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Der jugendliche Herausforderer: Sören Hartmann kandidiert mit 23 Jahren für die Linken

Die Lust auf den Überraschungswechsel wecken

Landkreis. Sören Hartmann wird wohl nicht der nächste Schaumburger Landrat. Deutlich wahrscheinlicher scheint die Möglichkeit, dass bis heute Abend die Formel für einen immerwährenden Frieden im Nahen Osten gefunden wird, als die Realität werdende Vorstellung, ein 23-Jähriger stehe demnächst einer Verwaltung von über 2000 Angestellten vor.

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Autor:

Frank Westermann

„Aber er darf es versuchen“, betont Dr. Manfred Sohn, Fraktionsvorsitzender der Linken im Landtag zu Hannover und politischer Mentor des Rintelner Kandidaten. „Demokratie lebt doch vom Mitmachen“, sagt Sohn, deutlich schöner wäre es daher doch, wenn hier auf dem Marktplatz Rinteln alle Parteien einen eigenen Kandidaten aufbieten würden: „Sonst darf man sich auch nicht wundern, wenn immer weniger Menschen zur Wahl gehen.“

Viel Geld hat der Jungkandidat nicht: 3000 Euro wird Sören Hartmann in diesen Wahlkampf investieren, ein Drittel kommt vom Kreisverband mit seinen rund 80 Mitgliedern, 2000 Euro schießt der Landesverband zu. Damit werden Plakate und Flyer gekauft, zu mehr wird es nicht reichen. Die großen Plakate, die sogenannten Wesselmänner, auf denen die Konkurrenz dem Wähler entgegen lächelt, würden für sechs Wochen 600 bis 800 Euro pro Stück kosten, viel zu viel Geld, Hartmann muss daher andere Wege gehen. Es sind die ebenso üblichen wie mühsamen: Wochenmärkte werden abgedeckt, Fußgängerzonen auf und ab beschritten, ein Liederabend mit Dieter Dehm ist eingeplant, Gespräche mit der Gewerkschaft werden gesucht und gefunden, viel läuft aber über das Internet, über StudiVZ oder Facebook: Im Internet, sagt er, „da kommt viel zurück“.

Den Job als Landrat traut sich Hartmann zu, immerhin hat er ein dreiviertel Jahr im Landtag gearbeitet; in der zweiten Reihe, dort wo die Verwaltungsarbeit erledigt werden muss, wo recherchiert wird oder eine Pressemitteilung zu verfassen ist. „Keine Frage, dass uns noch etwas fehlt“, erklärt Hartmann, aber den formalen Ansprüchen an einen Landrat entspreche er: mit seinem abgeschlossenen Studium in Sozialwissenschaft und Geschichte: „Und das andere, das kann man alles lernen.“ Seine Bachelor-Abschlussarbeit hat er über Kommunalfinanzen verfasst, und darüber, wie viel Handlungsspielraum diese Finanzen heute den Gestaltern in Verwaltung und Politik noch lassen. Und überhaupt: „Ich würde meine Rolle als Landrat eher als repräsentative Rolle interpretieren“, sagt Hartmann und verweist auf die Debatte um die drei Krankenhäuser und den Neonazi-Aufmarsch in Bad Nenndorf: „Dort hat der Landrat keine gute Figur gemacht.“

„Demokratie lebt vom Mitmachen“: Sören Hartmann kand
  • „Demokratie lebt vom Mitmachen“: Sören Hartmann kandidiert für die Linken und möchte Landrat werden. Foto: rnk

Natürlich wird Hartmann immer auf seine Jugend angesprochen; „Ihnen fehlt die Lebenserfahrung und die Berufserfahrung auch“, wird ihm mit der Regelmäßigkeit einer tibetanischen Gebetsmühle vorgehalten. Hartmann weicht nicht aus, er greift das Argument inhaltlich auf, antwortet offensiv: „Lebens- und Berufserfahrung ersetzen fehlende Argumente auch nicht.“ Da er bestrebt sei, „die Dinge anders anzugehen“, müsse ein anderer Maßstab angelegt werden. Und dann zückt Hartmann seinen kleinen Zettel und zeigt, dass er von dem, was dort steht, doch Ahnung hat, sind die Bedenkenträger schnell kleinlaut; läuft es gut, sind sie beeindruckt – so jung und schon so viel Ahnung.

Der Landtags-Linken-Chef Manfred Sohn erzählt derweil von Helgoland. Dort hätten sich die Parteien auf einen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl geeinigt, nur ein unabhängiger Jungunternehmer und die Linken hätten außerdem noch kandidiert. Und? In der Stichwahl fand sich die Kandidatin der Linken, die dem Jungunternehmer dann unterlag – mit über 47 Prozent. „Es passieren merkwürdige Dinge in diesem Land“, sagt Sohn und verweist auf Stuttgart, wo Hunderttausende auf die Straße gehen.

Selbst wenn er verlieren sollte, befindet Hartmann, „so hat der Wahlkampf viel Spaß gemacht“, auch wenn er gerade unter Jugendlichen viel Politikverdrossenheit ausgemacht hat: „Da müssen wir gegenankämpfen“.

Er selbst bleibt der Politik erhalten, im nächsten Jahr sind Kommunalwahlen, da ist er wieder mit dabei. Und richtet den Blick ein bisschen weiter: „Der Landtag in Hannover? Irgendwann durchaus denkbar.“

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