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Eine Allzweckwaffe – die Frau vom „FK 1“

Der 27. Oktober 2004 war eine Art Schicksalstag für Patrizia Vukobradovic. Dieses Datum wird die 27-jährige Kommissarin nicht vergessen. An diesem Mittwoch wurde in Grohnde eine bereits ein Jahr alte Leiche exhumiert und kurz darauf in der Gerichtsmedizin Hannover obduziert. Es ging seinerzeit um die Frage, ob die 89-jährige Seniorin Opfer eines Massenmörders geworden ist. Der Fall weckte das kriminalistische Interesse der damaligen Kommissar-Anwärterin im Praktikum, er bestärkte sie in ihrem Entschluss, eine Todesursachen-Ermittlerin zu werden.

Im Einsatz: Die Hamelner Kommissarin Patrizia Vukobradovic sucht

Von Ulrich Behmann und Cornelia Kurth

Der 27. Oktober 2004 war eine Art Schicksalstag für Patrizia Vukobradovic. Dieses Datum wird die 27-jährige Kommissarin nicht vergessen. An diesem Mittwoch wurde in Grohnde eine bereits ein Jahr alte Leiche exhumiert und kurz darauf in der Gerichtsmedizin Hannover obduziert. Es ging seinerzeit um die Frage, ob die 89-jährige Seniorin Opfer eines Massenmörders geworden ist. Der Fall weckte das kriminalistische Interesse der damaligen Kommissar-Anwärterin im Praktikum, er bestärkte sie in ihrem Entschluss, eine Todesursachen-Ermittlerin zu werden. Der Wunsch der jungen Frau mit serbischem Namen, die einen deutschen und einen polnischen Pass besitzt, ist in Erfüllung gegangen. Seit März 2007 arbeitet die in Polen geborene Diplom-Verwaltungswirtin im Fachkommissariat 1 (FK 1) der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden. Das FK 1 ist zuständig für Leichen- und Brandsachen, für häusliche Gewalt, Körperverletzungen und Sexualdelikte.

Im November hat Patrizia Vukobradovic geheiratet und ihren Mädchennamen Lanocha abgelegt. Sie sagt, sie habe ihren Traumberuf gefunden, auch, wenn sie dafür oftmals in die Abgründe der menschlichen Seele schauen muss. An diesem Montag kann sie sich über einen Fahndungserfolg freuen. Gemeinsam mit ihren Kollegen hat die Ermittlerin einen einschlägig vorbestraften Sexualverbrecher abgeführt und befragt. Der Mann soll ein zehnjähriges Mädchen in der Nähe der Löwen-Brücke in ein Gebüsch gezogen und entkleidet haben. „Der Täter hat versucht, das Kind zu vergewaltigen“, sagt die Ermittlerin – und fügt hinzu: „Wir sind froh, dass wir ihn so schnell fassen konnten.“

Patrizia Vukobradovic ist so etwas wie eine Allzweckwaffe – zumindest, dann, wenn es um polnische Staatsbürger geht, die kein Deutsch verstehen. „Ich werde von allen Fachkommissariaten um Hilfe gebeten“, sagt die junge Frau. Betrugsermittler vom 3. FK haben sie neulich angefordert, als es um Schwarzarbeit ging, und die Verkehrssachbearbeiter vom 7. fordern sie gern an, wenn es um Unfälle geht, an denen polnische Staatsbürger beteiligt sind. Aber auch bei richterlich angeordneten Telefonüberwachungen sind die Sprachkenntnisse der Kriminalkommissarin von unschätzbarem Wert. „Vor ein paar Tagen“, sagt Patrizia Vukobradovic, „musste ich für das Kinder- und Jugendkommissariat einen Telefonanruf erledigen. Eine Großmutter sollte erfahren, dass ihr Enkel mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegt. Reine Routine. Aber einen Deutschen hätte am anderen Ende der Leitung niemand verstanden.“ Die exzellenten Sprachkenntnisse der sympathischen Kosmopolitin machen sie interessant für die niedersächsische Polizei, denn: „Wir brauchen Beamte, die die Kulturen, Denk- und Lebensweisen aller hier lebenden Menschen kennen“, sagt Innenminister Uwe Schünemann und spricht von „interkultureller Kompetenz“.

