor. Etwa die eines Schülers: „Man stolpert nicht mit den Füßen, aber mit dem Kopf und dem Herzen“, habe der gesagt. Und die ganz praktische Auswirkung bringt der Künstler selbst auf den Punkt: „Wenn du lesen willst, was auf dem Stein steht, musst du eine Verbeugung machen.“

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