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Vor Gericht: Freispruch wegen Schuldunfähigkeit / Üble Briefe an die Ex-Freundin geschrieben

Ein alter Mann, der nicht verzeihen kann

Buchholz/Bückeburg (ly). Weihnachten kann kommen! Wäre das Verfahren gegen ihn eingestellt worden, hätte ein Buchholzer (76) dies als "schönstes Geschenk" empfunden. "Dann kann ich endlich einmal in Ruhe feiern." Nun hat das Bückeburger Amtsgericht den Rentner sogar vom Vorwurf freigesprochen, in zwei Fällen seine Ex-Freundin beleidigt zu haben. Die Begründung: Unzurechnungsfähigkeit.

Nur die Staatsanwaltschaft kann dem 76-Jährigen die Freude noch vermiesen und gegen das Urteil von Richter Armin Böhm Berufung einlegen. Dann sähe man sich im neuen Jahr vor dem Landgericht wieder. Bereits bei einer Einstellung des Verfahrens hatte die Anklagebehörde nicht mitgespielt, auf schuldig plädiert und eine sechswöchige Bewährungsstrafe gefordert, verbunden mit 200 Euro Geldbuße. Zwei an die Verflossene adressierte Briefe seien vom Inhalt "ganz schön derbe" gewesen, hieß es, mithin die Taten "nicht mehr im unteren Bereich einer Beleidigung anzusiedeln". Für Verteidiger Richard Heller stellte sich nicht die Frage, wie der Angeklagte zu bestrafen sei, sondern ob überhaupt. Die Antwort, gestützt auf ein Gutachten, gab Heller selbst: "Ich gehe von Schuldunfähigkeit aus." Dieser Auffassung schloss sich Richter Böhm an. "Wir können den Angeklagten nicht verurteilen", erklärte er. Der Hintergrund: Schuld ist im deutschen Rechtssystem die Voraussetzung für Strafe. Ein Sachverständiger hatte dem 76-Jährigen, der unter Betreuung steht, eine paranoide Persönlichkeitsstörung attestiert und war unter anderem zu dem Schluss gekommen, dass der Eilser eine "ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber Kränkungen" zeige. "Er ist unfähig zu verzeihen." Zu sinnvollen logischen Schlussfolgerungen sei der Angeklagte überdies nicht in der Lage. Andererseits: "Was er gemacht hat, ist nicht in Ordnung", so Böhm. Nachdem schon seit Jahren Schluss war, hatte der alte Mann seiner Ex im August zwei Briefe geschrieben, in denen die Frau als "Hure", "Drecksau" und noch schlimmer beleidigt wurde. Heute tut dem Verfasser dies angeblich Leid. "Ich bedaure das, aber ich war so in Rage", sagte er und fügte an die Adresse Böhms hinzu: "Herr Richter, wenn sie das mitgemacht hätten, was ich mitgemacht habe..." Vor allem will der 76-Jährige, dessen Vorstrafenregister 15 Eintragungen umfasst, belogen worden sein. Apropos Vorstrafen: Schon einmal ist der Rentner aufähnliche Weise in Erscheinung getreten. Nach der Trennung hatte er eine andere Frau in Schreiben "Sau" und "Drecksau" genannt, zudem eine Rechtsanwältin mit vergleichbaren Verbalattacken überzogen. Dafür gab es vor sechs Jahren 525 Euro Geldstrafe. Wenn der Buchholzer nach Schimpfwörtern sucht, wird er offenbar meist im Tierreich fündig.

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