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Reich, geizig und erfolgreich: Wie Fürst Georg Wilhelm Schaumburg-Lippe schuldenfrei machte

Ein Finanzstratege bis in den Tod

Von Wilhelm Gerntrup

Der Besitz Nachod in Nordböhmen - hier der Marktplatz des kleine

Vor 150 Jahren starb einer der damals reichsten und wohl auch geizigsten Männer Europas. Fürst Georg Wilhelm gilt als bisher erfolgreichster Finanzstratege der hiesigen Herrscherdynastie.

Wenn es um die Frage nach den wichtigsten heimischen Herrscherpersönlichkeiten geht, werden meist die Namen von Renaissancefürst Ernst (Regierungszeit 1601-1622) und „Kanonengraf“ Wilhelm (1748-1777) genannt. Mindestens ebenso bedeutsam für den Fortbestand des Familiengeschlechts aber war auch der schaumburg-lippische Landesherr Georg Wilhelm. Der seit Übernahme der Regierungsgeschäfte im Jahre 1806 mehr als ein halbes Jahrhundert lang regierende Potentat war ein erfolgreicher Finanzstratege. Als er vor 150 Jahren starb, war sein kleines Land politisch und wirtschaftlich gefestigt die und Familienkasse prall gefüllt. Nach überschlägiger Berechnung hatte der herrschaftliche Unternehmer an die 12 Millionen Reichstaler (= 36 Millionen Reichsmark) angehäuft. Ohne Georg Wilhelm ist der bis heute spürbare Glanz der Bückeburger Schlossbewohner nicht vorstellbar.

Verständlich wird das Geschehen nur vor dem Hintergrund der damaligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Einzelheiten dazu kann man in einer vor drei Jahren von dem Rintelner Museumschef Dr. Stefan Meyer verfassten Biographie nachlesen (s. Quellenhinweis). Als Georg Wilhelm im Alter von knapp 23 Jahren die Regierung übernahm, hatte es um die Zukunft der Familie und des kleinen Landes noch äußerst düster ausgesehen. Der Mini-Staat war hoffnungslos überschuldet, die politische Selbstständigkeit aufs Höchste gefährdet. Doch der jugendliche Thronfolger hatte Glück. Die auf ihrem Preußen-Feldzug vorrückenden Franzosen ließen sich zu einem „Nichtangriffspakt“ überreden, und auch die später von Wiener Kongressteilnehmern geforderte Zerschlagung und Aufteilung des Fürstentums kam nicht zustande. Ein weiterer glücklicher Umstand aus Sicht des Landesherrn war die Anhänglichkeit seiner Untertanen. Die deutschlandweit immer lauter und eindringlicher zu hörenden Forderungen nach mehr Freiheit und Demokratie blieben nahezu unbeachtet. Während andernorts die Menschen auf die Barrikaden gingen, kam Georg Wilhelm mit einem eher milden Erschrecken davon.

Schloss Veröcze in Slawonien, mit mehr als 43000 Hektar die größ
  • Schloss Veröcze in Slawonien, mit mehr als 43000 Hektar die größte der von Georg Wilhelm getätigten Neuerwerbungen (Foto aus dem Jahre 1880).
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Absolutistischer Monarch und Großunternehmer an der Schwelle zum
  • Absolutistischer Monarch und Großunternehmer an der Schwelle zum Industriezeitalter: Georg Wilhelm Fürst zu Schaumburg-Lippe – Ölgemälde um 1807. Repros: gp

