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Antik-Café an der Echternstraße schließt am Sonntag / Noch wird ein Nachmieter gesucht

Die Seelsorgerin macht ihre Praxis zu

Bad Münder. Hannelore Saul ist traurig. „Ich weiß nicht, was ich meinen Älteren jetzt anbieten kann.“ Nach nicht einmal zwei Jahren muss Saul ihr Antik-Café an der Echternstraße 18 aufgeben – ein wichtiger Treffpunkt in der Innenstadt fällt weg.

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Autor:

Markus Richter

Am Sonntag werden sie noch einmal alle da sein: die Senioren, die Ausflügler, die Kurgäste. „Was soll ich für euch machen?“, hat die Chefin des Hauses die Damen gefragt, die sich auf den gut gepolsterten Stühlen mit Verschnörkelungen und Verzierungen so richtig wohlfühlen. Die ihre Rollatoren aufgereiht im Eingang parken. Die einen Stammtisch haben. Manchmal stundenlang einfach nur reden wollen. Schnell war klar: Hannelore Saul backt einen frischen Zwiebelkuchen. Sie macht das wie immer, wenn sie am Herd steht: Es gibt etwas Frisches, das sie mit Leidenschaft zubereitet. „Dabei mag ich persönlich ja eigentlich keinen Kuchen“, schmunzelt die Café-Betreiberin und wird dann ernst: Sonntag ist der gemütlich eingerichtete Laden mit seinen Stehlampen, den Sesseln, dem Bücherschrank und dem dunklen Holz das allerletzte Mal geöffnet. „Persönliche Gründe“, führt sie dafür an.

Nicht, dass das Geschäft nicht gebrummt hätte – im Gegenteil: Die Idee, mit der Hannelore und Hans-Joachim Saul am 6. Januar 2011 als Quereinsteiger die frühere Kneipe übernahmen und umgestalteten, kam an. Es sei sogar über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, dass es hier diesen Treffpunkt gibt. Hannelore Saul weiß: Abgesehen vom Café Meynen, das nicht zentral liegt, gibt es kein weiteres Kaffeestübchen im klassischen Sinne in Bad Münder. „Darum hoffe ich, einen Nachmieter zu finden, der unsere Sache fortsetzt.“ Der könne auch das Inventar – größtenteils Möbel aus dem Stuhlmuseum Eimbeckhausen – übernehmen. Doch man merkt der Münderanerin an, die täglich zwölf Stunden und mehr vor Ort verbringt, dass sie sich gerade für die älteren Damen und Herren freut, wenn aus dem Café „kein Laden mit glitzerndem Chrom wird. Denn das würde nicht passen.“

Hannelore Saul hat sich in kurzer Zeit zur „Seelsorgerin“ von nebenan entwickelt. Sie hat festgestellt: „Viele Menschen hier sind einsam, haben niemanden zum Reden.“ Und jenen leiht sie ihr Ohr, hört ihnen zu, muntert sie auf. Und so kommt es, dass diese Gäste zum Mittag da sind und gleich bis zum Nachmittag bleiben, noch einen Tee trinken, sich in einen der kuscheligen Sessel in die Ecke setzen, die an ein klassisches Wohnzimmer erinnert, in einem Buch stöbern. Gerade donnerstags, wenn Markt ist, ergänze das Antik-Café das Angebot in der Stadt, ist sie überzeugt.

Hannelore Saul wird das fehlen. Und sie wird wieder zurückgehen in den Getränkemarkt, wo sie schon neun Arbeitsjahre verbracht hat. Wird den Laden als Filialleiterin übernehmen, immer noch eine lange Woche haben. Das Abenteuer vom eigenen Café aber ist zu Ende.

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