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Schule, Lernen und Bildungspolitik im 18. Jahrhundert: Wie die Landesherren den Deckel draufhielten

„Ein bisgen Lesen und Schreiben“

Lehren und Lernen war – nicht nur hierzulande – schon immer ein wichtiges Thema. Für zusätzlichen Diskussionsstoff hat die Globalisierung gesorgt. Erfolg, Wohlstand und Vorsprung der Exportnation Deutschland gegenüber den aufstrebenden „Schwellenländern“ könnten nur mit hoch qualifizierten und -motivierten Staatsbürgern verteidigt werden, sind sich die Politstrategen einig. Kaum ein Tag, an dem nicht von „einer zwingend notwendigen Intensivierung des Bildungssystems als vorrangige Zukunftsinvestition“ die Rede ist.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

So viel Einsatz zur Förderung von Wissen und Unternehmensgeist der „lieben jungen Mitbürgerinnen und Mitbürger“ (Bildungsministerin Annette Schavan) gab es noch nie – im Gegenteil. Bis in die Neuzeit hinein hielt sich der Wunsch nach wissenden oder gar selbstständig (mit-) denkenden Untertanen in Grenzen. Besonders bildungsfeindlich ging es Mitte/Ende des 18. Jahrhunderts zu. Trotz aller Veränderungen und Fortschritte im Gefolge der „Aufklärung“ war das Gros der deutschen Landesherren streng darauf bedacht, das Denk- und Urteilsvermögen der kleinen Leute nicht über Gebühr anwachsen zu lassen. Das galt vor allem für die Landbevölkerung. Den Mädchen vom Dorfe waren die Arbeit in Haus und Hof und das Kinderkriegen vorherbestimmt. Und die jungen Burschen sollten – neben säen und ernten – auch und vor allem gehorchen, marschieren und schießen können. Hintergrund: Viele deutsche Feudalherren hatten im Vorfeld des „Siebenjährigen Krieges“ (1756-1763) tüchtig aufgerüstet. Da blieb für Geistesoffensiven kein Geld. Mehr noch: Einige Obrigkeiten, darunter der hessische Landgraf Friedrich II., zogen zusätzlich junge Untertanen ein, um sie als Söldner an andere Kriegsherren weitervermieten zu können – damals ein einträgliches Geschäft.

Kein Wunder, dass die hessische Regierung zu Kassel, zu deren Herrschaftsbereich auch die Grafschaft Schaumburg mit ihrem Verwaltungszentrum Rinteln gehörte, besonders heftig gegen „übertriebene“ Bildungsansprüche der ländlichen Untertanen zu Felde zog. 1774, kurz bevor er mehr als 20 000 junge Männer als Söldner an den englischen König Georg III. zwecks Einsatz im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verschacherte, setzte Friedrich eine „Verordnung, wodurch das bey den Bürgers- und Bauren-Söhnen allzusehr überhand nehmende Studieren eingeschränkt werden soll“, in Kraft. Er sehe „mit großem Mißfallen, daß viele gemeine Unterthanen aus bloßem Uebermuth und nur um ihre Familie über ihren Stand zu erheben, ihre Söhne zu einem höheren Beruf bestimmen“, ist darin zu lesen. Dadurch gingen „dem Ackerbau, den Professionen, den Künsten und Fabriquen“ viele nützliche Hände verloren“. Die Folge: Dem Staat werde großer Schaden zugefügt.

Um die Auswüchse zu stoppen, ordnete der Landgraf an, „daß niemand von Bürgern und Bauren, noch auch ein Herrschaftlicher Livreé-Bediener seine Kinder von den gemeinen Handthierungen ab und zum Studieren, oder zu dem Stande der sogenannten Honoratioren erziehen soll“.

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  • „Esel in der Schule“ des niederländischen Malers Pieter Bruegel d. Ä. (1525/30-1569) aus der Zeit um 1560. Repros: gp
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  • Dorfschulmeister, Bild des holländischen Malers Jan Steen (1626-1679) aus der Zeit um 1665.

Nicht ganz so rigoros wie in Hessen ging man die Bildungsfrage „auf dem platten Lande“ im benachbarten Schaumburg-Lippe an. Allerdings sah auch der ansonsten als besonders aufgeklärt geltende Landesherr Graf Wilhelm (Regierungszeit 1748-1777) in puncto Ausbau des Dorfschulunterrichts keinen vordringlichen Handlungsbedarf. „Der Bauer ist ein nützlich Geschöpf für den Staat, allein er ist geschaffen, Bauer zu seyn“, heißt es in einer 1765 abgefassten Regierungsvorlage. „Weder Academien noch Seminaria sind etwas für ihn, und ich glaube ganz gewiß, dass er den Schwindel bekommen würde, wenn man dergleichen Anstalten für ihn anlegte“.

Ganz ähnlich hatte sich bereits zwei Jahre zuvor der preußische König Friedrich II. („der Große“) geäußert. Auf dem Land müsse man den Unterricht so einrichten, „daß die Leute Attachement zur Religion behalten, und es soweit bringen, daß sie nicht stehlen und nicht morden“. Ansonsten reiche es völlig aus, „wenn sie ein bisgen Lesen und Schreiben lernen“, denn: „wissen sie zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretärs und so was werden“.

Das geringe Interesse der Obrigkeiten an bäuerlicher Bildung wirkte sich naturgemäß auch nachteilig auf Schulzucht und Lehrpersonal aus. Um die Durchführung des Unterrichts kümmerten sich seit der Einrichtung der ersten heimischen Dorfschulen (Jetenburg und Grove um 1570, Fuhlen 1586) die örtlichen Küster oder Kantoren. Ziel und Abschluss war die Konfirmation. Bis dahin sollten die Schüler „zur beständigen Gottseligkeit“ geführt und „nach der vorgeschriebenen Lehrart im Catechismo“ unterwiesen werden, heißt es so oder sinngemäß in den hierzulande bis Ende des 18. Jahrhunderts geltenden Schulordnungen. Weniger gefragt waren Rechnen und Schreiben. Damit wären viele Schulmeister vermutlich auch überfordert gewesen. „Tüchtige Leute sind schwer zu erhalten“, heißt es in einem Bericht aus dem Jahre 1765. Die meisten Bewerber „sind Leute, die in anderen Geschäften verdorben sind, und einen Schulmeisterdienst nur aus Not suchen, ohne zu den Arbeiten desselben Lust und Geschicke zu haben“.

Schulklasse im heutigen Bückeburger Ortsteil Meinsen um 1900.

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