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Die Kommissarin mit polnischen Wurzeln freut sich, wenn sie helfen kann. „Ich bilde mich gerade weiter, lerne in der Volkshochschule Serbisch“, sagt die Frau, die 1988 im Alter von fünf Jahren mit ihren Eltern von Dzierzoniow (Reichenbach) in Polen zu Verwandten nach Holzminden zog und zweisprachig aufwuchs.

Die 27-Jährige ist eine von drei Polizisten mit Migrationshintergrund, die in der Inspektion Hameln/Holzminden Dienst tun. 300 sind es landesweit. Und es sollen mehr werden. Sogar EU-Bürger, die keinen deutschen Pass besitzen, können Polizisten werden.

„Polen ist meine Heimat, aber in Deutschland bin ich zu Hause“, sagt Patrizia Vukobradovic und legt Wert auf die Feststellung, dass sie eine Polizistin wie jede andere sei. „Ich möchte nicht als Exot dargestellt werden“, sagt sie.

Im gesamten Einzugsgebiet der Polizeiinspektion Nienburg-Schaumburg gibt es nur einen Polizisten, der auf so etwas wie einen „Migrationshintergrund“ verweisen kann. „Wir sind hier doch ein recht ländliches Gebiet, da ist es nicht so dringend nötig, Polizisten mit nichtdeutscher Herkunft einzusetzen“, meint Günter Haßfeld, Erster Polizeihauptkommissar in Stolzenau, wo Konstantin Hügel Streife fährt. „Aber es erleichtert unsere Arbeit auf jeden Fall, wenn man sich auch in anderen Kulturkreisen gut auskennt und unterschiedliche Fremdsprachen spricht.“ So war es sehr nützlich, als man Konstantin Hügel (31), Spätaussiedler aus Kasachstan, mit seinen Russisch-Kenntnissen zu einer Vernehmung – es ging um einen Überfall auf die Sparkasse Todenmann – hinzuziehen konnte. Und wenn es mal Probleme mit russischen Jugendlichen gibt, dann ändert sich die Stimmung meist schnell, wenn der Polizeikommissar auftaucht. „Wenn die Leute erregt sind, dann reden sie untereinander oft in ihrer Muttersprache“, sagt er. „Die Spannung löst sich viel leichter, wenn sie merken, dass auch ich russisch sprechen kann.“

Konstantin Hügels beruflicher Werdegang ist durchaus beeindruckend. Er war 14 Jahre alt, als seine deutschstämmige Familie beschloss, Kasachstan zu verlassen und nach Deutschland zu gehen. Schon früh konnte er ein paar Worte altertümliches Deutsch sprechen, die er von seinen Großeltern aufgeschnappt hatte oder im Dorf, wo ringsum lauter Menschen wohnten, deren Vorfahren einst nach Russland ausgewandert waren. In der Schule dann wurde Deutsch seine erste Fremdsprache, was ihm aber hier zunächst kaum half. Der kluge Junge schaffte mit Mühe den Hauptschulabschluss, hatte aber Glück, dass ihm der Schulleiter viel mehr zutraute und ihn bestärkte, die Fachhochschule Wirtschaft zu besuchen, wo er dann das Abitur machte.

„Lange Zeit war es für mich nicht gerade einfach“, erzählt er. „In Kasachstan galten wir als die Deutschen und mussten uns oft sagen lassen, wir seien Faschisten. In Deutschland dann hieß es, wir seien Russen und gehörten eigentlich nicht hierher.“ Lange habe er nicht richtig gewusst, ob er nun Deutscher oder Russe sei. „Meine Wurzeln liegen in Russland, aber Deutschland war für meine Familie schon immer das „’Gelobte Land‘.“ Je älter er wurde, je sicherer er die deutsche Sprache beherrschte und je besser er rundherum klarkam, desto verbundener fühlte er sich dem deutschen Staat. Als es darum ging, sich für einen Beruf zu entscheiden, sah er für sich die Wahl zwischen der Bundeswehr und der Polizei. Die Polizeilaufbahn wurde es, weil er unbedingt in der Nähe seines Heimatortes arbeiten wollte.

