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Die Vergangenheit für die Zukunft retten

Wenn ein Bauernhaus zehn Jahre nur noch von einem alten Menschen bewohnt wird, ist es meistens schon zu spät, um es noch retten zu können.“ Gerhard Sommer, Mitglied der Interessengemeinschaft (IG) Bauernhaus und Ortsratsmitglied in dem kleinen Dorf Verliehausen im südlichen Weserbergland, weiß, wovon er spricht. „Da gibt es dann oft nur weit entfernt lebende Verwandte, die sich nicht um den Erhalt des Hauses kümmern – und schon ist wieder ein möglicherweise denkmalgeschütztes Bauwerk dem Verfall preisgegeben.“

Leerstand im Zentrum von Bodenfelde. Auch auf der anderen Straße

Von Wolfhard F. Truchseß

Wenn ein Bauernhaus zehn Jahre nur noch von einem alten Menschen bewohnt wird, ist es meistens schon zu spät, um es noch retten zu können.“ Gerhard Sommer, Mitglied der Interessengemeinschaft (IG) Bauernhaus und Ortsratsmitglied in dem kleinen Dorf Verliehausen im südlichen Weserbergland, weiß, wovon er spricht. „Da gibt es dann oft nur weit entfernt lebende Verwandte, die sich nicht um den Erhalt des Hauses kümmern – und schon ist wieder ein möglicherweise denkmalgeschütztes Bauwerk dem Verfall preisgegeben.“ Rund fünf Prozent der Häuser in Verliehausen stehen inzwischen leer. Von einst 17 landwirtschaftlichen Vollerwerbsbetrieben existieren heute nur noch zwei, auch 33 weitere Nebenerwerbsbetriebe haben längst aufgegeben. Verliehausen ist damit typisch auch für Orte unserer Region. 36 Prozent der Dorfbewohner sind mittlerweile älter als 60 Jahre – und es gibt immer weniger Nachwuchs.

„Erst sterben die Schule, das Wirtshaus, die Post und der Metzger. Am Ende wird auch die Kirche geschlossen.“ Keine erfreuliche Bilanz, die Dr. Josef Lange, Staatssekretär im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, während einer Podiumsdiskussion mit Landräten und Denkmalschützern in Hann. Münden zieht. „Nur, wenn sich ein Dorf aufrafft, wenn sich die Menschen vor Ort engagieren, kann noch einiges gerettet werden“, erklärt der Politiker. „Ohne dass die Menschen selbst aktiv werden, kann auch die Politik nichts ändern.“ Da ist Landrat Stefan Reuß aus dem benachbarten Werra-Meißner-Kreis allerdings anderer Meinung. „Wir haben die Ausweisung neuer Baugebiete in meinem Landkreis untersagt“, berichtet er. So wolle der Kreis dafür sorgen, dass nicht noch mehr Leerstand entstehe, dafür aber Gebautes wieder bewohnt werde. Reuß: „Wir sind vom demografischen Wandel besonders betroffen und verlieren pro Jahr rund 1000 Einwohner. Das sind so viele, wie zwei Dörfer bei uns Bewohner haben.“ Eine Tendenz, die sich auch im Landkreis Holzminden ablesen lässt und dafür sorgt, dass immer mehr Häuser und Wohnungen leer stehen.

„Haus sucht Bauer“ – unter diesem Motto fand jetzt eine Bereisung im südlichen Weserbergland statt, die das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz zusammen mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und der IG Bauernhaus veranstaltet hatte. Nur findet auf dem Dorf offenbar kaum noch ein leer stehendes Haus einen neuen Mieter oder gar Käufer. Dietrich Maschmeyer, der Bundesvorsitzende der IG Bauernhaus, plädiert deshalb dafür, sich rechtzeitig um einen Käufer zu bemühen. „Sind die Häuser erst runtergewirtschaftet, wird es immer schwerer, einen Interessenten zu finden. Wir haben deshalb eine Börse für Bauernhöfe ins Leben gerufen. Die funktioniert zum Beispiel im Landkreis Minden-Lübbecke sehr gut.“

Dieser Resthof im südlichen Weserbergland sucht bislang vergebli
  • Dieser Resthof im südlichen Weserbergland sucht bislang vergeblich nach einem neuen Bewohner.

