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Archäologen haben ihre Grabungen mit fantastischen Funden beendet / Jetzt wird ausgewertet

Die Reise ins Gestern ist noch nicht vorbei

Hameln. Das Goldfitzelchen, das Joachim Schween auf seinem Finger balanciert, ist so winzig, dass man eine starke Lupe braucht, um Feinheiten wie die Filigrandraht-Verzierung zu entdecken. Aber es glänzt mit den Augen des Archäologen um die Wette. Der Fund versetzt Schween in Euphorie: In der untersten, der ältesten Schicht sind er und sein Kollege Kay Suchowa kurz vor Abschluss ihrer Grabungen auf das 0,1 Gramm schwere Teilchen aus 750er Gold gestoßen.

Jetzt gilt es, alles gesammelte Material auszuwerten. Auf die Ar

Von Karin Rohr

Hameln. Das Goldfitzelchen, das Joachim Schween auf seinem Finger balanciert, ist so winzig, dass man eine starke Lupe braucht, um Feinheiten wie die Filigrandraht-Verzierung zu entdecken. Aber es glänzt mit den Augen des Archäologen um die Wette. Der Fund versetzt Schween in Euphorie: In der untersten, der ältesten Schicht sind er und sein Kollege Kay Suchowa kurz vor Abschluss ihrer Grabungen auf das 0,1 Gramm schwere Teilchen aus 750er Gold gestoßen. Zum Glück erst so spät, sagt Schween. Sonst hätte es wohl einen Ansturm auf die Grube gegeben. Seit gestern ist sie leer. Die Mauerreste und Siedlungsspuren aus vergangenen Zeiten sind verschwunden. Das Loch, das jetzt dort gähnt, ist für die Trafo-Station bestimmt, die unter dem Pflaster vor dem Bäckerscharren installiert wird. Schicht um Schicht hatten sich die Archäologen und ihre Helfer dort in Hamelns Geschichte gebuddelt. Ihre Ausbeute: 48 Zeichnungen, Fotos, die in die Tausende gehen, exakte Vermessungen, 350 Beobachtungen, die festgehalten wurden – und Fundstücke, die das Museum bekommt. Mag das zuletzt entdeckte Goldstückchen auch winzig sein – für die Archäologen war die Grube eine echte Goldgrube: „Auf die relativ kleine Fläche bezogen, waren die Überreste, die gefunden wurden, sensationell“, sagt Schween. Und Suchowa erklärt: „Wir haben eine ganze Siedlungsgenese gefunden, an der man die Besiedlungsphasen vom Frühmittelalter bis in die Renaissance verfolgen konnte.“ Und zwar „frei von modernen Störungen“ wie Leitungen oder Kabel. Die Bedingungen seien so gut gewesen, dass sogar organische Reste wie Leder, Holz und Knochen sichergestellt werden konnten, freuen sich die beiden Archäologen. So gehören zu den Fundstücken eine überraschend gut erhaltene Ledersohle, Abfälle von Bauholz und etliche Tierknochen, darunter auch zwei bearbeitete Stücke. Schween: „Wir haben ein mit Fischgrätmuster verziertes Knochenstück entdeckt, das ursprünglich zylindrisch und vermutlich der Griff eines Gegenstandes war.“ Wie der Goldwinzling, der vor über 1000 Jahren Teil einer Fassung für einen Stein gewesen sein könnte, stammt auch dieser Knochenfund aus der sehr dunklen, ältesten genutzten Schicht über dem Auelehm. Auch die Reste eines mutmaßlichen Dreilagen-Kamms (Schween: „Der Griff wurde aus drei dünnen Knochenscheiben zusammengesetzt und vernietet“) datiert der Archäologe grob auf die Zeit 9. bis 10. Jahrhundert, während ein weiterer Knochenkamm, der wohl als Steckkamm benutzt wurde, jüngeren Datums ist: „Der Griffbereich ist durchlocht, da könnten Bänder durchgezogen worden sein, dann wäre es ein Trachtenkamm“, erklärt Suchowa und vermutet, dass der Kamm aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammt. Zur Ausbeute aus der Grube gehören außerdem Scherben, die noch gereinigt werden müssen und ein Stück Ofenkeramik aus dem 16. Jahrhundert.

Als eine der spannendsten Entdeckungen aber werten die beiden Archäologen die Überreste eines Brunnens, bei dem es sich um jenen Renaissance-Brunnen handeln könnte, der auf einem Flugblatt von 1622 dargestellt ist. Zwar gab es früher viele Brunnen in der Stadt, dieser aber stand im öffentlichen Straßenraum: „Und damit liegt die Vermutung nahe, dass es sich um Reste des Brunnens handelt, auf den später der Renaissance-Brunnen aufgesetzt wurde“, erklärt Schween.

Ein Stück Vergangenheit, das jetzt auch vergangen ist, musste es doch der Trafo-Station Platz machen. Eine Vergangenheit aber auch, die unzählige Passanten gefesselt hat. Immer wieder blieben Zaungäste stehen, bestaunten die Mauerreste, löcherten die Archäologen mit Fragen: „Das Interesse war gewaltig“, sagt Kay Suchowa. Von Schicht zu Schicht konnten die Veränderungen hautnah und gut einsehbar verfolgt werden. „Es gab Leute, die kamen jeden Tag.“ Gefreut hat die Archäologen die große Anteilnahme und Wissbegierde junger Leute – egal, welcher Nationalität. Ein britischer Junge war so begeistert, dass er ein Bild von den Grabungen gemalt und den Archäologen geschenkt hat. Geradezu „extrem“ sei das Interesse von Touristen gewesen, hat Schween festgestellt: „Die haben sofort Vergleiche mit Köln und Trier gezogen.“ Und Wünsche geäußert, dass man mit Grabungen in Hameln auch so wie dort verfahren möge. Eine Hoffnung, die von vielen Hamelnern geteilt wird; denn auch wenn es vor dem Bäckerscharren nichts mehr zu retten gibt, „denkbar sind noch andere spannende Entdeckungen im Verlauf der Fußgängerzonen-Sanierung“, sind sich Schween und Suchowa einig. Für eine Glasplatte, unter der so eine Fundstätte theoretisch präsentiert werden könnte, macht sich Hedwig Draheim-Liesner stark: Sie würde einen Fonds gründen wollen und selbst 100 Euro einzahlen, teilte sie in einem Anruf bei der Dewezet mit: „Damit ein Stück Vergangenheit lebendig bleibt.“

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Was fasziniert Passanten an Grabungsstätten? „Da kommt ein bisschen Schatzgräber-Mentalität ins Spiel“, meint Suchowa: „Man hat nur kleine Hinweise, beginnt sich zu fragen, was da mal war und fängt an, zu spekulieren.“ Wildfremde Schaulustige, hat er beobachtet, seien so miteinander ins Gespräch gekommen. Und noch etwas haben beide Archäologen in der Diskussion mit Passanten erfreut registriert: „Große Ehrfurcht vor dem, was die Menschen damals geschaffen haben.“

Eine Bildergalerie von den Grabungen gibt’s im Internet unter www.dewezet.de

Ein Steckkamm aus dem 11. oder 12. Jahrhundert.

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