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Ein spanisches Arzneimittel facht die Debatte neu an

Droge als Medikament: Was kann Cannabis?

Hannover (re). In spanischen Krankenhausapotheken liegt seit dieser Woche das Cannabis-Medikament Sativex(R) bereit. Es enthält zwei Wirkstoffe der Hanfpflanze und soll in Spanien zur Behandlung von Spastizität bei multipler Sklerose eingesetzt werden, so der Hersteller. Zulassungsanträge wurden auch in anderen europäischen Ländern gestellt, unter anderem in Deutschland.

Cannabis-Pflanzen: als Rauschmittel nicht unproblematisch, als Medizin nützlich?

Cannabis als Medizin – in Deutschland wird das Thema seit Längerem kontrovers diskutiert, die Entscheidungen von Politik und Justiz gehen teilweise auseinander, eine klare Linie ist nicht erkennbar. „In der Diskussion fehlt leider oft die Differenzierung zwischen der Anwendung bei kranken Menschen und dem Freizeitkonsum mit eventuellem Missbrauch“, bemängelt Prof. Kirsten Müller-Vahl, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Im Jahr 2003 veröffentlichte sie eine Studie, die zu dem Ergebnis kam, dass THC, der Hauptwirkstoff der Hanfpflanze, die Symptome etwa von Patienten mit Tourette-Syndrom mildern kann.

Zu dem komplexen Bild dieser unheilbaren Krankheit gehören sogenannte Ties, unkontrollierbare Bewegungen und „Lastäußerungen“ (Schimpfwörter). Diese werden normalerweise mit Psychopharmaka behandelt, die zum Teil starke Nebenwirkungen haben. „In meiner Sprechstunde berichteten mir einige Patienten, dass ihre Ties nach einem Joint weniger wurden“, sagt Müller-Vahl. Das war der Auslöser für ihre Studie.

Der Einsatz von Cannabis in der Medizin ist keine Erfindung der Neuzeit, lediglich die Akzeptanz erfährt in der Geschichte ein stetiges Auf und Ab. Die Menschen nutzen die Hanfpflanze seit Jahrtausenden auf vielfältige Weise. Cannabis zählt auch zu den ältesten bekannten Heil- und Rauschmitteln. Es wird angenommen, dass es in China bereits vor mehr als 4000 Jahren als Heilmittel verwendet wurde.

Vor dem 20. Jahrhundert sei Cannabis wesentlich häufiger in der Medizin eingesetzt worden als heute, sagt Müller-Vahl, die auch Vorstandsmitglied der „Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“ (ACM) ist. Dann begann die Erforschung und Produktion von chemischen Medikamenten. Im Jahr 1964 gelang es der Wissenschaft dann, die komplizierte chemische Struktur von THC zu entschlüsseln, und seit den siebziger Jahren nimmt das medizinische Interesse an Cannabis wieder zu.

Anwendung finden die verschiedenen Wirkstoffe der Hanfpflanze, die sogenannten Cannabinoide, besonders in der Schmerztherapie, unter anderem bei multipler Sklerose. Bei Aids-Patienten und nach einer Chemotherapie kann Cannabis helfen, den Appetit anzuregen. Laut einer kanadischen Studie vom Februar 2011 mochten 73 Prozent der teilnehmenden Krebspatienten ihr Essen lieber, nachdem sie eine THC-Tablette eingenommen hatten, so die Forscher.

Als gemeinnütziger Verein tritt die ACM laut eigenen Angaben seit 1997 für verbesserte Möglichkeiten zur Nutzung von Cannabis zu therapeutischen Zwecken ein und unterstützt zum Beispiel Patienten in Gerichtsverfahren. Auf seiner Internetseite warnt der Verein aber auch vor den möglichen Nebenwirkungen und dem Suchtpotenzial von Cannabis. Zu den akuten Nebenwirkungen zählen sowohl Depressionen als auch Euphorie und eine eingeschränkte Gedächtnisleitung. Eine Langzeiteinnahme kann sich auf die Geschlechtshormone und das Immunsystem auswirken und bei einer entsprechenden Veranlagung eine Psychose ungünstig beeinflussen oder auslösen.

Um sich in Deutschland mit einem Medikament behandeln zu lassen, das Cannabinoide enthält, müssen Arzt und Patient nachweisen, dass es kein Fertigarzneimittel für die Erkrankung gibt, die Standardtherapie nicht wirkt oder deren Nebenwirkungen zu stark sind. Ist dies der Fall, kann der Arzt seinen Patienten zum Beispiel Dronabinol verschreiben. „Dieses von Pharmafirmen hergestellte THC ist wesentlich teurer als der illegale Erwerb von natürlichem Cannabis“, erklärt Müller-Vahl. Natürliche Cannabis-Produkte sind in Deutschland nicht verschreibungsfähig, der einzelne Wirkstoff THC hingegen schon.

„Diese Regelung ist für mich und meine Patienten absolut nicht nachvollziehbar.“ Da Cannabis-Medikamente in Deutschland bisher nicht zugelassen sind, müssen die Krankenkassen sie auch nicht bezahlen. „Auf den Patienten kommen daher Kosten von 300 bis 500 Euro monatlich für ein THC-Medikament zu“, rechnet Müller-Vahl vor. In Ausnahmefällen übernehmen einzelne Kassen aber die Kosten für Dronabinol.

Diskutiert wird die Zulassung von Cannabis-Produkten in der Medizin schon lange. In Spanien wurde jetzt ein entsprechendes Medikament zugelassen. In Deutschland fehlt jedoch weiterhin eine klare Linie – was in der Praxis mitunter zu paradoxen Konstellationen führt.

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