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Gewinner und Verlierer nennen dieselben Gründe: Fachmann vor Politiker

Drewes chancenlos: Halloween wird für CDU zur „Nacht des Grauens“

Landkreis (wm). Die Wahlergebnisse auf der großen Leinwand im Kreishaus in Stadthagen zu verfolgen, das war pure Emotion. Zu sehen, wie die Wähler in den Städten und Dörfern die Daumen hoben und senkten und dabei über ganz persönliche Karrieren dreier Menschen entschieden. Das empfanden wohl auch die Parteigänger von SPD wie CDU im rappelvollen Saal und machten schon nach der ersten Hochrechnung Stimmung mit Jubelgeschrei, Beifall oder Buhrufen, je nachdem.

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Schon beim ersten Ergebnis um 18.25 Uhr war klar, das Rennen würde Jörg Farr machen, doch der wartete mit Ehefrau Kerstin und seinen beiden Söhnen Sebastian (17) und Jan Hendrik (12) erst einmal in den hinteren Räumen, bis er sicher sein konnte.

Als Farr dann erschien, im diskreten, grauen Businessanzug mit unauffälliger Krawatte, brandete nicht enden wollender Beifall auf und Farr diktierte den verblüfften Pressevertretern als ersten Satz in den Notizblock, nach den „vier Wochen Erholungsurlaub“, genannt Wahlkampf, werde er „am Montag wieder an seinem Schreibtisch sitzen“ und sich dem Haushalt 2011 widmen. Dass er ab diesem Tag die großen Leitlinien mitbestimmen wird, auch wenn er dann noch Kreiskämmerer ist, sagte er nicht, es versteht sich wohl von selbst. In der Stunde seines Triumphes dann eine tiefe Verbeugung vor dem Noch-Amtsinhaber: Er kenne Heinz-Gerhard Schöttelndreier seit 32 Jahren, sei bei ihm „durch eine harte Schule“ gegangen und es seien extrem große Fußstapfen, in die er jetzt trete. Lauter Zwischenruf aus dem Saal: „Du darfst aber jetzt Charlie zu ihm sagen.“

Das Image des nüchternen Mannes der Zahlen bröckelte kurz, als Farr, sichtlich bewegt, auf einem Stuhl stehend, Wählern und Helfern überschwänglich dankte und mit der Anmerkung schloss: „Ich bin stolz, dass ich das jetzt ohne Tränen überstanden habe.“

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CDU-Kreistagsfraktionsvorsitzender Gunter Feuerbach zog den Verlierer des Abends, Klaus-Dieter Drewes, kaum war der im Saal, erst einmal aus dem Verkehr. Man darf annehmen, beide einigten sich in der Saalecke auf die Sprachregelung, die Drewes anschließend den Journalisten präsentierte. Wobei Feuerbach Galgenhumor bewies mit einer Anmerkung, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht war: Es sei eben Halloween, „die Nacht des Grauens“. Die Gründe, die Drewes für sein Scheitern nannte, fanden sich nahezu wortgleich bei Farr als Gründe des Sieges wieder: Schaumburg wähle nun einmal traditionell sozialdemokratisch und habe hier dem Verwaltungsfachmann den Vorzug vor einem Kommunalpolitiker gegeben.

Die Nachfrage nach seinen Gefühlen im Angesicht der deprimierenden Zahlen konterte Sparkassenbetriebswirt Drewes mit der humorvollen Anmerkung: „Meine Sparkassenmenschen haben mir schon gesagt: Schade für dich, aber schön für uns, dass du bei uns bleibst.“

Dass die Wahlschlappe an ihm nicht spurlos vorbeigegangen ist, ließ sein letzter Satz beim kurzen Interview vermuten. Drewes kündigte an, er stehe künftig nicht mehr für ein Landtags- oder Bundestagsmandat zur Verfügung.

Sören Hartmann (Linke) hielt sich im Hintergrund, während auf der Leinwand Grafik um Grafik seine Aussichtslosigkeit illustrierte. Was die gute Laune des jungen Mannes im Sweatshirt der Universität Bielefeld nicht im geringsten beeinträchtigte: Fünf Prozent sei sein Ziel gewesen, an mehr habe er nie geglaubt. Zehn Prozent in Rinteln seien für die Linken ein Top-Einstieg in den nächsten Kommunalwahlkampf.

Wenig überraschend die Statements der Parteistrategen. Karsten Becker (SPD) kommentierte: Wer zur Wahl gegangen sei, habe bewusst den Fachmann gewählt. Torben Sven Schmidt und Heiko Tadge (beide CDU) machten aus ihrer Enttäuschung keinen Hehl: Mehr könne man sich nicht mehr engagieren, als es Drewes getan habe. Farr habe vom SPD-Bonus profitiert.

Vom Kreiskämmerer zum Landrat: Jörg Farr mit Ehefrau Kerstin in Siegerpose, aber wirklich glauben kann er das in diesem Augenblick noch nicht.

Links trifft ganz links: SPD-Fraktionschef Eckhard Ilsemann (r.) im Gespräch mit dem unterlegenen Kandidaten der Linken, Sören Hartmann.

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