Dass nicht jedes Dorf tatenlos dem Verfall und der Vergreisung zum Opfer fallen muss, zeigt der kleine Ort Hemeln an der Weser. 900 Menschen leben dort – „und die Einwohnerzahl ist stabil“, wie Walter Henckel, Architekt und dort bereits seit 40 Jahren Ortsheimatpfleger, erklärt. Im Gegensatz zu dem nur wenige Kilometer entfernten Unterzentrum Bodenfelde, das mitten im Ort Leerstände aufweist, so weit das Auge reicht, macht Hemeln mit seinen zahlreichen Fachwerkhäusern einen schmucken und gepflegten Eindruck. „Hier muss kein Haus einen Bauern suchen“, sagt Henckel. „Hier funktioniert die Dorfgemeinschaft noch.“ Als Architekt habe er die Menschen in den vergangenen Jahren intensiv beraten, angeleitet und manche auch überredet, ihre Häuser zu sanieren und sie für die Zukunft zu erhalten. Dafür erhält Henckel auch ein dickes Lob von Dr. Stefan Winghart, dem Präsidenten des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Aber Winghart muss während der Podiumsdiskussion einräumen, dass sich auch in Zukunft nicht jedes denkmalgeschützte Haus wird erhalten lassen. „Wenn sich kein Erbe um ein Haus kümmert, haben wir weder die rechtlichen Möglichkeiten noch das Geld, wirklich etwas zu tun.“ Das sieht auch der Landrat des Kreises Göttingen, Reinhard Schermann, so. „Wenn die Bevölkerung in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten von 80 Millionen Menschen auf 60 Millionen sinkt, dann wird das selbstverständlich Folgen für den Denkmalschutz haben“, sagt Schermann. Seine Devise: „Wir müssen das Leben auf dem Land wieder attraktiv machen, wir müssen für die nötige Infrastruktur sorgen.“ Heute gehe der Trend zwar wieder zurück in die Stadt. „Aber was wird in zehn Jahren sein?“ Dann werde der Preisvorteil des billigeren Wohnens und Lebens auf dem Land diesen Trend vielleicht auch wieder umkehren. Ganz sicher sei aber eines: „Die Kommunen und das Land können nicht alle denkmalgeschützten Häuser retten. Dazu brauchen wir viele kreative Köpfe und Kräfte.“ Auch der Vertreter einer Unteren Denkmalbehörde stellt fest: „Wenn kein Geld vorhanden ist, lässt sich kaum etwas machen.“ Außerdem sei die Denkmalschutzpolitik in Niedersachsen „auf Schwund“ ausgelegt. Er selbst sei allein in seinem Kreis zuständig für 1600 Objekte. „Wenn man da keine engagierten Ortsheimatpfleger zur Seite hat, steht man auf verlorenem Posten.“

Was Engagement zu bewirken vermag, zeigt sowohl der Zustand der Häuser in Hemeln als auch das beherzte Zupacken des Denkmalschutz-Aktivisten Bernd Demandt in Hann. Münden, der nicht nur mehrere abrissreife Fachwerkhäuser ins Leben zurückgeholt hat, sondern seit einem Monat in einer ehemaligen Kirche ein Café betreibt, das geschmackvoll unter Nutzung der alten Kirchenbänke eingerichtet ist. Nicht nur Häuser auf dem Land suchen mittlerweile neue Bewohner, der demografische Wandel führt selbst bei alten sakralen Bauten dazu, dass sie zu profanen Zwecken genutzt werden – so sich denn jemand wie Demandt findet, der mit Ideen und Kreativität die Vergangenheit für die Zukunft retten will.

Auch Gerhard Sommer ist so ein Mann. In einem Nachbarort von Verliehausen hat er vor Jahren ein uraltes Bauernhaus erworben und in jahrelanger Arbeit so saniert, dass die alten Wohn- und Lebensstrukturen noch heute erkennbar sind. Das alte Haus hat mit Sommer zwar keinen Bauern gefunden, dafür aber einen pensionierten Bauingenieur, der mit großer Liebe zum Detail den Beweis antritt, dass sich die Leidenschaft für den Denkmalschutz lohnen kann.

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