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„Der Skulptur auf der Spur“: Arn Walters „Frosch“ ist Teil der Geschichte des Bürgergartens und seiner Gartenschau 1962

Eine „Liegende Giraffe“ sicherte ihm den Vorschuss

Hameln. Sie stehen im Bürgergarten, an der Weser, in der Fußgängerzone: Skulpturen gibt es in Hameln nahezu überall. Woher kommen sie? Weshalb zieren sie den jeweiligen Standort? Und wie lange schon? Julia Marre hat sich umgesehen. Die Ergebnisse dieser Spurensuche stellen wir in loser Folge vor. Heute: der „Frosch“ von Arn Walter.

Eine Mark kostete der Eintritt zur Gartenschau im Bürgergarten 1

Es ist das Jahr, in dem der Deutschlandfunk auf Sendung geht. Die Rolling Stones gründen sich. An der Nordsee wütet eine geschichtsträchtige Sturmflut. Durs Grünbein und Sarah Wiener, René Pollesch und Demi Moore werden geboren. Es ist das Jahr, in dem aus einem längst nicht mehr zeitgemäßen Sportplatz im Zentrum Hamelns der Bürgerpark wird. Eröffnet wird er am 5. Mai 1962 mit einer großen Gartenbauausstellung. 5000 Deutsche Mark beträgt allein der Werbeetat für die Veranstaltung. 30 000 Besucher soll sie bis in den Herbst hinein anziehen – und 65 000 Gäste werden im September verzeichnet.

Bereits seit Februar plakatiert der Hamelner Verkehrsverein sogar an Hannovers Litfaßsäulen. In den Nachbarlandkreisen hängt in jedem Ort mit mehr als 3000 Einwohnern eine Lithografie des Hamelner Künstlers Ulbrich. „Hameln – blühende Stadt an der Weser“ lautet der Slogan, den die Veranstalter aus Vorschlägen der Bevölkerung auswählen. Im heutigen Bürgergarten werden eine Eröffnungs- und eine Hauptschau gezeigt. Eine Binde- und Rosenschau ist außerdem geplant. Es spielt – nomen est omen! – das Hamelner Blum-Quartett Streichquartette von Haydn. Und während 25 000 gesetzte Tulpenzwiebeln noch im April frieren, werden kurz vor der Eröffnung 80 000 Stiefmütterchen vom Nachtfrost dahingerafft – ehe der Bürgergarten feierlich eröffnet wird. Schirmherr der Gartenschau ist Alfred Kubel, der niedersächsische Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Er kritisiert „zunehmende Naturentfremdung“ und lobt den „hohen Leistungsstand des niedersächsischen Gartenbaus“.

Was all das mit dem „Frosch“ zu tun hat? Er ist Teil des Vorhabens, das der Stadtbaurat Dr. Schrader 1961 initiiert. Sein Plan: „an exponierten Stellen kleinere Plastiken und Skulpturen“ aufzustellen. „Mit vorzüglicher Hochachtung“ unterschreibt er die Briefe, die er dazu an einige Bildhauer schickt. Auch den damals an der Bahnhofstraße 30 lebenden Arn Walter erreicht ein offizieller Brief des Stadtbaurats. Conrad Ehrhardt Arno Walter, am 25. Oktober 1902 in Dresden geboren, studiert dort zunächst vier Semester an der Abendschule der Akademie für Kunstgewerbe, später an der Dresdner Kunstakademie. Er ist Schüler des Dresdner Tierbildhauers Rudolf Löhner. Studienreisen führen ihn in Städte wie Prag, Rom, Florenz, Amsterdam, Paris oder Stockholm. Nach der Kriegsgefangenschaft in Holstein geht Walter jedoch nicht zurück in seine Heimatstadt. Dresden ist schließlich schwer zerstört. Ab 1945 lebt er in Hameln als Flüchtling. Über eine geräumige Bildhauerwerkstatt verfügt er zunächst nicht. 1949 macht sich der Künstler einen Namen, als er die zerschossenen Perlstäbe, Gesichtsmasken und Figuren am Stiftsherrenhaus saniert. Unermüdlich sei er bei der Arbeit gewesen, schreibt ein Redakteur der Dewezet am 22. Dezember 1949. Später unterhält Walter ein Atelier im Hinterhof der Deisterstraße 18; wohnt an der Bunsenstraße, ehe er 1976 nach Bad Pyrmont zieht, wo er ein halbes Jahr darauf stirbt.

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Neben einer steinernen Spinne, einer Schnecke oder dem Widder entschied sich der Stadtbaurat für Arn Walters „Frosch“ aus Sandstein. Während viele Plastiken auf Kosten der Künstler angeliefert werden, transportieren Mitarbeiter der Stadt den „Frosch“. Denn die Stadt Hameln kauft die Plastik schon früh an. „Sie bleibt endgültig im Bürgerpark“, heißt es in einem Schreiben vom 27. März 1962. Wenige Wochen darauf wird der „Frosch“ mit den anderen Skulpturen von Prof. Schwerdtfeger oder Peter Szaif dem Garten- und Friedhofsamt zur Betreuung übergeben. „Wir bitten, für einen ausreichenden Schutz der Plastiken zu sorgen“, schreibt Stadtbaurat Dr. Schrader.

Arn Walter erhält für sein Werk schon Monate zuvor einen Materialvorschuss von 1300 Mark. Als Sicherheit dafür stellt er der Stadtverwaltung die „sich in seinem Eigentum befindliche Bronzeplastik ‚Liegende Giraffe‘ im Wert von etwa 2000 Mark zur Verfügung“.

Etwa ein halbes Jahr lang steht der Stadtbaurat deswegen in schriftlichem Kontakt zum Künstler. Dieser schickt ihm Schwarz-Weiß-Fotografien des Frosches auf „Agfa Brovi-ra“-Papier. Sie sollen im Katalog zur Gartenschau abgedruckt werden – 10 000 Exemplare des 36-seitigen Heftes werden hergestellt. Für die Dauer der Gartenbauausstellung ist die Sandsteinskulptur versichert – gegen Bruch, Diebstahl und Feuerschaden. Im Oktober 1962 soll sie über die Wintermonate abgebaut werden. Und die weitere Versicherung? „Solch ein Risiko können wir nicht übernehmen“, schreibt ein Vertreter der Hamelner Nordstern-Versicherung 1963. Auch andere Versicherungsmakler lehnen ab. Doch so viel ist sicher: Mittlerweile bewohnt Walters „Frosch“ den Bürgergarten seit 48 Jahren. Erzählen könnte er daher wohl noch vieles mehr.

Lesen Sie im Online-Dossier auf www.dewezet.de alle bisher veröffentlichten Texte der Reihe „Der Skulptur auf der Spur“.

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