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Schmackhaft: Die Schaumburger Bühne tischt bei ihrer 22. Premiere "Kaviar und Linsen" auf

Eine Obstkiste sagt mehr als tausend Worte

Obernkirchen. Weil die eigenen Erwartungen mit den Lebensumständen nicht übereinstimmen, läuft Leonida Papagatto zu großer Form auf. In Italien, kurz nach dem Krieg, ernährt er seine stets hungrige Familie durch einen ebenso ungewöhnlichen wie eleganten Trick: In geliehenen Prachtuniformen mit Spezialtaschen schmuggelt er sich, gewandt plaudernd, auf offizielle Empfänge, Taufen oder Hochzeiten - und räumt dort das Buffet ab. Die lukullischen Gaben werden dann verkauft. Seine schöne Valeria aber hat den Kaviar und sein großspuriges Gehabe satt. Kein Problem für Leonida: Er gründet ein Komitee zur Rettung Hilfsbedürftiger - und serviert auchsogleich den ersten Fall: seine eigene Familie! Dafür leiht er sich sogar einen 94-jährigen kranken Großvater, der das Pflegefamilienbild abrundet. Die Hilfsaktionen des Komitees lassen nicht lange auf sich warten - das turbulente Durcheinander allerdings auch nicht.

Nur wenn die Tochter vom Tanzmarathon erschöpft nach Hause kommt

Autor:

Frank Westermann

"Kaviar und Linsen" ist die achte Inszenierung der Schaumburger Bühne unter Regisseur Jürgen Morche und die 22. Aufführung der Laiendarsteller überhaupt. Aber was heißt Laiendarsteller, wenn man Peter Reinhold zusieht. Wie er den großspurigen Leonida gibt, wie er mit eloquenter Zunge in jeder Szene seinen Vorteil sucht, gestützt auf einen Paradestock, während sein Hirn verzweifelt nach den großspurigen Worten sucht, mit denen sich der von der Familie gedrängte Hochstapler zu seinem Vorteil aus jeder Affäre zu ziehen sucht, dann kann von einem laienhaften Spiel keine Rede sein. Reinhold i s t Leonida Papagatto, allein durch sein Auftreten beherrscht er jede Szene - um ihn herum ziehen die anderen Schauspieler ihre Kreise wie die Sterne um die Sonne. Nichts ist schwieriger als eine leichte Komödie: Giulio Scarnicci und Renzo Tarabusi stellen in den Mittelpunkt ihres Stückes einen quicklebendigen Tausendsassa, der mit den Verhältnissen, die er vorfindet, nicht einverstanden ist. Er ist zu Höherem berufen, sein Platz ist an der Sonne, und seine Familie wird er mitnehmen: Die Freude, auf etwas zu warten, ist eine Oase in der Wüste des Lebens, sagt er einmal - und glaubt es auch. Nur dumm, dass ihm seine Leidenschaften zuweilen im Wege stehen, etwa die Liebe zu seiner Valeria - und seine Eifersucht. Natürlich fügt sich alles zum Guten in diesem süßen Nichts von einer Vollblut-Boulevardkomödie; es werden die Guten belohnt und die Bösen ihrer gerechten Strafe zugeführt, finden sich die Liebenden und fallen die Lügenden - eben ganz so, wie es sein soll. Jedem Darsteller haben die Autoren mindestens eine großartige Pointe in den Mund gelegt, selbst Dieter Janson als weggetretener Großvater kann noch mit angestimmten alten Soldatenliedern punkten. Als Valeria überzeugt Alex Masuch, als eher unsympathischer Nachbar läuft Guido Hartmann zu großer Form auf, als Schwester setzt Nadine Olivier in ihrenwenigen Szenen kontinuierlich Glanzpunkte. Grundsätzlich lebt "Kaviar und Linsen" aber von der geschlossenen und überzeugenden Ensembleleistung. Nicht eine Sekunde Langeweile: Regisseur Jürgen Morche bietet eine Inszenierung an, in der punktgenau ein Rädchen ins andere greift, in der zuweilen die Zuschauer etwas weniger wissen als die Protagonisten, um sich dann verblüfft aufklären zu lassen. Überraschend ist der letzte Akt, in dem die Komödien-Zutaten noch mit einem großen Krimi-Spritzer angereichert werden. Wirklich witzig ist der dritte Akt, der gänzlich im blauen Dunkel spielt und in der "Mörder"-Rufe zu einem wiederholten Kichermoment führen, der sich alsbald in lautem Lachen Bahn bricht. Macbeth mit der Banquo-Szene lässt freundlich grüßen. Ein Sonderlob verdient das Bühnenbild von Janin Pohler: Da sämtliche Akte in der Wohnung unseres hochstapelnden Helden spielen, hat sie sich für Wände aus Obstkisten entschieden. Schon auf den ersten Blick ist deutlich, dass die Helden hier jeden Tag um das Überleben zu kämpfen haben. Dieter Janson hob zu Beginn der Premiere hervor, dass man dieses Mal unter deutlich erschwerten Bedingungen zu proben hatte. Aber: "Wir spielen noch." Solange das Ergebnis derart witzig-überzeugend ist wie "Kaviar und Linsen", darf das ruhig auch noch ein paar Jahre so weitergehen.

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