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Ein Stift zwischen Tradition und Aufbruch

So irren auch die, die glauben, dass ein Stift heute noch eine Versorgungseinrichtung für adlige unverheiratete Frauen oder Witwen ist, die ihre Zeit mit Schöngeistigem oder der Anfertigung kunstvoller Handarbeiten verbringen. Dass diese antiquierten Vorstellungen schon lange nicht mehr zutreffen, und dass in den alten ehrwürdigen Gebäuden sehr weltoffen gedacht und gelebt wird, beweisen die Kapitularinnen des Stiftes Fischbeck. „Die Freude darüber, hier leben zu dürfen, kommt aus allen meinen Poren“, schwärmt Ruth Wendorff.

Ein Gebäudeteil des historischen Stiftes mit der romanischen Kir

Autor:

Barbara Jahn-Deterding

So irren auch die, die glauben, dass ein Stift heute noch eine Versorgungseinrichtung für adlige unverheiratete Frauen oder Witwen ist, die ihre Zeit mit Schöngeistigem oder der Anfertigung kunstvoller Handarbeiten verbringen. Dass diese antiquierten Vorstellungen schon lange nicht mehr zutreffen, und dass in den alten ehrwürdigen Gebäuden sehr weltoffen gedacht und gelebt wird, beweisen die Kapitularinnen des Stiftes Fischbeck. „Die Freude darüber, hier leben zu dürfen, kommt aus allen meinen Poren“, schwärmt Ruth Wendorff. Die ehemalige Krankengymnastin ist mit 89 Jahren die älteste der sieben Stiftsdamen im Weserdorf. Am Ende ihres Berufslebens hat sie sich alle niedersächsischen Stifte angesehen und fühlte beim Betreten der Fischbecker Kirche, dass sie angekommen war. Sie hat ihre Entscheidung, in das Stift in Fischbeck zu gehen, nie bereut und „genießt bewusst jeden Tag – morgens, mittags und abends“. Vor nunmehr 25 Jahren wurde sie vom Kapitel, das heißt der Gesamtheit der im Stift lebenden Stiftsdamen, aufgenommen.

Während bis 1924 eine Bewerberin sechzehn adlige Vorfahren mit einer Aufschwörung (von Bürgen bestätigter Stammbaum) nachweisen musste, gelten heute andere Kriterien. Wer Stiftsdame werden möchte, muss der evangelischen Kirche angehören, alleinstehend und für die persönliche Lebensführung finanziell abgesichert sein. Jede Anwärterin weiß, dass sie mit dem Eintritt ins Stift eine der vielfältigen Aufgaben übernehmen wird, die mit der Erhaltung des Stifts verbunden ist. Den eigenen Neigungen, seien sie sozialer, musischer, kommunikativer oder alltagspraktischer Art, wird dabei Rechnung getragen. Als Gegenleistung steht jeder Stiftsdame eine mietfreie Wohnung zu – ein Recht auf Lebenszeit. „So lange, wie wir es alle zusammen leisten können, helfen wir uns auch im zunehmenden Alter“, versichert die Äbtissin des Stiftes Uda von der Nahmer. Ein Leben lang sind die Damen nicht an das Stift gebunden. Wer irgendwann feststellt, dass er andere Vorstellungen vom Leben in einer Frauengemeinschaft hat, kann das Kapitel zu jeder Zeit wieder verlassen.

Ruth Wendorff bewohnt eine der schönsten Wohnungen im Fischbecker Stift, die ihr sowohl den Blick in den Park mit der über tausendjährigen Eibe als auch auf den nach historischem Vorbild angelegten Kräutergarten erlaubt. Bei ihrem Eintritt ins Kapitel habe sie erst eine Wohnung ohne Westsonne bewohnt, „aber da habe ich gesagt, das wird mit mir hier nichts, wenn ich nicht eine andere Wohnung bekomme“, lacht sie bei der Erinnerung. Von Anfang an hat sie bei Führungen den Gästen – über 10 000 kommen jedes Jahr – die Geschichte des über tausendjährigen Stiftes nahegebracht. „Heute führe ich aber nur noch kleine Gruppen, die jüngeren Damen entlasten mich“, freut sie sich über das Verständnis der anderen Kapitularinnen. Verständnis füreinander, Nähe, aber auch Distanz („Wir sind hier immer per Sie“) sind für Ruth Wendorff unabdingbar, um der christlich geprägten Lebensgemeinschaft des Stiftes gerecht zu werden.

Ruth Wendorff, heute 89 Jahre alt, lebt seit 25 Jahren im Stift.
  • Ruth Wendorff, heute 89 Jahre alt, lebt seit 25 Jahren im Stift.
Äbtissin Uda von der Nahmer (re.) und Kapitularin Ursula Schroed
  • Äbtissin Uda von der Nahmer (re.) und Kapitularin Ursula Schroeder im Gespräch.

Auf der Suche nach einer solchen Gemeinschaft war Ursula Schroeder, als sie sich entschloss, ihren Beruf als Lehrerin für Musik und Englisch am Albert-Einstein-Gymnasium zu quittieren. „Ich fragte mich, was machst Du mit dem Rest Deines Lebens? Ich hatte Sehnsucht nach einem schönen Ambiente, einem ästhetischen Ort in der Nähe“, erinnert sie sich. Per Zufall las sie im Programm der Volkshochschule einiges über das Stift Fischbeck. Ihr Interesse war geweckt, sie ließ sich ausbilden und zeigte Besuchern die romanische Kirche, den Kreuzgang und die Gärten. Auf diese Art und Weise lernte sie die Stiftsdamen und das Leben hinter der dicken historischen Mauer kennen.

