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Nicht alltägliche Nachrufe / „Merkwürdige Grabinschriften haben mit deutschem Wesen zu tun“

Ein Lächeln über den Gräbern

In diesen November-Tagen ist viel von Tod, Sterben, Würde und Erinnerungskultur die Rede. Bestattungsunternehmer, Friedhofsgärtner, Trauerredner, Testamentsvollstrecker und Versicherungsagenten nutzen die offiziellen Anlässe und bieten sich als „Helfer in schweren Stunden“ an. Die Grenze zwischen innigem Gedenken und jahreszeitlich bedingtem Trauer-Ritual ist schwer auszumachen. Es gab jedoch immer schon Leute, die mit dieser Art Pietät nichts im Sinn hatten.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

„Es ist ein fröhlich Ding um aller Menschen Sterben: / Es freuen sich darauf die gerne reichen Erben / Die Priester freuen sich, das Opfer zu genießen / Die Würmer freuen sich an einem guten Bissen / Die Engel freuen sich, die Seelen heimzuführen / Der Teufel freuet sich, im Fall sie ihm gebühren“

Es nahm schon vor knapp 400 Jahren der geistreiche, heutzutage weitgehend in Vergessenheit geratene schlesische Dichter und Denker Friedrich („Salomon“) von Logau (1605-1655) die nicht selten von scheinheiligem Getue geprägten Wehklage-Zeremonien aufs Korn. Ähnlich respektlos und ironisch muten auch manche Grabsteininschriften an. Nicht selten wurde in den in Stein gemeißelten Nachrufen - neben dem Namen und den persönlichen Daten der/des Verblichenen - auch eine gehörige Portion Humor verewigt. Beispiele derartiger Sinnsprüche waren im Spätherbst 1925 unter der Überschrift „Lächeln über den Gräbern“ in der heimischen Landes-Zeitung abgedruckt, darunter auch der folgende, auf dem Grabstein einer wegen ihrer „Tanzwut“ bekannten Obristengattin aus Hannover eingravierte Vierzeiler:

„Hier unter diesen Todten / Liegt die Generalin von Poten. / O Wandrer fliehe schnell von hier, / Sonst steht sie auf und walzt mit dir!“

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Soweit bekannt, ist der auf dem einstigen „Neustädter Friedhof“ beheimatete Stein - wie viele andere kulturhistorisch bemerkenswerte Grabdenkmäler - durch Bomben, Wind und Wetter oder durch Flächenbereinigung und Umnutzung nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen.

Zusammengetragen hatte die in der Zeitung veröffentlichten Nachrufe der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897). Der Direktor des bayerischen Nationalmuseums und Verfasser des zwischen 1851 und 1869 erschienenen Standardwerks „Naturgeschichte des deutschen Volkes“ galt und gilt bis heute als einer der bedeutsamsten Volkskundler des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Nach Riehls Darstellung hätten (auch) die „merkwürdigen Grabinschriften“ mit dem deutschen Wesen zu tun. Toten-Epigramme seien „auf dem ureigensten Grunde völkischer Eigenart erwachsen, die in ihrem religiösen Gefühl, ihren Anschauungen von Welt und Menschen und ihrem Humor bald in naiver, grundsatzreicher Unbeholfenheit, bald in kunstvollem Gedanken- und Wortspiel, mit charakteristischen Wendungen und fast dichterischer Verspolitur einer sinnreichen Bezüglichkeit sinnfältigen Ausdruck“ gebe.

Ein Beispiel solch „grundsatzreicher Unbeholfenheit“ hätte Riehl auch auf dem Jetenburger Friedhof in Bückeburg finden können. Dort steht, ein wenig abseits und stark verwittert, der Grabstein von Johann Friedrich Sümening aus Scheie. Der am 1. Januar 1851 auf dem Anwesen Nr. 27 geborene Bauernsohn war im Herbst 1871 als Soldat ins westfälische Münster einberufen worden. Die Trennung von Haus, Hof und Heimatdorf war für den 20-Jährigen so schlimm, dass er krank wurde und dahinzusiechen begann. Von Heimweh geplagt, bat er den Vater, so schnell wie möglich herzukommen. Aus ungeklärten Gründen kam der Hilferuf erst mit mehrtägiger Verzögerung in Scheie an. Sümening Senior machte sich sofort auf den Weg, doch als er in Münster ankam, war es schon zu spät. Johann Friedrich starb am 10. Dezember 1871. Der Vater ließ den Ablauf des Dramas auf der Rückseite des Grabsteins einmeißeln:

„Eilig ward er weggerissen / Eilig kam auch seine Not / Vier Wochen waren kaum verflossen / Da wurde schon sein Jammer groß / Seinen Vater wollt er sprechen / Leider ist es nicht geschehen / Wer nun dieses hat verhindert / Wird von Gott den Lohn empfähn“

Die meisten anderen, vor gut 85 Jahren in der Landes-Zeitung abgedruckten Grabinschriften fallen eher unter die Kategorie, die von Kulturhistoriker Riehl mit „in naiver, grundsatzreicher Unbeholfenheit wiedergegebener Humor“ umschrieben worden war. Hier einige Beispiele:

„In diesem Grab ruht Annich Peter, / Die Frau begrub man hier erst später. / Man hat sie neben ihm begraben. / Wird er die ew’ge Ruh nun haben?“

*

„Hier ruht im stillen, grünen Hain, / Mein sel’ger Mann, der Förster Stein; / Das Trinken ließ er nimmer sein. / Er starb, Gott mög‘ es ihm verzeih’n, / Aus lauter Lieb‘ zum Branntewein.“

*

„Es liegt hier unter diesem Stein, / Ein magres, dürres Schneiderlein. / Und stehen einst die Toten auf, / So hilf ihm, lieber Gott, herauf / Und reich ihm Deine starke Hand, / Denn er allein ist’s nicht im Stand.“

*

„Hier schläft nach langer Arbeit sanft genug, / Der Schüler, Orgel, Weib und Kinder schlug.“ (Grabstätte eines Schulmeisters namens Kogler)

„Die Würmer freuen sich an einem guten Bissen“ – Menschliche Überbleibsel aus der Steinzeit.

Grabstein des vor 140 Jahren an Heimweh verstorbenen Johann Friedrich Sümening aus Scheie.

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