Weil auch junge Leute mit anderer Herkunft ähnliche Konflikte rund um ihre Nationalität und Integration durchzustehen haben, liegt der Polizei viel daran, möglichst viele Anwärter mit Migrationshintergrund aufzunehmen. Menschen aus 195 Nationen leben in Niedersachsen, jeder fünfte Mitbürger hat einen Migrationshintergrund, bei den Neugeborenen ist es sogar jeder Dritte. „Die Entwicklung muss dahin gehen, sich mit unseren Anwärtern dieser Bevölkerungsstruktur anzupassen“, sagt Günter Haßfeld. Auf der Internet-Seite www.polizei-niedersachsen.de werden Männer und Frauen aus Migrantenfamilien speziell angesprochen, und eine Werbekampagne mit Fotos von Polizisten und Polizistinnen, die vom Aussehen her klar als türkisch-, russisch- oder afrikanischstämmig erkennbar sind, soll Interessierte zu einer Bewerbung ermutigen.

Was viele nicht wissen: Seit der Reform des Beamtenrechtsrahmengesetzes im Jahr 1993 ist es auch möglich, ohne deutschen Pass bei der Polizei einzusteigen. Benötigt wird lediglich die Staatsbürgerschaft eines EU-Landes oder – für diejenigen, die nicht aus Europa stammen - eine Niederlassungserlaubnis. Nationalität oder ethnische Herkunft spielen also kaum eine Rolle, wenn es darum geht, sich erfolgreich für den Polizeidienst zu bewerben. Aktuell gibt es 105 Studenten mit Migrationshintergrund an der Niedersächsischen Polizeiakademie, unter den Abgängern des letzten Jahres waren es 62 von insgesamt 702 Studenten.

Ob mit einem deutschen oder mit einem ausländischen Pass, ein Kinderspiel ist es nicht, bei der Polizei angenommen zu werden. Für das dreijährige Studium sind Abitur oder Fachabitur Voraussetzung, dazu beste Deutsch- und gute Englischkenntnisse und nicht zuletzt eine hervorragende körperliche Verfassung. Wer als junger Mann die 5000 Meter nicht in 22 Minuten laufen kann, der muss entweder hart trainieren, um die Sportprüfung doch noch zu bestehen, oder es wird nichts mit der Polizeikarriere. Auch das Jugendschwimmabzeichen in Bronze ist gefordert, und dazu selbstverständlich eine weiße Weste in Sachen Führungszeugnis.

Patrizia Vukobradovic und Konstantin Hügel haben alle Bedingungen locker erfüllt. Als Hügel 2005 in der Polizeiinspektion Diepholz seinen Dienst antrat, registrierte man erst gar nicht, dass da jemand mit dem erwünschten „Migrationshintergrund“ kam. Man freute sich nur, dass da jetzt einer war, der die russische Sprache beherrscht.

In Großstädten wie Hannover ist der Anteil von Polizisten mit Migrationshintergrund natürlich sehr viel höher als in Kleinstädten oder auf dem Land. In den Städten entstehen häufiger Situationen, wo das Wissen um einen anderen kulturellen Hintergrund entscheidend zu einer Entschärfung von Konflikten beitragen kann. So würde man kaum zwei Polizistinnen zu einem ausgerasteten türkischen Familienvater schicken, der sich als von Frauen Gemaßregelter vielleicht in seiner Ehre gekränkt sähe. Und wenn aus einem von der Polizei gestoppten Auto voller türkischer oder russischer Jugendlicher nicht nur der Fahrer aussteigt, sondern gleich die ganze Freundesgruppe, dann ist es gut zu wissen, dass das nichts Bedrohliches bedeutet, sondern dem selbstverständlichen Gruppenzusammenhalt entspricht. Je mehr Polizisten mit solchen Zusammenhängen vertraut sind, desto friedlicher verläuft die Kommunikation mit den ausländischen Mitbürgern.

„Die Spannung löst sich viel leichter, wenn Jugendliche, die aus Russland stammen, merken, dass auch ich russisch sprechen kann“, sagt Polizeikommissar Konstantin Hügel.

Foto: tol

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