„Dann ging alles sehr schnell, im März 2009 bezog ich meine Wohnung im Stift und erlebte den Umzug als große Befreiung.“ Die Kommentare aus dem Freundeskreis bewegten sich zwischen „bist Du nicht zu jung“ bis zu „da gehörst Du hin“. Ursula Schroeder ist glücklich darüber, dass „es im Stift Fischbeck möglich ist, in einer christlichen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zu leben, ohne sich selbst zu vergessen“. Ihr Hauptarbeitsgebiet sind Führungen und die Begleitung und Betreuung der renommierten Künstler, die in der Stiftskirche hochkarätige Konzerte geben. „Ich bin sehr froh, mit Frau Schroeder eine Fachfrau für Musik im Kapitel zu haben“, freut sich Uda von der Nahmer.

Diese hatte sich Anfang 2008 um die Stelle der Äbtissin beworben. Uda von der Nahmer war bis zu ihrem Ruhestand Kulturdezernentin in Aurich. Doch bald kam bei ihr das Gefühl auf, nicht mehr gebraucht zu werden. „Das hat mir nicht behagt. Darauf habe ich die wohl komplizierteste Bewerbung meines Lebens geschrieben“, erzählt sie. Als Äbtissin ist sie nun vom Kapitel angestellt und wird aus dem Etat des Stiftes bezahlt. Das Stift Fischbeck ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, es untersteht der Rechtsaufsicht der Klosterkammer Hannover, ist aber nicht deren Eigentum. „Wir müssen ein Drittel der Kosten für die Unterhaltung des Stiftes selbst erwirtschaften, ein Drittel bekommen wir von der Klosterkammer und ein Drittel von der öffentlichen Hand“, erklärt die Äbtissin. „Das Stift Fischbeck ist ein Wirtschaftsbetrieb mit rund 200 Hektar Wald und 170 Hektar Ackerland. Uns gehört der Fischbecker Friedhof, die Kirche und einige Wohnungen.“ Hilfe bei der Verwaltung erhält das Kapitel durch den Stiftsamtmann Dieter Brand. Für Uda von der Nahmer bleibt jedoch eine Fülle an Aufgaben, ihr momentaner Arbeitsschwerpunkt ist die Koordinierung der laufenden Sanierung der historischen Gebäude. Neben dieser praktischen Arbeit „prägt eine Äbtissin auch das geistige und geistliche Klima“, betont Ruth Wendorff.

Immer mehr hält die Neuzeit hinter den historischen Mauern Einkehr. Festzumachen ist dies auch daran, dass sich mit Elke Bronisch-Holtze zum ersten Mal eine Interessentin um die Aufnahme beworben hat, die in Altersteilzeit weiter ihrem Beruf als Richterin in Celle nachgehen und trotzdem bereits im Stift wohnen wird. In der Sitzung des Kapitels Ende Oktober wurde die Bewerberin einstimmig aufgenommen, es fehlt allein noch die Zustimmung der Klosterkammer. Die 60-jährige Juristin hat „das Stift Fischbeck zufällig bei einer Fahrradtour entlang der Weser kennengelernt“. Da das Ende ihres Berufslebens in Sicht war, machte sie sich auf die Suche nach „Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die mir aber viel persönliche Freiheit lässt“. Und die künftige Stiftsdame fügt an: „Der religiöse Bezug unter Wertschätzung des Individuums gefällt mir in Fischbeck sehr gut.“

In Absprache mit ihren Kollegen am Gericht in Celle und den Stiftsdamen übernimmt die Hannoveranerin bereits Aufgaben in Fischbeck. So kann man sie am Wochenende im Torhaus im Stiftsladen antreffen. Schon bald will sie Besucher durch die historischen Anlagen führen und im Archiv bestimmte Themen recherchieren. Elke Bronisch-Holtze freut sich bereits auf ihre offizielle Einführung im Frühsommer nächsten Jahres. Dann wird sie mit den übrigen Mitgliedern des Kapitels erstmals im großen Ornat auftreten dürfen. Das heißt, sie darf die Schärpe mit dem Stiftsorden und den schwarzen Schleier entgegennehmen.

„Wir hoffen, dass neben Elke Bronisch-Holtze weitere Frauen den Weg zu uns finden“, erklärt Uda von der Nahmer. Die Äbtissin betont in diesem Zusammenhang: „Wir sind keine Alters-WG, wir sind nicht elitär, wir sind aber sorgfältig bei der Auswahl der Frauen, die in unsere christliche Gemeinschaft passen.“

„Sind das eigentlich Nonnen, die hier leben? Das ist die Äbtissin, die sieht aber nicht so aus, wie jemand der im Kloster lebt“, bemerkt eine Besucherin eines Konzertes in der Stiftskirche. Achselzucken bei denen, die neben der Hamelnerin sitzen. Bei dem Wort Damenstift entsteht in vielen Köpfen die Assoziation „Kloster und Nonnen“. Doch weit gefehlt, das Leben im Stift ist ein ganz anderes.

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