weather-image
27°

Eine Show mit Suchtfaktor

Sound-Check, Tanzschritte noch einmal durchgehen, Haube zurechtrücken und dann geht’s los: Die ersten Töne erklingen, und die Schauspieler des Musicals „Rats“ starten im Hamelner Bürgergarten stimmgewaltig in die 11. Spielsaison. Mehrere Grundschulklassen sitzen im Publikum. Die aufgedrehten Schüler sind deutlich überrascht von der Präsenz der Schauspieler, denn es kehrt Ruhe ein unter den Kindern – Faszination auf ganzer Linie.

270_008_4289766_hm402_1505.jpg

Von Inken Philippi

Sound-Check, Tanzschritte noch einmal durchgehen, Haube zurechtrücken und dann geht’s los: Die ersten Töne erklingen, und die Schauspieler des Musicals „Rats“ starten im Hamelner Bürgergarten stimmgewaltig in die 11. Spielsaison. Mehrere Grundschulklassen sitzen im Publikum. Die aufgedrehten Schüler sind deutlich überrascht von der Präsenz der Schauspieler, denn es kehrt Ruhe ein unter den Kindern – Faszination auf ganzer Linie. Fetzig, bunt und mitreißend kommt das Stück über den Rattenfänger daher, manchmal auch etwas derb und auf alle Fälle mit britischem Humor. Kein Wunder, basiert das Musical doch auf der Sage des Engländers Robert Browning. Vertont durch den britischen Komponisten Nigel Hess, liefert sie die Grundlage für die in Hameln adaptierte Version von „Rats“. „Wir mussten das Stück natürlich an die Schauspieler und die örtlichen Gegebenheiten anpassen“, erläutert Produzentin Anke Rettkowski, „denn nur Rattenkönig Boghdan Swiderski, Pfeifer Norbert Wolf und Bürgermeister Tilmann Birschel sind Profis.“

Die anderen Ensemble-Mitglieder bezeichnet die Chefin als „semi-professionell“, der gesangliche Teil musste also entsprechend geändert werden. Für die Saison im Bürgergarten waren zusätzlich neben choreografischen Veränderungen auch Abwandlungen im Bühnenbild notwendig: der überdimensional große Stuhl musste ein Stück gekürzt werden, sonst würde Rattenkönig Bohdan-Artur Swiderski mit dem Kopf an die Decke der Konzertmuschel stoßen. Mit solchen Problemen wird die souveräne Produzentin fertig, aufgeregt ist sie aber trotzdem ein bisschen vor der großen Premiere. Seit Februar hat das Ensemble zweimal wöchentlich geprobt – eine Restunsicherheit bleibt vor dem ersten großen Aufritt aber immer.

Vertreter der beiden Hauptsponsoren – e.on Westfalen Weser Vertrieb und die Stadtwerke Hameln – sind eigens zur Premiere mit eigenen kleinen Zelten angereist und haben die Grundschüler mit Kappen und Luftballons ausgestattet. Die großen und kleinen Sponsoren, die heute gekommen sind, sind die eigentlichen Stützen des Musicals. „Ohne die Zuwendungen dieser Firmen könnten wir das Musical nicht finanzieren“, erläutert Harald Wanger, Geschäftsführer der Hameln Marketing und Tourismus GmbH. „Rats“ wird seit 2001 frei finanziert. Zur Saison 2000 hatten die Stadt Hameln und der Landkreis Hameln-Pyrmont anlässlich der Weltausstellung in Hannover die Aufführung und die einmaligen Grundkosten bezahlt. „Ohne Sponsoren wäre das Musical danach ausgelaufen“, so der HMT-Chef. „Wir kalkulieren eine Saison mit einem Budget von etwa 50 000 Euro. Mehr als die Hälfte des Budgets wird finanziert über die beiden Hauptsponsoren. Ohne diese Mittel könnten wir nicht planen und es gäbe kein Musical! Weitere Partner unterstützen uns in Form von Bargeld, Anzeigenaufträgen oder Naturalleistungen, die wir sonst teuer einkaufen müssten.“ Ein vierstelliger noch fehlender Euro-Betrag wird dann zur Restfinanzierung seitens der HMT aufgewendet. Die kostenfreie Inszenierung darf also vor allem als Geschenk der Stadt Hameln und ihrer Sponsoren an die Hamelner Bürger und die Touristen im Ort verstanden werden, denn „Rats“ ist deutschlandweit das einzige Musical, das von den Zuschauern „umsonst“ genossen werden darf.

Und genießen tut das Publikum die Show auch heute. Es gibt eine kleine treue Fangemeinde, die von Rettkowski mit Handschlag und Namen begrüßt wird. Ansonsten ist das Publikum sehr gemischt, viele Einheimische, zufällige Besucher und Touristen sind darunter. Und auch Harald Wanger freut sich auf die kommende Saison: „Bis heute haben 300 000 Menschen das Musical in Hameln gesehen. Es ist weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt.“ Aufgetreten wird nicht nur in der Rattenfängerstadt, auch im Verbreitungsgebiet der Hauptsponsoren, auf der Grünen Woche in Berlin und bei der Internationalen Tourismusbörse haben die Schauspieler die Stadt Hameln erfolgreich repräsentiert. Besonders das junge Publikum werde mit dem Musical angesprochen, erläutert der Tourismuschef, während die letzten Klänge der Darbietung verklingen. Und tatsächlich – die Lehrer der Grundschulklassen haben alle Mühe, ihre Schüler zum Aufbruch zu bewegen, die Faszination bei den Kindern ist groß.

Gelungen ist die Premiere allemal, mit Fug und Recht stoßen deshalb alle Beteiligten und die Zuschauer mit einem Gläschen Sekt an, und auch die Produzentin ist erleichtert und vor allem stolz auf ihr Ensemble. „Das kann sie auch sein“, findet die ehemalige Hamelner Oberbürgermeisterin Christa Bruns, die sich unter den Zuschauern befindet: „Das wird hier nämlich von Jahr zu Jahr professioneller.“ Die Ex-OB kann es beurteilen, sie ist ein treuer Gast des Musicals: „Ich komme nämlich immer, wenn sich mittwochs die Gelegenheit bietet und schaue mir die Aufführung an.“

Bei ihr laufen die Fäden für das Musical „Rats“ zusammen: Produzentin und Choreografin Anke Rettkowski ist immer für das Ensemble da. Fotos: Wal/Dana

Von „erstaunlich professionell“ bis zu „toll“, „fetzig“ und „super auch für Kinder“ reicht das Publikumsurteil beim Musical „Rats“. Egal, ob die Zuschauer von weit her oder aus der Umgebung kommen – die peppige Rattenshow fesselt sie alle. Touristen lieben „Rats“. Und Einheimische werden Jahr für Jahr zu begeisterten Wiederholungstätern.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare