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Die Zeit – mal rast sie, mal steht sie still

Marathonläufer erleben die Zeit wie eine Ziehharmonika. Am Anfang zieht sie sich zusammen, die ersten Kilometer verfliegen wie in Zeitraffer. Von der Tagesform hängt ab, wann sich dieses Gefühl ins Gegenteil verkehrt. Schwinden die Kräfte, dehnt sich die Zeit. Kurz vor dem Ziel streckt sich jede Sekunde zur gefühlten Stunde: Wie in Zeitlupe quält sich jetzt der Zeiger um die Uhr. Wie erklärt sich dieser Effekt der anfangs gestauchten, dann gedehnten Zeit? Wonach richtet sich unser inneres Zeitempfinden?

Beim Betrachten des „Gartens der Lüste“ von Hieronymus Bosch verkürzt sich die Zeit, weil die Fülle der Details unse

Autor:

Frank Werner

Jeder weiß, wie endlos sich die Minuten im Zahnarztstuhl dahinschleppen, während sie beim anschließenden Durchstöbern des Lieblingsbuchladens im Handumdrehen vergehen. Zu den bitteren Ironien des Zeitempfindens gehört, dass es so gut wie nie unseren Wünschen folgt.

Würden wir die Zeit am liebsten anhalten, rast sie davon, wollen wir sie nur irgendwie herumkriegen, kriecht sie im Schneckentempo. Albert Einstein hat es einmal so ausgedrückt: „Wenn man mit einem netten Mädchen zwei Stunden zusammen ist, hat man das Gefühl, es seien zwei Minuten; wenn man zwei Minuten auf einem heißen Ofen sitzt, hat man das Gefühl, es seien zwei Stunden. Das ist Relativität.“

Wann die gefühlte Minute wie im Flug vergeht und wann sie sich ins Unerträgliche dehnt, hängt unter anderem (wie Einsteins Beispiel nahelegt) von der Dringlichkeit ab, die wir ihrem Vergehen beimessen. Um es mit den Worten des Zeitforschers Karlheinz A. Geißler zu sagen: „Es kommt darauf an, auf welcher Seite der Klotür man sich befindet, um eine Minute als schnell oder langsam vergehend zu erleben.“

Das Bild unseres Fotografen Matthias Waldeck dagegen dehnt die Zeit in der Gegenwart und lässt sie in der Rückschau schrumpfen.
  • Das Bild unseres Fotografen Matthias Waldeck dagegen dehnt die Zeit in der Gegenwart und lässt sie in der Rückschau schrumpfen. Wir erinnern uns an einen einzigen Eindruck: grüner Weizen.

Auch unsere Aktivität und die Dichte der Sinnesreize beeinflussen das Zeitempfinden. Letztlich entscheidet über das gefühlte Tempo, wie viel Aufmerksamkeit wir der Zeit selbst schenken.

Leben wir mit vollem Bewusstsein „in der Zeit“ und registrieren geistesgegenwärtig ihr Verstreichen, kommt uns die Dauer einer Minute länger vor, als wenn wir buchstäblich keinen Sinn für die Zeit haben, weil wir von anderen Dingen abgelenkt werden.

Ob wir auf dem „heißen Ofen“ sitzen oder uns zu Tode langweilen, bedeutet für das Zeitempfinden insofern keinen Unterschied: In beiden Fällen sehnen wir uns danach, die unangenehme Erfahrung so schnell wie möglich zu beenden. Wir achten also auf die Zeit, deshalb erscheint sie uns lang.

Beim Fernsehen oder Computerspiel dagegen ist unsere Aufmerksamkeit vollkommen gebannt, wir registrieren das Verstreichen der Zeit gar nicht und fragen am Ende, wo sie geblieben ist. Mit „Zeitvernichtungsmaschinen“ dieser Art, so formuliert es der Wissenschaftsautor Stefan Klein, vertreiben wir buchstäblich die Zeit.