Vermutlich hat vor allem diese Erfahrung mit der Schnelllebigkeit und Unberechenbarkeit politischer Entwicklungen den Wunsch nach dauerhafter Festigung des landesherrlichen Status befördert. Jedenfalls nahm Georg Wilhelm gezielt die Vermehrung des Familienvermögens in Angriff. Als Erfolgsrezept galten – damals wie heute – die Investitionen in zukunftsträchtige Technologien und Produktbereiche. Der Bückeburger setzte auf Eisenbahn, Geldgeschäfte und Landwirtschaft. Den schnellsten und größten Ertrag brachte der zunächst nur zögerlich vorangetriebene Einstieg bei der „Cöln-Mindener Eisenbahngesellschaft“. Auch die mehr als 20 vorzugsweise in Südosteuropa aufgekauften Güter, Adelssitze und Herrschaftskomplexe warfen – wenn auch erst nach zwischenzeitlichen Durststrecken – gute bis sehr gute Gewinne ab. Das Kalkül des Schlossherrn, dass die im Zuge der Industrialisierung europaweit kräftig wachsende Bevölkerung einen Nachfrageboom nach Lebensmitteln auslösen werde, ging auf. Dabei verschlugen Art und Umfang der dabei getätigten Investitionen selbst abgebrühten Finanzexperten den Atem. Georg Wilhelm nahm mehr als fünf Millionen Reichstaler (= 15 Millionen Reichsmark) in die Hand. Die Gesamtfläche der Neuanschaffungen lag bei 100 000 Hektar. Das war fast dreimal so viel wie der angestammte Hoheitsbereich. Alle Ankäufe wurden auf Pump getätigt. Dabei leistete die zwischendurch (1853) eigenhändig gegründete Niedersächsische Bank ebenso gute wie umstrittene Dienste. Das fürstlich kontrollierte Geldinstitut wurde in Fachkreisen nicht umsonst „Zettelbank“ genannt.

Zugute kamen Georg Wilhelm bei seinen Geldaktionen die besonders rückständigen fiskalischen Verhältnisse. In Schaumburg-Lippe gab es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein noch immer keine Trennung von Staatsbesitz und fürstlichem Kammergutvermögen (Domanium). Anders gesagt: Die Landesherren konnten geldmäßig nach Belieben schalten und walten. Der Bückeburger Schlossherr wusste das geschickt zu nutzen: Innerhalb weniger Jahre hatte er „alle Aktivcapitalien auf die Person des Regenten gestellt, von der Verwaltung der Cammer getrennt und aus den Cammerregistern entfernt“, wie es in einer zeitgenössischen Darstellung heißt. Allerdings profitierten vom wachsenden Wohlstand zu guter Letzt auch die Untertanen. Seit 1918 war Schaumburg-Lippe schuldenfrei.

Besonders bemerkenswert am unternehmerischen Tun und Treiben des herrschaftlichen Finanzstrategen ist die Tatsache, dass persönliche Eitelkeit überhaupt keine Rolle spielte. Georg Wilhelm hatte mit Geldausgeben oder gar Luxus nichts im Sinn. Seine karge Lebensweise und die an Geiz grenzende Hofhaltung waren legendär. Sein Bett stand in einem schlichten Durchgangsflur. Die Mahlzeiten bestanden vor allem aus Kartoffelbrei, Backpflaumen, Dickmilch und Butterbroten. Vornehmstes männliches Kleidungsstück im Schloss war die Jagduniform. Auch sonst soll der treusorgende Ehemann und Vater überhaupt nicht den Vorstellungen von einem auf Etikette und staatsmännischer Repräsentanz bedachten Feudalherrn entsprochen haben. Zeitzeugen schilderten ihn als penibles und unerbittliches „Arbeitstier“. Sein Auftreten soll spröde und bisweilen ruppig gewesen sein.

Vermutlich war es gerade diese Mischung aus Bescheidenheit und ungekünstelter Direktheit, die ihn beim Volk besonders populär und beliebt machte. Jedenfalls strömten nach seinem Ableben spontan Zehntausende ins Schloss, um dem im Fahnensaal aufgebahrten „hohen Toten“ die letzte Ehre zu erweisen. Der Verstorbene hatte – seiner Art entsprechend – jede Art von Aufwand verboten. Seine Beisetzung solle „einfach und ohne Kosten zu verursachen sowie ohne Gepräge stattfinden“, ließ er vor seinem Ableben per Testament verkünden.

Schlichte Unterkunft eines der reichsten Männer Europas: Das Bückeburger Schloss zu Zeiten Georg Wilhelms. Die heutige Anlage entstand erst nach seinem Tode.

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