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Spektakulärer Mordprozess in Deckbergen vor 90 Jahren – der Mörder wird später selber ermordet

Die Opfer bleiben lange verschwunden

Von Wilhelm Gerntrup

Endstation Meseritz-Obrawalda: Der wegen Doppelmordes verurteilt

Ein spektakulärer Mordprozess erregte vor 90 Jahren – weit über die Grenzen des Schaumburger Landes hinaus – die Gemüter. Verhandelt wurde ein Verbrechen, dass sich knapp ein Jahr zuvor in Deckbergen zugetragen hatte.

In dem heute zu Rinteln gehörenden Dorf waren am 28. Mai 1919, dem Tag vor Himmelfahrt, zwei junge Männer umgebracht worden. Bis heute ist nicht ganz klar, was sich zur Tatzeit abgespielt hat. Auch über den Verbleib der Opfer wusste man eine ganze Zeit lang nichts. Dann wurde nach gut zehn Wochen Franz Richter entdeckt. Seine Leiche lag – notdürftig verscharrt – in einem abgelegenen Waldstück auf dem „Giesebrink“ oberhalb des Ortes. Der 29-Jährige war hinterrücks und aus nächster Nähe erschossen worden. Was aus dem zweiten Vermissten Ernst Schmidt, 27, geworden war, blieb zunächst weiterhin ungewiss. Seine Überreste wurden erst gut ein Jahr später, im Mai 1920, mehrere Kilometer östlich von Deckbergen entfernt im „Flintberg“ gefunden.

Nach fieberhaften Ermittlungen und der Festnahme von zwei anderen Tatverdächtigen wurde schließlich ein 26-jähriger Mann namens Gerhard Lutter aus Deckbergen angeklagt. Der Prozess ging Ende Februar 1920 vor dem Schwurgericht in Hannover über die Bühne. Lutter stritt bis zuletzt alle Anschuldigungen ab. Für die Geschworenen aber war nach sechs Verhandlungstagen klar: Der gelernte Maurer hatte aus Habgier getötet. Er wurde zum Tode verurteilt.

Die Berichte über Tat und Täter füllten über Monate hinweg die Zeitungsspalten. Die größte Aufregung herrschte in Deckbergen. Die Gerüchteküche brodelte. Freundschaften und gutnachbarschaftliche Beziehungen gingen zu Bruch. Das Miteinander im Dorf bekam einen über Jahrzehnte hinweg spürbaren Knacks.

Zum Verständnis der Begleitumstände des Verbrechens hilft ein Blick auf die damaligen sozialen und politischen Verhältnisse. Es war die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Im besiegten Deutschland herrschten Hunger und Not. Vor allem die aus Schützengräben und Gefangenenlagern heimkehrenden jungen Soldaten standen ohne Arbeit und Zukunftsperspektiven da.

So wie Lutter hielten sich viele von ihnen durch Betrügereien und Schwarzhandel über Wasser. Nach dessen Prozessaussage waren an seinen Schiebereien des Öfteren auch Nachbarn und Bekannte aus Deckbergen beteiligt. Mit der Polizei war der als großspurig und dreist geltende Korbflechtersohn wegen des Diebstahls einer Ziege in Konflikt geraten.

Im Frühjahr 1919 bot Lutter seinem in Hannover wohnenden Ex-Kriegskameraden Schmidt eine größere Portion „Ramschware“ (Lebensmittel) an. Es war nicht das erste Mal, dass die beiden „Geschäfte“ miteinander machten. Zur Regelung der Übergabedetails wurde ein Treffen im Deckberger Dorfkrug am Abend vor Himmelfahrt verabredet. Das nach seinem Erbauer auch als „Gasthaus Heisterhagen“ bekannte Lokal war zu jener Zeit an Albert Reimer verpachtet.

Lutter pflegte auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten und ohne Wissen des Betreibers einzukehren. Lore Reimer, die Frau des Wirts, war seine heimliche Geliebte. Das hinderte ihn später nicht daran, der jungen Frau und dem ebenfalls im Dorf ansässigen Bauern Friedrich Söffker den Mord in die Schuhe zu schieben.

Was sich an dem fraglichen Abend in und um Deckbergen herum tatsächlich abgespielt hat, konnte nie restlos aufgeklärt worden. Sicher ist nur, dass Schmidt zur Unterstützung beim Abtransport der Schieberware seinen Freund Richter mitgebracht hatte. Sie kamen mit der Bahn und trafen irgendwann im Laufe des Tages auf dem Deckberger Bahnhof ein. Nach Darstellung Lutters fanden sich die beiden später, wie verabredet, im Klubzimmer der Gaststätte ein. Auch die Frau des Gastwirts sei dazugestoßen. Als er (Lutter) sich später aus der Runde verabschiedet habe, seien die beiden Hannoveraner noch am Leben gewesen. Später habe ihm Lore Reimer erzählt, dass sie und ihr Komplize Söffker die zwei aus dem Wege geschafft hätten.

Das Gericht sah die Sache aufgrund der Zeugenaussagen und einer ganzen Reihe belastender Indizien anders und ging von einer Alleinschuld und -Täterschaft des 26-Jährigen aus. Während der Urteilsverkündung kam es zu tumultartigen Szenen. Lutter schrie und tobte und musste gewaltsam aus dem Gerichtssaal entfernt werden. Wie es danach mit ihm weiterging, ist bislang nicht eindeutig erforscht. Jedenfalls wurde die Vollstreckung des Todesurteils ausgesetzt. Die folgenden 23 Jahre saß Lutter in den Zuchthäusern Hameln und (ab 1937) in Münster ein.

In Deckbergen gerieten Tat und Täter allmählich in Vergessenheit. „Heute sind die Ereignisse nur noch ein paar älteren Einwohnern bekannt“, weiß Karl Büthe. Der 89-jährige Ex-Standesbeamte und langjährige Bürgermeister ist wie kein anderer mit Geschichte und Geschichten seines Heimatdorfes vertraut. Einiges zum damaligen Geschehen kann auch Angelika Schierhölter beisteuern. Die „Chefin“ des örtlichen Kirchenarchivs ist bei ihren umfangreichen Recherchen auch auf Berichte über den Mordfall gestoßen.

Dank Büthe und Schierhölter lässt sich auch das kaum fassbare Lebensende Lutters nachvollziehen: Der brutale Doppelmörder wurde 25 Jahre nach seiner Tat selber Opfer eines Gewaltverbrechens. Anfang der 1940er Jahre begannen die NS-Rassenfanatiker mit der Umsetzung ihres Euthanasieprogramms. Ziel war die Ausmerzung der „Gemeinschaftsunfähigen“. Damit waren vor allem „Asoziale“, psychisch Kranke, „Arbeitsscheue“, schwer erziehbare Jugendliche, Straftäter und „Nichtsnutze aller Art“ gemeint. 1942 wurde Lutter von Münster nach Meseritz-Obrawalde in Pommern verlegt. Die frühere örtliche Nervenheilanstalt war kurz zuvor zum Vernichtungszentrum ausgebaut worden. Nach den vorliegenden Forschungsergebnissen wurden dort bis Ende des Krieges mehr als zehntausend als „lebensunwert“ geltende und aus allen Teilen des Reichs heran gekarrte Männer und Frauen umgebracht. Gängiges Mordinstrument war die Giftspritze. Als offizielle Todesursache war meist „Gehirnlähmung“ angegeben. In den heute im Landesarchiv Berlin aufbewahrten Todeslisten ist unter den Eintragungen aus dem März 1943 auch der Name Gerhard Lutter verzeichnet.

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