Nach den gleichen Gesetzen funktioniert übrigens der Zeitsinn beim Marathon. Am Anfang ist der Kopf noch frei für die vielen einprasselnden Sinneseindrücke, die ablenken und die Zeit damit unbewusst verkürzen. Zunehmend tritt jedoch die verbleibende Laufzeit ins Bewusstsein, bis sich am Ende fast das gesamte Denken auf einen einzigen Gedanken reduziert: Wann kommt endlich das Ziel? Die Zeit wird gefühlt immer länger, weil die alles beherrschende Sehnsucht, sie möge rasch vergehen, das Ziel in weite Ferne rückt.

Das Vertrackte (aber auch Versöhnliche) am Zeitempfinden ist: In der Erinnerung tickt die innere Uhr genau umgekehrt. Erlebnisreiche Tage, in denen die gegenwärtige Zeit verfliegt, weil wir durch viele Sinneseindrücke abgelenkt werden, erscheinen im Rückblick als relativ lang. Je mehr Informationen das Gehirn in einer bestimmten Zeitspanne speichert (was nur passiert, wenn die Informationen bedeutsam für uns sind), desto gestreckter wirkt diese Zeit in der Erinnerung. Monotonie dagegen dehnt die Zeit in der Gegenwart, lässt sie aber in der Rückschau schrumpfen. Im Extremfall dampft die Zeit, die ereignislos verstrichen ist, rückblickend auf eine einzige Erinnerung ein: Es war langweilig.

Daher kommt es auch, dass uns der Hinweg zu einem unbekannten Ziel in der Erinnerung oft länger vorkommt als der Rückweg. Auf dem Hinweg sind wir aufmerksamer, verarbeiten mehr Sinneseindrücke als auf dem Rückweg, auf dem wir die Strecke ja schon kennen.

Was glauben Sie, wie lange Sie für das Lesen dieses Artikel gebraucht haben? Wahrscheinlich wird die geschätzte Zeit von der, die auf der Uhr verstrichen ist, nicht unerheblich abweichen. Ebenso wie unser Empfinden des Zeitvergehens ist unser Sinn für Zeitspannen nicht sonderlich verlässlich. Vor allem bei längeren Perioden – das zeigt sich schon bei Minuten- im Vergleich zu Sekundenintervallen (siehe das Experiment unten) – liegen wir oft weit daneben. Beim Abschätzen der Zeitdauer orientieren wir uns an der Atmung, unserem Erfahrungswissen, zählen vielleicht die Sekunden – aber beim Versuch, den Ablauf einer Stunde genau zu bestimmen, geraten wir definitiv ins Schleudern. Weil wir über keinen zuverlässigen inneren Zeitzähler verfügen und uns – wie geschildert – durch äußere Reize oder deren Ausbleiben – täuschen lassen.

Sie können die Theorie über die Unterschiede im gefühlten Zeitvergehen selbst testen. Lassen Sie einen Freund nacheinander die beiden oben stehenden Bilder betrachten und jeweils „Stopp“ sagen, wenn seiner Meinung nach 15 Sekunden vergangen sind. Wahrscheinlich wird er beide Male zu früh abbrechen, beim Bild „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch aber vielleicht noch früher als beim konturlosen Weizenfeld, weil die Vielzahl der Sinneseindrücke im Bild links die Zeit für ihn schneller vergehen lässt.

Alternativ könnten Sie die Bilder nacheinander (mit verdeckter Uhr) exakt 15 Sekunden zeigen und anschließend fragen, wie viel Zeit verstrichen ist. Aus der Erinnerung wird Ihr Freund wahrscheinlich in beiden Fällen mehr als 15 Sekunden angeben, aber beim Bild von Bosch eine noch längere Zeitspanne als beim Feldfoto, weil die unzähligen Details dem Gehirn in der Rückschau eine längere Dauer suggeriert haben.

(Das Experiment ist dem Versuch im Buch „Zeit. Der Stoff aus dem das Leben ist“ von Stefan Klein entlehnt).

Eine Minute, wenn der Computer sich verhakt, dauert ewig. Eine Minute, wenn es die letzte auf dem Weg bis zur Abfahrt meines Zuges ist, verfliegt im Nu. Mal dehnt sich die Zeit, mal schrumpft sie: Unser Gefühl für die Zeit ist so unzuverlässig wie ein stotterndes Uhrwerk.

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